Treffen

Die Gesundheitswirtschaft ist ein Wachstumsmotor

Die Unternehmertafel stellt den digitalen Wandel bei Ärzten und Krankenhäusern in den Mittelpunkt und sieht Zukunftschancen für Berlin.

Die Unternehmertafel fand im Waldorf Astoria statt: Thomas Sommer  Max-Delbrück-Centrum (linke Seite), Jens Holtkamp  Investitionsbank Berlin, Stephan Brandt  Investitionsbank Berlin, Karen Uhlmann  Omeicos,  Ulf Fink  Gesundheitsstadt Berlin und Domonik Bath (Redakteur der Berliner Morgenpost). Auf der rechten Seite: Gregor Andréewitch Waldorf Astoria,  Reinhard Nieper  BG-Kliniken, Dilek Kolat  Gesundheitssenatorin, Jochim Stoltenberg  Berliner Morgenpost, Christian Dohle  Median Klinik Kladow und Felix Kropp  Media Checkpoint Berlin

Die Unternehmertafel fand im Waldorf Astoria statt: Thomas Sommer Max-Delbrück-Centrum (linke Seite), Jens Holtkamp Investitionsbank Berlin, Stephan Brandt Investitionsbank Berlin, Karen Uhlmann Omeicos, Ulf Fink Gesundheitsstadt Berlin und Domonik Bath (Redakteur der Berliner Morgenpost). Auf der rechten Seite: Gregor Andréewitch Waldorf Astoria, Reinhard Nieper BG-Kliniken, Dilek Kolat Gesundheitssenatorin, Jochim Stoltenberg Berliner Morgenpost, Christian Dohle Median Klinik Kladow und Felix Kropp Media Checkpoint Berlin

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin.  Der Blick wühlt noch immer auf. Aus dem Fenster der Bibliothek im 15. Stock des Hotels „Waldorf Astoria“ schauten die Teilnehmer der 57. Unternehmertafel der Berliner Morgenpost und der Investitionsbank Berlin (IBB) auch immer wieder auf den Breitscheidplatz. Friedlich wirkte der Ort, der zurzeit von den zahlreichen Lichtern des Weihnachtsmarkts hell erleuchtet ist. Doch seit dem Anschlag vor zwei Jahren steht der Breitscheidplatz auch für eine der dunkelsten Stunden Berlins.

Dilek Kolat (SPD), damals als Gesundheitssenatorin erst wenige Tage im Amt, fuhr gleich nach dem Attentat in mehrere Notaufnahmen. Krankenhäuser und Rettungsdienste hätten während dieser Krisensituation „hervorragende Arbeit“ geleistet, so die Senatorin. Kolat entschied an diesem Abend aber auch, weiter an der Katastrophenversorgung zu arbeiten. Die Ausstattung von Berliner Krisenhelfern habe sich verbessert, so Kolat. Auch würde noch häufiger für den Ernstfall trainiert.

Berlin sei bei der Versorgung aber nicht nur in Krisenzeiten sehr gut aufgestellt, sagte die Senatorin. Die deutsche Hauptstadt verfüge über eine vielfältige Gesundheitslandschaft. Die zahlreichen Unternehmen der Pharma-Industrie, Firmen aus dem Bereich Bio-Technologie, Start-ups und auch Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen, die Krankenhäuser sowie die niedergelassenen Ärzte seien ein „Wachstumsmotor“ für Berlin, so Kolat. Das belegen auch Zahlen. Nach Angaben von IBB-Vorstand Stephan Brandt zählen mehr als 13.500 Unternehmen zum Cluster Gesundheitswirtschaft. Die Firmen sind Arbeitgeber für rund 230.000 Menschen und erzielten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 20,8 Milliarden Euro.

Große Chancen durch die Digitalisierung

Der Senat habe früh auf die Karte Gesundheitswirtschaft gesetzt, sagte Kolat. „Deswegen haben wir heute beste Voraussetzungen, führend zu sein im Bereich Gesundheit“, so die Senatorin. Dominiert wird die medizinische Landschaft von Charité und Vivantes. Das Verhältnis zwischen den großen Kliniken nimmt derzeit auch die Zukunftskommission Gesundheitsstadt 2030 unter die Lupe. Kolat wartet noch auf die Empfehlungen der Experten, die auch darlegen sollen, wie Charité und Vivantes besser zusammenarbeiten könnten. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung besteht aber auch bei der veralteten IT-Infrastruktur der Kliniken Handlungsbedarf.

