Bergbau

Letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt – Ende einer Epoche

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Stefan Schulte
Schicht im Schacht - Die Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet

Schicht im Schacht - Die Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet

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An diesem Freitag schließt im Ruhrgebiet die letzte Steinkohlezeche. Das Erbe des Bergbaus wird die Region für alle Zeit begleiten.

Essen.  Der Pott verliert seine Kohle: Am heutigen Freitag schließt im Ruhrgebiet auch die letzte von einst Hunderten Zechen. Der deutsche Steinkohlebergbau ist mit dem Festakt in Bottrop endgültig Geschichte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird gewichtige Worte finden, die Bedeutung des Bergbaus für das deutsche Wirtschaftswunder würdigen und das letzte gehauene Stück Kohle entgegennehmen.

Die Kumpel werden noch mindestens zweimal das Steigerlied anstimmen, „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“ schmettern, die Tränen laufen lassen, nach Hause gehen, ihre Tracht ablegen – und dann ist wirklich Schicht im Schacht.

Kumpel-Mentalität lebt in Eckkneipen weiter

Die Tradition lebt noch einmal auf in diesem Jahr des Abschieds, an diesem Tag auf der Zeche Prosper-Hanie l. Dabei verblasst sie bereits seit mindestens drei Jahrzehnten zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen Ruhr und Emscher mit jeder geschlossenen Zeche und Kokerei. Ihr Kern lebt weiter in Museen und Industriedenkmälern, etwa dem Weltkulturerbe auf der Zeche Zollverein – seit vielen Jahren ein Touristenmagnet im ansonsten recht tristen Essener Norden.

Die gern beschworene Kumpel-Mentalität, das offene Wort und die gepflegte Direktheit leben eher in den Eckkneipen des Ruhrgebiets weiter, die allerdings (nicht ganz zufällig) mit den Zechen immer weniger geworden sind. Den Klischee-Ruhri mit angeborener Dativschwäche („gib ihn ma noch’n Pilsken – auf dem seine Rechnung“) findet man freilich schon lange häufiger auf Kinoleinwänden als am echten Tresen.

Der Bergbau gab einer halben Million Menschen Arbeit

Denn der Bergbau geht ja nicht plötzlich und schon gar nicht unerwartet. Er gab in der Spitze um 1950 einer halben Million Menschen im Ruhrgebiet eine Arbeit, heute, am Tag des Abschieds, sind es noch 3500.

Die Zechen haben nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen Menschen in den Westen gelockt, zunächst aus allen Teilen Deutschlands, aus Polen, Italien – und als Ende der 50er Jahre bereits die erste Kohlekrise den Niedergang einläutete, aus der Türkei. Die in Deutschland einmalige Ansammlung fließend ineinander übergehender Großstädte ist ein Produkt des Bergbaus. Ohne Kohle kein Stahl, ohne Montanindustrie kein Ruhrgebiet.

Die Ruhrbarone duldeten keine Konkurrenz

Die lange gepflegte Monokultur ist die Basis für das heutige Ruhrgebiet, aber auch die Ursache für seine Strukturschwäche und die hohe Arbeitslosigkeit. Lange duldeten die Ruhrbarone niemanden neben sich, witterten in den fetten Wirtschaftswunderjahren etwa in der Autoindustrie Konkurrenz im Kampf um die Arbeiter.

Das 1962 eröffnete und 2014 geschlossene Opel-Werk in Bochum etwa war ihnen alles andere als willkommen. Den Industriekonzernen gehörten die meisten großen Flächen, und die gaben sie selbst während der harten Montankrise Ende der 60er-Jahre nicht her. Diese „Bodensperre“ wirkt bis heute nach. Denn die Kohle und große Teile der Schwerindustrie sind gegangen, die Menschen, ihre Kinder und Enkel aber geblieben.

Grundwasser muss ständig abgepumpt werden

Der Bergbau stirbt, die aus der Ruhrkohle AG hervorgegangene RAG aber lebt weiter. Das muss sie, um die Folgen des Bergbaus in Grenzen zu halten. Die Kohleindustrie hat das Ruhrgebiet tiefer gelegt – um bis zu 25 Meter.

