Studie

Mobilfunk: Deutsches Netz ist langsamer als das in Albanien

Im europäischen Vergleich gibt es beim Mobilfunk hierzulande besonders viele Funklöcher. Und: Die Nachbarn surfen deutlich schneller.

Welches Mobilfunknetz ist das beste in Deutschland?

Welches ist Deutschlands bestes Handynetz?

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Für Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist die Sache klar: „Der Zustand, den wir jetzt haben, ist für eine Wirtschaftsnation untragbar“, meint er. „Wir brauchen eine flächendeckende Mobilfunkversorgung in Deutschland.“

Als Scheuer das im vergangenen Oktober sagte, hatte er gerade eine neue App für Mobiltelefone vorgestellt, die Funklöcher dokumentieren kann. Damit sei „die Jagd auf die weißen Flecken im Mobilfunknetz“ eröffnet, lobte sich der Minister selbst. Die Ausbeute will er erst 2019 vorstellen.

Experten außerhalb der staatlichen Behörden sind da schon etwas weiter. Die Beratungsfirma P3 aus Aachen zum Beispiel verfügt bereits über genügend Daten, um nicht nur die Funklöcher in Deutschland zu identifizieren. Sie kann die Abdeckung mit Mobilfunk europaweit miteinander vergleichen.

LTE-Versorgung in Deutschland relativ schlecht

Für eine Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion untersuchte P3 die aktuelle Abdeckung in Deutschland mit dem schnellen Mobilfunkstandard LTE, auch als 4G bekannt. Daraus ziehen die Berater auch Schlüsse für den Ausbau mit dem noch schnelleren Standard 5G, für den im nächsten Jahr die Frequenzen versteigert werden sollen.

Das Ergebnis der Studie sollte Minister Scheuer zu denken geben: Die Versorgung mit 4G in Deutschland ist „deutlich schlechter“ als in den europäischen Nachbarländern. „Auch das beste Netz in Deutschland ist im internationalen Vergleich weit abgeschlagen“, heißt es in der Studie.

Telekom-Netz vor Vodafone und Telefónica

Während in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz „fast alle Netzbetreiber einen LTE-Anteil von mehr als 90 Prozent“ anbieten würden, „kommt die Telekom in Deutschland gerade einmal auf einen LTE-Anteil von 75 Prozent.“

Übersetzt heißt das: Nur an 75 Prozent der Orte, an denen Telekom-Kunden unterwegs sind, können sie das LTE-Netz nutzen. Vodafone sei mit einem Anteil von 57 Prozent bereits „deutlich abgeschlagen“. Das schnelle Netz von Telefónica stehe „nicht einmal für die Hälfte der analysierten Datensätze zur Verfügung“, heißt es weiter.

Telekom-Kunden im Ausland sind besser dran

Im europäischen Vergleich rangieren die drei deutschen Mobilfunker damit auf den hinteren Plätzen. Selbst in Polen und Albanien genießen Kunden der Deutschen Telekom mit jeweils 80 Prozent eine bessere Netzabdeckung. Noch besser haben es deren Kunden in Österreich (84 Prozent) und den Niederlanden (90). Generell ist der LTE-Empfang in den Niederlanden, Belgien und der Schweiz sehr gut.

Gewonnen wurden die Daten über eine Software, die sich P3 zufolge rund 150.000 deutsche Mobilfunkkunden unbemerkt zusammen mit den von ihnen gekauften Apps auf ihr Mobiltelefon geladen haben. Diese Software melde anonymisiert den Standort des Handys, die Stärke des Netzes und die Geschwindigkeit, mit der Daten geladen werden.

Schnellste Technik in Österreich und der Schweiz

Bei dieser „Datenrate“, die angibt, wie schnell Daten über LTE aufs Telefon geladen werden, zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei der Abdeckung: In Deutschland beträgt die durchschnittliche Geschwindigkeit im Telekom-Netz 4,9 Megabit pro Sekunde. Vodafone und Telefónica sind noch langsamer. Kunden der Telekom und von Vodafone in Albanien surfen dagegen doppelt so schnell.

Vor allem in der Schweiz, aber auch in Dänemark und den Niederlanden ist man mit LTE im Durchschnitt schneller unterwegs als in Deutschland. Ähnlich ist es bei den jeweils maximal möglichen Ladegeschwindigkeiten: Die schnellste Übertragungstechnik ist in der Schweiz und in Österreich installiert. Die deutschen Mobilfunkbetreiber können nur halb so schnell senden und finden sich auf den hinteren Plätzen.

Handynetz, WhatsApp und Co. – Was man bei Störungen tun kann
Handynetz, WhatsApp und Co. – Was man bei Störungen tun kann

Über Land sind nicht mal Notrufe möglich

„Deutschland ist beim Mobilfunk Schlusslicht in Europa“, fasst Oliver Krischer, Vizechef der Grünen-Bundestagsfraktion, die Ergebnisse zusammen. Seine Kollegin Margit Stumpp, Expertin der Grünen-Fraktion für digitale Infrastruktur, wirft Minister Scheuer Untätigkeit vor: „Die Ergebnisse zeigen, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und Deutschland beim Mobilfunkstandard weiter hinterherhinkt.“

Um die Bevölkerung dort mit Mobilfunk zu versorgen, wo er benötigt wird, müssten vor allem ländliche Gegenden verbindlich versorgt werden, fordert Stumpp: „Katastrophale Verbindungsabbrüche begleiten jede Bahnfahrt. Über Land können oft nicht einmal Notrufe abgesetzt werden.“

Nur ein Funkmast für die drei Netzbetreiber

Die Grünen ziehen aus der Studie auch Schlüsse für den Aufbau des besonders schnellen Mobilfunks 5G. Mit den Einnahmen aus den künftigen Mobilfunk-Versteigerungen solle der Aufbau der Sendemasten finanziell unterstützt werden, fordert Krischer.

„Und ganz wichtig, es sollte auch nur eine Funkanlage errichtet werden, die sich die drei Netzbetreiber teilen. Es macht keinen Sinn, dass bei wenigen Einwohnern drei parallele Netze von Telekom, Vodafone und Telefónica errichtet werden.“ Das treibe nur die Preise.

„National Roaming“ kein Nachteil für Netzqualität

Auch Stumpp fordert ein solches „National Roaming“ vor allem in schlecht versorgten Gebieten. „National Roaming“ habe „keine nachteiligen Effekte in Bezug auf die Netzqualität, wie es die Netzbetreiber ständig glauben machen wollen.“

Tatsächlich meinen die Fachleute von P3, dass die gemeinsame Nutzung der Sendemasten durch mehrere Mobilfunkanbieter „ein Baustein“ für den schnelleren Ausbau zukünftiger 5G-Mobilfunknetze in Deutschland sein könne. Die Nutzung solle aber mit der bestehenden Infrastruktur für 4G kombiniert werden.

Der Chef von P3, Hakan Ekmen, findet die Ergebnisse der Studie übrigens gar nicht so dramatisch: „Man muss sich für die deutschen Netze nicht gleich schämen“, sagt er – und fügt diplomatisch an: „Aber Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.“