Deutsche Bahn

ARD-Magazin: Nur jeder fünfte ICE ist voll funktionsfähig

Alte Züge, zu viel Verspätung, defekte Klimaanlagen: Interne Dokumente der Bahn belegen, dass die ICE-Flotte in desolatem Zustand ist.

Wie unpünktlich ist die Deutsche Bahn wirklich?

Die Deutsche Bahn gilt als chronisch unpünktlich. Wir zeigen vier Fakten rund um die Pünktlichkeit auf den deutschen Schienen.

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Berlin.  Laut einem Bericht des ARD-Magazins „Kontraste“ befindet sich die Fernverkehrs-Flotte der Deutschen Bahn in einem erschreckenden Zustand.

Demnach heißt es in internen Bahn-Dokumenten, dass nur jeder fünfte ICE „vollständig funktionsfähig“ ist. Bedeutet: 80 Prozent der Schnellzüge haben mit Mängeln zu kämpfen.

Als Grund soll unter anderem die „hohe Eingangsverspätung aus dem Betrieb“ angeführt werden, also die Tatsache, dass die Züge nicht nur im Regelverkehr, sondern auch auf ihren Fahrten in die Werkstatt verspätet ankommen. Daher würden die Zeitfenster für Reparaturen in vielen Fällen kleiner als geplant ausfallen.

Reisekomfort bleibt auf der Strecke

Die restliche Zeit könne oft nur dafür genutzt werden, sicherheitsrelevante Mängel zu beseitigen. Kaputte Toiletten, defekte Klimaanlagen, die WLAN-Versorgung – kurz: vieles, was den Reisekomfort betrifft, bleibt demnach oft auf der Strecke.

Erst am Dienstag hatte Bahnchef Richard Lutz anhaltende Probleme in mehreren Bereichen seines Unternehmens eingeräumt. Es gebe nicht nur bei der Zugflotte Engpässe, sondern auch beim Personal und dem Schienennetz.

Lutz gestand ein, dass er sein gestecktes Ziel beim Thema Pünktlichkeit nicht halten kann.

In diesem Jahr soll etwa ein Viertel der Fernzüge mit sechs Minuten und mehr Verspätung unterwegs sein. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters und beruft sich dabei ebenfalls auf interne Bahn-Unterlagen. Als Ziel für 2018 war ausgegeben worden, dass 82 Prozent der Züge pünktlich sind. Das könne nun aber erst 2025 erreicht werden – und nur mit weiteren milliardenschweren Investitionen.

Im Gespräch mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bezifferte Lutz die Höhe der notwendigen Investitionen auf fünf Milliarden Euro. Eine Summe, die die Bahn nicht selbst aufbringen kann und offenbar auch noch nicht weiß, woher sie kommen soll.

Deutsche Bahn tauschte wegen Unpünktlichkeit Top-Manager aus

Zuletzt hatte es wegen der Verspätungen personelle Konsequenzen gegeben. Philipp Nagl soll nun als Vorstand Produktion bei der zuständigen Tochter DB Fernverkehr dafür sorgen, die ICE nach der Instandsetzung schneller wieder auf die Schienen zu bekommen. Der bisherige Fahrplanchef folgt Kai Brüggemann, der „sein Vorstandsamt auf eigenen Wunsch niedergelegt und das Unternehmen verlassen“ hat, wie ein Bahnsprecher am Sonntag bestätigte.

Verkehrsminister Scheuer hatte am Dienstag in Sachen Pünktlichkeit klare Erwartungen an die Bahn formuliert. „Ich möchte, dass es Fortschritte gibt schon im ersten Halbjahr 2019.“ Auch im Schienengüterverkehr müsse es viel besser laufen: „Ich verstehe nicht, dass wir in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten an manchen Stellen so viel Defizit einfahren.“

Ebenfalls skeptisch zu den Entwicklungen bei der Deutschen Bahn äußerte sich zuletzt die Finanzaufsicht des Bundes. Anfang Oktober forderte der Präsident des Bundesrechnungshofes, Kay Scheller, dass der Bund genauer hinschauen müsse, was die Bahn mit ihren Steuergeldern anstellt.

Bundesrechnungshof kritisiert mangelnde Transparenz bei der Bahn

„Bei der Bahn läuft offensichtlich einiges schief“, sagte Scheller Anfang Oktober unserer Redaktion. Der Erneuerungs- und Finanzierungsaufwand sei enorm. „Der Bund sollte wieder mehr Finanzkontrolle über die Bahn erhalten.“

Scheller kritisierte, dass der Bund Milliarden Euro gebe, „aber das Unternehmen entscheidet über die Verwendung des Geldes. Der Einsatz der Mittel durch die Bahn ist teilweise intransparent“. Der Bundesrechnungshof müsse die Finanzen der Bahn umfassend kontrollieren können. „Sie ist zu 100 Prozent im Eigentum des Bundes und bekommt derzeit rund sechs Milliarden Euro Zuschuss pro Jahr aus Steuergeld“, begründete Scheller seine Forderung.

Er übte auch scharfe Kritik an der Bahn selbst: „Wir stellen immer wieder fest, dass die Bahn die Bundesmittel für den Schienenwegebau unwirtschaftlich einsetzt oder zweckwidrig verwendet. Die Infrastruktur wurde jahrelang auf Verschleiß gefahren.“ (ba/dpa/rtr)