Popcorn aus Berlin

Lebensmittelhändler öffnen Start-ups die Tür

Die Firma Wildcorn zeigt, dass Start-ups den Sprung in die Supermarkt-Regale schaffen können. Zwei Millionen Packungen sollen verkauft werden.

Peilen 2019 zwei Millionen verkaufte Popcorn-Packungen an: die Wildcorn-Gründer Rejne Rittel, Tobias Enge und Max Lion Scherer (v.l.).

Peilen 2019 zwei Millionen verkaufte Popcorn-Packungen an: die Wildcorn-Gründer Rejne Rittel, Tobias Enge und Max Lion Scherer (v.l.).

Foto: Reto Klar

Berlin.  Die Berliner Popcorn-Marke Wildcorn nimmt ihre Kunden seit dem vergangenen Jahr mit auf eine kulinarische Weltreise: Die Snack-Tüte „Taxi Marrakech“ verspricht orientalische Würze und leichte Schärfe. „Mid Sommar“ soll in lauen Sommernächten mit Dill und Salz verführen und „El Matador“ mit feiner Chili-Note den Gaumen kitzeln.

Insgesamt hat das junge Unternehmen innerhalb eines Jahres fünf Sorten auf den Markt gebracht. Drei weitere Kreationen sollen in den kommenden Monaten dazukommen. Wildcorn peilt 2019 an, den Absatz des Popcorns zu vervierfachen. Dann würden die Berliner rund zwei Millionen Tüten verkaufen.

Produkte von Food-Start-ups liegen im Trend

Mehrere Supermarkt-Ketten, darunter auch Teile der Edeka-Gruppe, bieten den würzigen Snack inzwischen in den Märkten an. „Für Start-ups war es noch nie so einfach wie heute, in die Regale der Lebensmitteleinzelhändler zu gelangen“, sagt der Food-Experte Fabio Ziemssen.

Seit zehn Jahren ist der 33-Jährige als Berater für Innovationen in der Lebensmittel-Branche tätig, schreibt auch einen eigenen Blog. Er sagt: Produkte von Food-Start-ups liegen im Trend.

„Vielen Händler nutzen die Geschichten hinter Start-ups, um Aufmerksamkeit bei den Verbrauchern zu schaffen“, so Ziemssen.

Berliner Popcorn ist würzig statt süß oder salzig

Die Geschichte, die Wildcorn-Mitgründer Rejne Rittel erzählt, beginnt im brandenburgischen Wildberg. Rittel hatte dort vor einigen Jahren einen alten Bahnhof gekauft.

Nach und nach sanierte der junge Mann das in die Jahre gekommene Gebäude. Immer wieder fielen Rittel dabei die Mais-Felder in der Umgebung auf. Nach der Arbeit stürzte sich der Berliner deswegen in sein nächstes Projekt. Im Mittelpunkt stand dieses Mal Mais.

Rittel, der früher für verschiedene Marketing-Agenturen gearbeitet hat, gründete Wildcorn, holte sich mit Max Scherer einen erfahrenen Finanz- und Vertriebsexperten an Bord und mit Tobias Enge einen Lebensmitteltechniker. Wildcorn will sich von herkömmlichen Kreationen deutlich absetzen. „Wir wollten frischen Wind ins Snack-Regal bringen“, sagt Rittel.

Das Popcorn der Berliner ist deswegen würzig statt süß oder salzig. Bei der Produktion des Snacks setzt das Unternehmen zudem ausschließlich auf Biomais und andere natürliche Zutaten, verzichtet auf künstliche Aromen und das Frittieren in Fett. Das Popcorn, das je Tüte ab 1,99 Euro verkauft wird, soll deswegen auch kalorienärmer als vergleichbare Produkte sein.

Start-up pflanzt Blühstreifen für geernteten Mais an

Wildcorn will aber auch nachhaltig und umweltfreundlich sein. Weil Mais seit dem Start des Großprojekts Energiewende in Deutschlands verstärkt für Biogasanlagen gebraucht wurde, war der Anteil der Feldfrucht auf deutschen Äckern rasant gestiegen.

Die Mais-Monokulturen hatten allerdings Folgen für die Felder. Häufig sank die Qualität des Bodens, Insekten starben. Wildcorn legt deswegen für jeden Hektar geernteten Mais eine entsprechend große Fläche Ackerland mit Blühstreifen an. Die Nachhaltigkeit hat sich die Firma auch zertifizieren lassen.

Der schwierige Sprung in die Regale

Dennoch ist eine gute Geschichte nicht automatisch die Garantie für den Sprung in die Handelsmärkte. Zwar beobachtet Experte Ziemssen bei Start-ups generell eine Professionalisierung. Gerade in Sachen Logistik und Produktion seien viele Gründer heute bereits gut aufgestellt, so Ziemssen.

Doch vor allem an der Verpackung ihrer Produkte scheitern die jungen Firmen laut Ziemssen immer wieder. „Spätestens, wenn das Produkt dann im Regal liegt und sich eigentlich gegen andere Konkurrenz-Produkte behaupten müsste, fällt auf, dass die Aussagekraft fehlt“, sagt der Handels-Kenner.

Der erste Rückschlag

Auch Wildcorn kämpfte mit Herausforderungen. Monatelang feilte die jungen Unternehmer an der Rezeptur, suchten dann nach einem passenden Produzenten.

Nach den ersten Erfolgen folgte jedoch ein Rückschlag. Weil die Haltbarkeit für die lange Logistikkette nicht ausreichte, machte der Handel einen Bogen um die neuen Produkte aus Berlin.

Die Wildcorn-Macher tüftelten vor allem an der Verpackung. Das verwendete Material ließ zunächst zu viel Luft durch. Doch Rejne Rittel und Co. gelang es aus drei Monaten Mindesthaltbarkeit zwölf zu machen.

Handelsunternehmen helfen den jungen Firmen

Die großen Lebensmitteleinzelhändler nehmen die jungen Food-Unternehmen mittlerweile aber auch an die Hand. Fast alle großen Ketten haben heute eigene Start-up-Programme. Der Konzern Metro, zu dem etwa die Supermarkt-Kette Real zählt, förderte über seine Plattform „NX-Food“ bislang rund 400 Start-ups, auch Wildcorn war darunter.

Einige der jungen Firmen nimmt Metro testweise in seine Märkte auf. Währenddessen werden Verkaufserfolge und der Auftritt in den Regalen immer wieder unter die Lupe genommen.

Für die etablierten Supermärkte können die neuen, jungen Produkte dann auch aus einem anderen Grund ein Gewinn sein. „Teilweise versuchen die Ketten mit den neuen Angeboten, etablierte Anbieter im Preis zu drücken“, sagt Ziemssen.

Wildcorn gibt es auch in Drogerien und bei Eurowings

Wildcorn-Popcorn gibt es heute nicht nur bei Edeka, in Metro-Regalen, sondern auch bei der Drogeriemarkt-Kette Müller in zahlreiche Biomärkten. Auch über den Wolken kann das Popcorn aus Berlin seit dem vergangenen Jahr gegessen werden: Eurowings führt den würzigen Snack an Bord seiner Flugzeuge.

Für junge Unternehmen wird aber auch der eigene Online-Shop immer wichtiger. „Es kommt sogar vor, dass Start-ups sagen, wir brauchen den Handel nicht mehr“, sagt Fabio Ziemssen.

Einigen Start-ups falle es etwa über soziale Medien wie Instagram leichter, ihre Zielgruppe anzusprechen. Auch die Wildcorn-Tüten aus Berlin finden bereits über das Internet den Weg zum Kunden.