Medienmacher

Die „Tagesschau“ fällt nachts aus – und der Chef hat Ärger

Der Wegfall der Nachtschicht bei ARD-aktuell sorgt für Ärger. Wurden Mittel zweckentfremdet? Oder gibt es doch ganz andere Gründe?

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-Aktuell.

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-Aktuell.

Foto: imago stock&people / imago/reportandum

Hamburg. „Es ist ein Brandbrief“, steht in dem auf den 13. März datierten Schreiben, das kürzlich alle ARD-Intendanten auf den Schreibtisch flatterte. Absender ist „eine Gruppe von Redakteur*innen von ARD-aktuell“, die ihre Namen nicht nennen wollen.

ARD-aktuell ist die in Hamburg angesiedelte Abteilung des Senderverbunds, die „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und „Nachtmagazin“ produziert. Auf ihre Anonymität bestehen die Briefeschreiber, weil ihr Chefredakteur Kai Gniffke „ein Klima der Angst geschaffen“ habe, wie sie schreiben.

ARD: „Tagesschau“ sagt Sendungen in der Nacht ab

Kern des Schreibens sind aber nicht die Methoden, mit denen ein Vorgesetzter angeblich seine Mitarbeiter drangsaliert. Die Absender werfen Gniffke, was schwerer wiegt, auch vor, Gebührengelder zweckentfremdet zu haben.

Zentraler Punkt ihres Briefs ist die Abschaffung der Nachtschicht bei ARD-aktuell zu Beginn dieses Jahres. Diese Schicht, die von 21:45 bis 6 Uhr ging, sollte sicher stellen, dass die ARD-Zuschauer auch nachts mit den neuesten Nachrichten versorgt werden. Deshalb laufen gegen 2:40 Uhr und gegen 4:40 Uhr noch Kurzausgaben der „Tagesschau“.

Urteil Rundfunkbeitrag- Verfassungsgericht mahnt Korrekturen an

Da aber ab 2:30 Uhr außer eines Online-Redakteurs nun niemand im Haus sei, habe Gniffke angeordnet, in Nächten mit hohem Nachrichtenaufkommen, die 4:40-Uhr-Ausgabe ausfallen zu lassen. „Die ,Tagesschau’ sagt Sendungen ab, wenn etwas passiert!“ empören sich die Briefeschreiber. „Die Gebührenzahler zahlen dafür, von uns rund um die Uhr mit Qualitäts-Nachrichten versorgt zu werden, das löst Herr Gniffke nicht mehr ein.“

Gelder sollen anders wo „Löcher stopfen“

Angeblich benötigt der Chefredakteur die Mittel für die nun gestrichene Nachtschicht, „um Löcher im Dienstplan zu stopfen“, die durch „immer neue Projekte und Baustellen entstehen“ würden.

Ein ganz ähnlicher Vorwurf wird in dem Schreiben im Zusammenhang mit Tagesschau24 erhoben. Auch bei dem ARD-Nachrichtenkanal würden „redaktionelle Kapazitäten … heruntergefahren“, weil Gniffke die dafür vorgesehenen Mittel „still und heimlich längst in andere Bereiche gesteckt hat.“

Redakteure von ARD-aktuell, die nicht zu den Briefeschreibern gehören, bestätigen, dass in letzter Zeit Mittel vor allem zugunsten von Tagesschau.de umgeschichtet wurden. Sie bestätigen auch den Wegfall der Nachtschicht sowie Gniffkes Anordnung, in nachrichtenstarken Nächten die 4:40-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“ zu streichen.

Gniffke will Vorgehen offenbar geheim halten

Unklar ist, inwieweit die ARD-Anstalten Kenntnis von den Veränderungen hatten, insbesondere von der Streichung der Nachtschicht. In dem Schreiben heißt es, Gniffke habe die Anweisung gegeben, „das nächtliche Vorgehen geheim zu halten (so ist es sogar in einem Protokoll einer Redaktionsgesprächsrunde vermerkt)“.

Krimi: Darum zeigt die ARD am 24. März eine „Tatort“-Wiederholung

Mehr zum Thema: Jan Hofer moderiert nach Schwächeanfall Koch-Wettbewerb

Müssten Sendungen in nachrichtenstarken Nächten ausfallen, „sollen ,redaktionelle Gründe’ vorgeschoben werden“. Ursprünglich habe es die Anweisung gegeben, mit „technischen Schwierigkeiten“ zu argumentieren, was die Mitarbeiter in der Produktion aber abgelehnt hätten.

Doch wie weit geht Gniffkes Rechenschaftspflicht den Anstalten gegenüber überhaupt? Erstreckt sie sich auch auf Nachtschichten?

Will man Gniffke als Intendanten-Kandidat schaden?

Laut ihrer Chefredaktion, ist ARD-aktuell „rund um die Uhr besetzt“. Zwar könne eine Nachtausgabe „im Ausnahmefall auch mal entfallen“. Wenn „etwas Gravierendes“ passiere, werde jedoch gesendet. Die Verwendung der Mittel erfolge „transparent“ und werde kontinuierlich von der ARD geprüft“.

• Sparen: ARD-Chef Ulrich Wilhelm: „Unser Angebot hat seinen Preis“

Interessant ist übrigens der Zeitpunkt, an dem der Brief verfasst wurde. Als die „Gruppe von Redakteur*innen“ zur Feder griff, war gerade mal drei Tage bekannt, dass die Findungskommission des SWR Gniffke zu einem von zwei Kandidaten gekürt hat, die sie den Gremien des Senders als neuen Intendanten zur Wahl vorschlagen will.

Darum geht es beim Streit um den Rundfunkbeitrag

Bei dieser Wahl wird mit härtesten Bandagen gekämpft. Sollten die Vorwürfe aus Hamburg in erster Linie dem Kandidaten Gniffke schaden?

Medienmacher-Kolumne – frühere Texte

Relotius-Affäre: Wenn in einer Story mehrere Figuren zu einer verschmelzen

Zeitungsverkauf bei DuMont: So könnte der Plan B der Mediengruppe DuMont aussehen

Senderumbau bei RTL: So radikal wird die Mediengruppe RTL Deutschland umgebaut