Etwa ein Fünftel der aus Kohle geborenen Region liegt deshalb heute unter dem ursprünglichen Grundwasserspiegel, viele Gebiete waren in ihrem bäuerlichen Umfeld vor 150 Jahren eher sumpfig. Das Grundwasser muss in Hunderten Poldern und das Grubenwasser von weiter unten pausenlos abgepumpt werden. Sonst würde das Ruhrgebiet zur Seenplatte.

Viele Besucher in frisch gewaschener Bergmannskluft

Wirklich Kohle gefördert wird unter Tage bereits seit Oktober nicht mehr. Seitdem wird aufgeräumt. Zum Beispiel für die vielen Politiker, Prominenten und Journalisten aus allen Teilen der Republik, die kurz vor Schluss unbedingt einmal einfahren wollten in die Grube. Die Kumpel unter Tage haben in diesem Jahr viele Besucher in frisch gewaschener Bergmannskluft kommen und fast ebenso sauber wieder gehen sehen.

Und sich dann und wann gefragt, warum die sich alle plötzlich so für sie interessieren, wo doch seit 20 Jahren außerhalb des Ruhrgebiets und des Saarlands alle nur noch rauswollten aus der Steinkohle. Jetzt fahren viele Neugierige zum ersten Mal ein, sagen „Glückauf“, schnorren eine Prise Schnupftabak und streichen sich fürs Foto ordentlich Kohle ins Gesicht, wenn es ihr PR-Berater noch nicht getan hat. Was den einen Folklore, ist den anderen gelebte Arbeit gewesen, die nun getan ist.

Der Aufwand ist zu groß geworden

Ein Erlebnis ist das allemal: Mehr als 1250 Meter geht es mittlerweile auf der Bottroper Zeche Prosper-Haniel hinab ins Dunkel. Auf die letzte Sohle, die auch die letzte bleiben wird. Wieder oben, geben sich die meisten Besucher schwer beeindruckt.

Einige ahnen allerdings mehr als zuvor, warum sich Bergbau im Ruhrgebiet schon lange nicht mehr rechnet: Viel zu groß ist der Aufwand geworden, dem Berg die Kohle zu entreißen. Seit Jahrzehnten ist deutsche Steinkohle im globalen Vergleich viel zu teuer, die Zechen konnten nur mit enormen Subventionen am Laufen gehalten werden.

Das Ende der Steinkohle zu besiegeln, war ein jahrelanger politischer Kraftakt. Schließlich gelang 2007 der Durchbruch mit einem vom früheren Bundeswirtschaftsminister und damaligen RAG-Chef Werner Müller entwickelten Konzept: Der seinerzeit im Wesentlichen aus dem hochrentablen Chemiekonzern Degussa und dem Bergbau bestehende Konzern wurde in einen schwarzen und einen weißen Bereich getrennt – mit einer Stiftung als Dach, die mit den Einnahmen aus dem weißen Bereich die Abwicklung der Kohle finanziert.

RAG-Stiftung soll Folgekosten finanzieren

Die RAG-Stiftung ist heute nach wie vor Hauptaktionärin des aus der Degussa geborenen MDax-Konzerns Evonik. Mit den Dividenden und Erträgen aus vielen weiteren Beteiligungen soll sie nach dem Kohleausstieg nun bis in alle Ewigkeit die Folgekosten des Bergbaus finanzieren. Rund 250 Millionen Euro jährlich braucht sie, vor allem für das Abpumpen des Wassers.

Müllers Stiftungsmodell wurde zuletzt immer wieder als Vorbild genannt, wenn es um Ausstiege ging – aus der Atomkraft etwa, nun aus der Braunkohle. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es die Abwicklung einer ganzen Industrie mit Zehntausenden Arbeitsplätzen ohne betriebsbedingte Kündigungen ermöglicht hat. Kein Kumpel sollte ins Bergfreie fallen, und keiner fiel.