Günstiges Umfeld

Kleine Firmen drängen nach Berlin und schaffen Arbeitsplätze

Neun von zehn neuen Unternehmen sind Dienstleister. Sie schaffen auch mehr Arbeitsplätze in der Stadt.

Markus Kröger, Chef von HEYCAR Berlin, das 2017 in Berlin gegründet wurde

Markus Kröger, Chef von HEYCAR Berlin, das 2017 in Berlin gegründet wurde

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin.  Die Zahl der Firmen in der deutschen Hauptstadt ist in den vergangenen drei Jahren erneut stärker als im bundesweiten Durchschnitt gewachsen. Das geht aus neuen Berechnungen der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe hervor, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegen. Demnach hat sich die Zahl der Betriebe zwischen 2015 und 2018 um 5,6 Prozent auf rund 98.800 erhöht. Deutschlandweit zählten die Statistiker hingegen nur einen Anstieg um 1,3 Prozent.

Der Standort Berlin entwickle sich hochdynamisch, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Dies bestätigt der Zuwachs an Betrieben, der deutlich stärker ausfällt als im Bundesdurchschnitt und ein weiteres Indiz für die Wachstumskräfte in der Hauptstadt ist“, so Pop, die auch für das laufende Jahr mit einem weiteren wirtschaftlichen Aufschwung in der Hauptstadt rechnet. Dieses Wachstum komme auch bei den Einwohnern an.

„Mit der wachsenden Zahl an Betrieben ist ein deutliches Plus an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verbunden“, sagte die Politikerin weiter. Erst im September 2018 hatte die Investitionsbank Berlin (IBB) ein Arbeitnehmerzuwachs von 50.810 Stellen binnen eines Jahres vermeldet.

Vor allem der in Berlin hohe Anteil an Dienstleistungsunternehmen ist für das vergleichsweise starke Plus verantwortlich. Neun von zehn neuen Betrieben gehören laut Berechnungen der Wirtschaftsverwaltung dieser Branche an. Besonders rasant wuchs zwischen 2015 und 2018 die Branche Informations- und Telekommunikationsdienstleistungen an. Hier stieg die Zahl der Firmen um 18 Prozent.

Überdurchschnittlich entwickelten sich in Berlin vor allem kleine Betriebe mit bis zu 49 Mitarbeitern. In den vergangenen Jahren wuchs ihre Zahl um 4700. Das ist ein Plus von 5,3 Prozent. Im selben Zeitraum legte die Anzahl vergleichbarer Unternehmen in ganz Deutschland nur um ein Prozent zu. Bei mittelgroßen (50 bis 249 Beschäftigte) und großen (mehr als 250 Beschäftigte) Betrieben lag die Wachstumsrate sogar im zweitstelligen Bereich und war damit ebenfalls besser als im Bundesschnitt. In die Berechnung würden auch Neuansiedlungen und wachstumsbedingte Wechsel zwischen den Größenklassen miteinbezogen, so die Wirtschaftsverwaltung.

Ein Grund für das Wachstum sei das günstige Umfeld, sagte Martin Gornig, Forschungsdirektor Industriepolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin: „Hierfür spricht, dass nicht mehr nur Internetfirmen das Gründerportfolio bestimmen, sondern auch andere Wirtschaftsbereiche wie die Industrie weit überdurchschnittliche Gründungsraten aufweisen.“ Auch die zahlreichen Geldgeber wie Venture-Capital-Firmen und Ausgründungen der Hochschulen und Universitäten trügen zum Wachstum bei, so der Wissenschaftler. „Zudem ist das Lernen von anderen erfolgreichen Gründern ein wichtiger selbstverstärkender Effekt“, sagte Gornig.

Der zunehmende Mangel an Gewerbeflächen könnte das Wachstum aber bremsen, sagte Martin Gornig,da immer mehr und mehr Flächen dem Wohnungsbau zugeführt würden. „Hier muss eine neue Balance zwischen den Flächennutzungen entwickelt werden, die nicht immer nur dem Wohnungsbau den Vorrang einräumt“, forderte er. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) hatte zuletzt das knappe Flächenangebot kritisiert. Unternehmen würden zudem gestiegene Mietpreise beklagen und auch immer schwerer Büroflächen finden. Innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings bezifferte die Kammer den Leerstand bei Büroflächen zuletzt auf unter zwei Prozent.

Laut Wirtschaftsforscher Martin Gornig gebe es allerdings nachhaltige Gründe für das hohe Betriebe-Wachstum in der Hauptstadt. Auch andere große Städte in Deutschland und Europa entwickelten sich seit Jahren besser als der jeweilige Landesdurchschnitt. „Die hohen Ausbildungskapazitäten, die starken Forschungseinrichtungen und die Nähe zu zahlungskräftigen Kunden sprechen durchaus dafür, dass Berlin noch eine ganze Weile überdurchschnittlich wachsen kann“, so der Professor.