Technologiekonzern

Infinera-Betriebsrat erstreitet hohe Abfindungen

Infinera hält an der Schließung des Spandauer Werks fest. 400 Mitarbeiter werden nun Ende September ihren Job verlieren. Wie es jetzt weitergeht.

Infinera-Mitarbeiter protestierten gegen die geplante Werksschließung in Spandau. Nun wurde das Aus endgültig besiegelt.

Infinera-Mitarbeiter protestierten gegen die geplante Werksschließung in Spandau. Nun wurde das Aus endgültig besiegelt.

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin.  Gewerkschafts- und Arbeitnehmervertreter zeigten sich am Dienstag erleichtert über den Verhandlungsabschluss mit dem US-amerikanischen Technologieunternehmen Infinera. Wenngleich das Schlimmste nicht abgewendet werden konnte: Das Werk in Spandau wird Ende September geschlossen. 400 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Während der fast drei Monate dauernden Verhandlungen sei das Unternehmen zu keiner anderen Entscheidung zu bewegen gewesen, sagte Berlins IG-Metall-Chefin Birgit Dietze am Dienstag.

Maximal 75.000 Euro Abfindung pro Mitarbeiter

Dennoch hätten die Beschäftigten viel erreicht, erklärte die Zweite Bevollmächtigte der Berliner IG Metall, Regina Katerndahl. 19,5 Millionen Euro steuert Infinera bei, um der Belegschaft Abfindungen zu zahlen und eine Transfergesellschaft mitzufinanzieren. Über die Auffanggesellschaft sollen die Mitarbeiter vor allem mehr Zeit bei der Suche nach einem neuen Job erhalten. Zudem gebe es laut IG Metall Beratungen und Fortbildungen.

Ursprünglich habe, so die Gewerkschaft, das Angebot der Arbeitgeberseite nur bei zehn Millionen Euro gelegen. Hinzu kommt Geld der Bundesagentur für Arbeit. Das gesamte Volumen, mit dem den Beschäftigten der Neustart ins Berufsleben erleichtert werden soll, liege bei 24,5 Millionen Euro. Pro Mitarbeiter werden maximal 75.000 Euro Abfindung gezahlt.

Berliner Mitarbeiter sollen Thailänder schulen

Anfang Januar hatte der Technologiekonzern verkündet, das Werk in Spandau schließen zu wollen. Stattdessen soll die Telekommunikations-Technik demnächst bei dem thailändischen Lohnfertiger Fabrinet zusammengebaut werden. Infinera hofft so im Wettbewerb mit dem chinesischen Konkurrenten Huawei auf Kostenvorteile.

Besonders bitter: In den letzten Monaten soll die bisherige Infinera-Belegschaft in Spandau noch die Grundlagen für die weitere Produktion in Thailand schaffen. Mitarbeiter des neuen Lohnfertigers sind in den kommenden Wochen in Berlin zu Gast, sollen von den Infinera-Arbeitern auf die neuen Prozess und System vorbereitet werden. „Der neue Fertiger in Thailand wird von uns angelernt“, sagte der Infinera-Betriebsratschef Jörg Wichert.

Berliner Politik zeigte sich enttäuscht

Die IG Metall bezeichnete das Aus für den Standort in Berlin am Dienstag als „industriepolitische Katastrophe“. Ursprünglich hatte die Gewerkschaft gehofft, Infinera von den Schließungsplänen abbringen zu können. Doch bei der Geschäftsleitung stießen die Arbeitnehmervertreter auf taube Ohren. „Die Amerikaner haben mit unserer Kultur der Mitbestimmung wenig am Hut“, resümierte Regina Katerndahl. Immerhin: Die zahlreichen Aktionen der Infinera-Belegschaft, etwa ein Autokorso durch die Stadt, haben wohl dazu geführt, dass nun in puncto Abfindungen der Spielraum größer ist.

Dennoch ist unter den Politikern in Berlin die Enttäuschung groß. Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erklärte: „Bedauerlich, dass das Unternehmen jedes Gespräch verweigert hat. Offensichtlich gab es kein Interesse an einer Perspektive für Unternehmen und Mitarbeiter.“

Der Spandauer Bundestagsabgeordnete Kai Wegner (CDU) sagte: „Der amerikanische Investor war nicht zu konstruktiven Gesprächen über eine mögliche Zukunft des Standortes bereit. Ihm ging es wohl von Anfang an nur darum, Wissen und Patente zu erlangen.“ Das frühere Coriant-Werk hatte Infinera erst 2018 von einem Finanzinvestor übernommen worden.

IG-Metall: Wir hätten wachsamer sein müssen

Die Gewerkschaft räumte in dem Zusammenhang eigene Fehler ein. „Wir hätten zusammen mit der Bundesregierung wachsamer sein sollen. An der Stelle lernen wir dazu“, sagte Berlins IG-Metall-Chefin Birgit Dietze. Weil Infinera auch sicherheitsrelevante Infrastruktur – etwa für den neuen 5G-Mobilfunkstandard – herstellt, überprüft das Bundeswirtschaftsministerium derzeit, ob bei dem Verkauf gegen die Außenwirtschaftsverordnung verstoßen wurde. Das Aus des Spandauer Werks dürfte aber auch das nicht mehr verhindern.

Droht auch München das Aus?

Ähnlich schlecht steht es nach Ansicht der IG Metall auch um den zweiten Infinera-Standort in Deutschland: In München entwickeln rund 250 Mitarbeiter neue Produkte für den Technologiekonzern. „Wir fürchten um München“, sagte Birgit Dietze. Bisher hat sich das amerikanische Unternehmen allerdings noch nicht zur Zukunft des Standorts in Bayern geäußert.