Unkrautvernichter

Bayer muss in den USA wieder in einen Glyphosat-Prozess

Der Bayer-Konzern steht in den USA vor Tausenden Klagen und möglichen Milliardenkosten. Grund ist der Unkrautvernichter Glyphosat.

In den USA beginnt ein Prozess mit Tausenden Klagen gegen Bayer wegen des Unkrautvernichters Glyphosat.

In den USA beginnt ein Prozess mit Tausenden Klagen gegen Bayer wegen des Unkrautvernichters Glyphosat.

Foto: Christian Ohde / imago/Christian Ohde

WashingtonDie Gifteiche auf seinem 20 Hektar großen Grundstück im Wein-County Sonoma nördlich von San Francisco will Edwin Hardeman schon seit den 1980er-Jahren loswerden. Der heute 70-Jährige bekämpfte die Pflanze und anderes Unkraut seither mit dem glyphosathaltigen Mittel „Roundup“. Dahinter steckt ein höchst wirksamer Unkrautvernichter, der vom Saatgutriesen Monsanto vertrieben wird, der inzwischen zum deutschen Bayer-Konzern gehört.

Bei Hardeman wurde vor vier Jahren Lymphdrüsenkrebs festgestellt. Der Kalifornier führt seine schwere Erkrankung auf Glyphosat zurück und klagte. Er wirft Bayer vor, nicht über die Risiken des Mittels aufgeklärt zu haben. Obwohl Monsanto sich intern über mögliche Gefahren bewusst gewesen sei.

Bereits letztes Jahr erhielt Bayer eine Millionenstrafe

Seit Montag wird sein Fall vor Bundesrichter Vince Chhabria in San Francisco verhandelt. Rund fünf Wochen sind für den Prozess vorgesehen. Für Bayer-Chef Werner Baumann steht kurz vor der Bilanzpressekonferenz am Mittwoch viel auf dem Spiel.

2018 wurde das Unternehmen im Fall des kalifornischen Schulhausmeisters Dewayne Johnson, der Lymphdrüsenkrebs im finalen Stadium hat und ebenfalls jahrelang mit Glyphosat hantierte, zunächst zu Schadensersatz in Höhe von 289 Millionen Dollar verurteilt. Die zuständige Richterin reduzierte die Summe später auf 79 Millionen Dollar. Frühestens in zwei Jahren wird über die Revision entschieden, die Bayer einlegte.

Weil aber insgesamt in den USA knapp 10.000 ähnlich gelagerte Klagen gegen den deutschen Chemiekonzern anhängig sind, zeigten Investoren Bayer schnell die kalte Schulter. Der Börsenwert des Konzerns, der eine krebsauslösende Wirkung von Glyphosat bei Menschen kategorisch abstreitet, ging zeitweise um 30 Milliarden Dollar zurück.

Klagen gegen Bayer werden gebündelt

Eine weitere Prozessniederlage hätte für Bayer ungünstige Auswirkungen. Richter Chhabria führt den Fall nach dem Prinzip der „Multidistrict Litigation“. Das heißt, es werden Hunderte von Klägern gebündelt. Hardemans Fall läuft unter dem Etikett „Bellwether“.

Was bedeutet: Bekäme er Recht, hätte dies laut US-Rechtsexperten „erhebliche Indikatorwirkung“ für weitere Verfahren. Umgekehrt: Erkennt das Gericht im Sinne von Bayer auf „nicht schuldig“, könnte das Unternehmen Produkthaftungsklagen im Fall Glyphosat gelassener entgegensehen.

Heftige Auseinandersetzungen zeichnen sich ab

Bayer hat seine Verteidigerriege für das Hardeman-Verfahren komplett neu besetzt. Man gibt sich inoffiziell ­dezent optimistisch, weil das Drehbuch des Prozesses ungewöhnlich ist und Bayer entgegenkommen könnte. Richter Chhabria hat zwei Phasen angeordnet. Zunächst geht es nur um die Frage, ob Hardemans Krankheit auf die Benutzung von Glyphosat zurückgeht. Das soll in zwei Wochen festgestellt werden.

Sagen die Geschworenen Ja, startet Phase zwei. In der ginge es um den Vorwurf, dass Monsanto seinen Aufklärungspflichten über die potenzielle Gefährlichkeit des Unkrautvernichters trotz besseren Wissens nicht nachgekommen sei. Und dass der Konzern Wissenschaftler und Genehmigungsbehörden bei der Bewertung von Glyphosat aus kommerziellen Gründen beeinflusst haben soll: Es ist das meistverkaufte Herbizid weltweit.

Für die aus Laien zusammengesetzte Jury zeichnet sich eine heftige Auseinandersetzung ab, in der es um die Deutungshoheit über wissenschaftliche Studien geht.

Sind die Studien von der Saatgutindustrie beeinflusst?

Bayer stellt sich auf den Standpunkt, dass rund 800 Untersuchungen weltweit keinen Zusammenhang zwischen Krebs und Glyphosat ergeben hätten. Ins Feld führen die Bayer-Anwälte unter anderem eine Studie (AHS), in der die Gesundheitsgefahren von über 50.000 US-Landwirten analysiert wurden. Sie sind die häufigsten Glyphosatkunden. Laut AHS besteht keine krebsauslösende Gefahr.

Hardemans Anwälte verweisen darauf, dass das Gros der Studien von der Saatgutindustrie beauftragt wurde. Noch unklar ist, wann die Basis vieler Glyphosatklagen in den Prozess eingeführt wird: Die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende Agentur für Krebsforschung hatte 2015 attestiert, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ sei. In Europa wird seither verstärkt darüber diskutiert, ob man Glyphosat verbieten soll.