Angetrieben durch den digitalen Wandel erproben derzeit auch die Krankenkassen AOK und Techniker Krankenkasse die elektronische Patientenakte in der Stadt. Berlin sei zwar die Digitalisierungs-Hauptstadt, aber auch Hauptstadt der Insellösungen, beklagte Kolat. „Ich möchte aber, dass die innovativen Lösungen auch bei den Patienten ankommen“, sagte die Politikerin. Berlin habe bei der elektronischen Patientenakte große Chancen, Vorreiter zu sein, auch weil die beteiligten Krankenkassen planten, Kräfte in dem Bereich zu bündeln, so Kolat. Möglicherweise habe die Stadt auch die Gelegenheit, Modell-Region für ein Bundesprojekt zu werden, sagte Roland Eils vom Berlin Institute of Health (BIH). Die Bundesregierung sei bereit, dafür Geld zu investieren. Allerdings sind mehrere Standorte im Rennen. „Berlin muss sich dem Wettbewerb stellen“, forderte Eils.

Google an medizinischen Daten interessiert

Ohnehin wird der Hunger nach Daten in der Gesundheitsbranche immer größer. Reinhard Nieper, Geschäftsführer der BG-Kliniken, berichtete von einer Anfrage des Internetkonzerns Google. Die Daten der BG-Kliniken, die führend bei der Behandlung von Querschnitts-Verletzten sind, seien Google viel Geld wert, so Nieper. Google habe dem Klinikverbund im Gegenzug auch Unterstützung bei der Vermarktung angeboten. „Viele Unternehmen haben das wirtschaftliche Potenzial von medizinischen Daten erkannt“, sagte auch Thomas Sommer, stellvertretender wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft. Er plädierte dafür, europäische Lösungen für den Datenaustausch zu schaffen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Patient werde allerdings die Hoheit über seine Daten behalten.

Patienten könnten aber vom digitalen Wandel in der Gesundheitswirtschaft profitieren, so die Teilnehmer der Unternehmertafel übereinstimmend. Etwa im Bereich Reha böten sich digitale Lösungen an, so Christian Dohle, Direktor der Median Klinik in Berlin Kladow. Aber auch bei der Versorgung könnte neue Technik helfen. Telemedizin sei dabei ein wichtiger Baustein. Aber auch Beratungen könnten verstärkt über das Internet durchgeführt, Rezeptvergaben online stattfinden und Medikamentenpläne digitalisiert werden, so Dilek Kolat. Der frühere Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink erklärte, Digitalisierung werde die Branche noch jahrzehntelang beschäftigen. „Viele Ärzte kommunizieren noch völlig analog in Richtung der Krankenhäuser“, sagte Fink, der heute Vorstandsvorsitzender des Vereins Gesundheitsstadt Berlin ist.

Innerhalb der Gesundheitswirtschaft könnten viele dieser Herausforderungen auch gemeinsam angegangen werden. Das Start-up Omeicos, das ein neues Herzmedikament entwickelt, macht vor, wie das geht: Für eine anstehende klinische Studie hat sich das Unternehmen mit anderen Berliner Firmen zusammengetan. „Zwischen zwei und drei Millionen Euro Wertschöpfung wird dadurch in Berlin stattfinden“, sagte Omeicos-Geschäftsführerin Karen Uhlmann. Allerdings beklagen viele Medizin-Start-ups auch hohe Eintrittshürden. Bis etwa ein neues Medikament auf dem Markt ist, vergehen viele Jahre. Zudem brauchen die Firmen eine Menge Geld. Das nötige Kapital kann häufig nur mithilfe von Investoren aufgebracht werden. Aber auch große Pharma-Konzerne sichern sich auf diesem Wege gute Geschäftsideen und Produkte.

Mit Blick in die Zukunft forderte Ex-Senator Fink, dass sich Berlin auf Leuchttürme innerhalb des hiesigen Gesundheitswesens konzentrieren sollte. „Wir müssen Stärken noch stärker machen“, so das CDU-Mitglied. Im Bereich Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa habe Berlin eine hohe Kompetenz, sagte auch Roland Eils. Gleichzeitig sei aber auch die Unfallmedizin, vor allem in Verknüpfung mit Digitalisierung, ein interessantes Feld. Informationssysteme von Autos etwa könnten direkt mit Krankenhäusern verbunden werden. Dann könnte im Notfall schneller Hilfe geleistet werden, so Eils, der in dem Bereich auch ein Modellprojekt in Berlin anregte.

Reiche Ausländer lassen sich in Berlin behandeln

Viele Kliniken in Berlin hatten zuletzt auch investiert, um verstärkt zahlungskräftige Ausländer anzulocken. Der sogenannte Medizintourismus ist inzwischen zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Der Name Charité locke Patienten aus aller Welt an und sei Gold wert, so Thomas Sommer. Der Österreicher Gregor Andréewitch, der das Hotel „Waldorf Astoria“ führt, sieht aber Nachholbedarf. „Die Krankenhäuser müssen sich noch stärker auf Erwartungshaltung, Kultur und Sprache der Touristen anpassen“, sagte Andréewitch. Öffentlich finanzierte Krankenhäuser seien aber nicht in erster Linie dafür da, ausländische Patienten zu versorgen, mahnte BG-Kliniken-Chef Nieper. Dennoch seien die Medizintouristen ein wichtiger Gradmesser für die Qualität des Gesundheitsstandortes.