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Kommission legt Zwischenbericht zur Relotius-Affäre vor

Auf Grundlage eines Berichts wird „Spiegel“-Chefs Steffen Klusmann entscheiden, ob die Förderer des Fälschers befördert werden können.

„Spiegel“-Zentrale in Hamburg: Die Aufarbeitung der Relotius-Affäre geht voran.

„Spiegel“-Zentrale in Hamburg: Die Aufarbeitung der Relotius-Affäre geht voran.

Foto: Morris MacMatzen / Getty Images

Hamburg.  Drei Monate nachdem beim „Spiegel“ intern bekannt wurde, dass der Redakteur Claas Relotius Artikel erfunden hat, liegt nun der Zwischenbericht einer von der Chefredaktion eingesetzten Prüfkommission vor. Zeitgleich wird bekannt, dass das Blatt 2018 den Text eines freien Journalisten veröffentlicht hat, der Ungereimtheiten aufweist.

Beide Fälle lassen sich nur bedingt vergleichen. Doch eines haben sie gemeinsam: Beim „Spiegel“ haben im Fall des freien Journalisten exakt dieselben Abteilungen versagt wie bereits im Fall Relotius: das Gesellschaftsressort und die Dokumentation des Hauses.

Geschichte des Autors war schon einmal erschienen – mit anderen Namen

Die Geschichte des freien Autors über das Mädchen Emily, das sich verlief und das er aufgelesen und nach Hause gebracht haben will, wurde vom Gesellschaftsressort in Blatt gehoben. In einer anderen Variante brachte sie bereits 2015 der „Tagesspiegel“. Dort hieß das Mädchen Annelie.

Offenbar wurde das Stück von der Dokumentation allenfalls oberflächlich gegengecheckt. Bei Beiträgen freier Autoren prüfen Redaktionen meist, ob sie schon woanders gelaufen sind. Hier unterblieb dies wohl. Dabei hätte sich die Story in der „Tagesspiegel“-Fassung leicht finden lassen. Der Autor hatte sie auf seinem Blog und via Twitter veröffentlicht.

Hintergrund: Auch die „Zeit“ trennt sich von einem Problemautor

Dürfen Relotius’ Förderer noch hohe Posten beim „Spiegel“ bekleiden?

Es ist die Aufgabe der dreiköpfigen Prüfkommission herauszufinden, wie es möglich war, dass die „Spiegel“-Strukturen – im Fall Relotius, aber auch in dem des freien Journalisten – derart versagen konnten. Im Zwischenbericht geht es vor allem um das Gesellschaftsressort. Dessen Ressortleiter Matthias Geyer soll zum Blattmacher befördert werden, sein Vorgänger Ullrich Fichtner, der zuletzt Reporter in Frankreich war, gar in die dreiköpfige Chefredaktion aufsteigen. Beide gelten als Relotius‘ Förderer.

Nachdem der Skandal um ihren Schützling publik wurde, traten sie ihre neuen Stellen zunächst nicht an. Relotius-Affäre: „Spiegel“-Chefs lassen Verträge ruhen. Wie es in Redaktionskreisen heißt, wird der geschäftsführende Chefredakteur Steffen Klusmann auf Grundlage des Zwischenberichts in der zweiten März-Hälfte verkünden, ob das Duo seine neuen Positionen nun übernehmen darf.

Dem Vernehmen nach könnte für Geyer die Sache schlecht ausgehen. Er war Relotius‘ direkter Vorgesetzter. Zudem soll er die Aufklärungsarbeit des „Spiegel“-Reporters Juan Moreno anfangs massiv behindert haben. Texte gefälscht: „Spiegel“ entlarvt Betrüger im eigenen Haus.

Fichtner hatte Relotius geholt – könnte aber davonkommen

Fichtner könnte noch einmal davonkommen. Er holte Relotius zwar zum „Spiegel“, verabschiedete sich dann aber auf seinen neuen Posten nach Paris. Das Magazin hat die Vorgänge in einem ausführlichen Artikel öffentlich gemacht.

Manche Redakteure halten Fichtners Beförderung für problematisch. Sie fragen, ob einer „Spiegel“-Chef werden darf, der als Ressortleiter Texte zunächst auf „Dramaturgie“ und „stimmige Sprachbilder“ prüfte, statt der Frage nachzugehen, „Stimmt das alles auch?“ Denn exakt so hat Fichtner die Arbeitsweise seines Ressorts beschrieben.