Einzelhandel

Kann der Russen-Discounter Mere in Deutschland bestehen?

Einfache Einrichtung, Verkauf direkt von der Palette: Die russische Discounter-Kette Mere eröffnet ihre erste Filiale in Deutschland.

Foto: Foto:facebook.com/mere.romania / --

Berlin.  Toastbrot, Toilettenpapier, Spülmittel – alles wird aus großen Kartons heraus verkauft. Eine Auswahl zwischen verschiedenen Marken gibt es nicht. So brachten die Aldi-Brüder Karl und Theodor Albrecht in den 1960er-Jahren das Discount-Prinzip nach Deutschland und revolutionierten damit den Einzelhandel.

Nach Billigheimer sehen die Läden heute nicht mehr aus. Die meisten Filialen sind auf chic gemacht.

Doch alles kommt irgendwann zurück. In wenigen Wochen will ein russischer Discounter mit diesem 60 Jahre alten Prinzip den deutschen Markt erobern. Ausgerechnet in einem alten Aldi-Markt in einem Fachmarktzentrum am Leipziger Stadtrand soll der erste Laden der Kette Mere eröffnen: Ende Januar, Anfang Februar öffnen die Türen, bestätigt eine Unternehmenssprecherin.

Zu den genauen Plänen will sich der deutsche Ableger des sibirischen Discounters Torgservis nicht äußern. Was die Kunden erwarten könnte, zeigt Mere auf Facebook. In Rumänien, wo ein erster Markt im vergangenen Jahr eröffnet hat, gibt es keine Regale, keine aufwendige Warenpräsentation. Verkauft wird in einer Lagerhalle direkt von der Palette.

Die Kunden können ihre Waren wie gewohnt in Einkaufswagen legen, allerdings passen auch die zum Low-Budget-Konzept: Die Betreiber suchten zuletzt nach gebrauchten Einkaufswagen. Selbst das Firmenlogo ist einfach gehalten: Mere steht in roten Lettern auf gelbem Grund. In seiner Heimat betreibt Torgsersvis mehr als 700 Läden.

Discounter Standorte im Osten im Blick

In Deutschland peilt Mere nach eigenen Angaben zunächst 100 Standorte an, an denen die Kette ihre Waren zu „Tiefstpreisen“ verkaufen möchte. Für den Markteintritt hat der Discounter Standorte im Osten im Blick, wo die Menschen wegen geringerer Durchschnittseinkommen als besonders preissensibel gelten: Städte mit mindestens 80.000 sollen die Standorte sein.

In diesen Regionen soll der russische Discounter Mere eröffnen:

  • Berlin
  • Brandenburg
  • Sachsen
  • Sachsen-Anhalt
  • Thüringen
  • Mecklenburg-Vorpommern

Das Unternehmen sucht dort Gewerbeimmobilien mit für Discounter üblichen Verkaufsflächen von 800 bis 1200 Quadratmetern. In Deutschland treibt der russische Handelskonzern seine Expansion mit der Tochtergesellschaft TS Markt GmbH mit Sitz in Berlin voran. Eingetragener Geschäftsführer ist Andrei Ganus aus dem russischen Krasnodar.

Aldi, Lidl und Co. investieren Milliarden in hübschere Filialen

Dass die Mere-Märkte in Deutschland wohl ähnlich schmucklos wie in Rumänien sein werden, zeigt eine Ausschreibung für Filialeinrichtung. Der Discounter sucht „zweckoptimierte und minimalisierte Ausrüstung, die nur auf einfache Warenpräsentation und Preisfokussierung ausgerichtet ist“: Gebrauchte Kühltruhen bis 400 Euro, Obst- und Gemüseständer für maximal 50 Euro, Wühltische für höchstens 60 Euro. „Unser Anspruch als Discount-Markt soll sich auch in unserer Ladenausstattung widerspiegeln“, lautet die Ansage an potenzielle Lieferanten.

Die etablierten Handelskonzerne setzen unterdessen auf das genaue Gegenteil. Seien es die Supermarktketten Rewe und Edeka oder die Discounter Aldi, Lidl, Penny und Co.: Sie alle möbeln derzeit ihre Märkte mit hohem Aufwand auf. Aldi Nord etwa gibt dafür über fünf Milliarden Euro aus.

Ihren Kunden wollen die Handelskonzerne ein Einkaufserlebnis fast wie auf dem Wochenmarkt bieten – Obst und Gemüse verkaufen sie aus Holzkisten, aufwendige Lichtinstallationen sollen die Ware besonders frisch erscheinen lassen. Höhere Preise müssen die Kunden in renovierten Läden nicht zahlen. Mit Erfolg: In den Filialen steigen die Umsätze in der Regel deutlich.

Handelsexperte sieht das Konzept skeptisch

Kann ein Discounter, der auf all das verzichtet, in Deutschland trotzdem Erfolg haben? Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, ist skeptisch. Deutlich günstigere Preise als die bekannten Discounter könne Mere kaum bieten. Wer an der Ausstattung der Filialen spart, erreiche einen Kostenvorteil von einem bis maximal zwei Prozent. „Und wenn es zu schäbig aussieht, wollen die Kunden da auch nicht reingehen“, sagt Roeb.

Zudem könne der neue Discounter selbst mit den geplanten 100 Märkten hiesigen Lieferanten keine relevanten Mengen abnehmen, um die Einkaufspreise deutlich unter das Niveau der großen Handelsketten zu drücken. Zum Vergleich: Allein Aldi Nord hat rund 2250 Filialen. Durch den hohen Wettbewerbsdruck sind die Preise für Grundnahrungsmittel bei allen Anbietern nahezu identisch. „Niemand kann den anderen ernsthaft unterbieten im Preiseinstiegsbereich“, sagt Roeb.

Der Schwerpunkt liegt auf Lebensmitteln

Mere will es auf dem hart umkämpften deutschen Discountermarkt trotzdem versuchen, und sucht Lieferanten für einen Mix von 70 Prozent Nahrungsmitteln und 30 Prozent Non-Food-Artikeln wie Tier- und Haushaltsbedarf, aber auch Textilien. Während die erste Filiale in Leipzig nun bald eröffnen könnte, arbeitet Mere bereits am nächsten Schritt auf dem deutschen Markt. Für einen zweiten Laden im sächsischen Zwickau sucht der Händler einen Filialleiter.

Handelsexperte Roeb rechnet dem Unternehmen unterdessen nur begrenzte Chancen zu, dauerhaft in Deutschland Fuß zu fassen: „Als Nischenangebot im ostalgisch-russischen Bereich und als Lokalversorger mit Lebensmitteln: Ja. Aber als nennenswerter Wettbewerber im deutschen Einzelhandel: Nein.“