Lebensmitteltechnologie

Kommt unser Fleisch in Zukunft aus der Petrischale?

Forscher wollen im Labor die essbaren Teile von Rind und Huhn züchten – umweltschonend und ohne Tiere zu töten. Kann das funktionieren?

Fleisch aus der Petrischale? In Israel verfolgen Forscher genau diese Idee.

Fleisch aus der Petrischale? In Israel verfolgen Forscher genau diese Idee.

Foto: Alex011973 / Getty Images/iStockphoto

Nes Ziona.  Saftig soll es sein, den würzig-salzigen Geschmack haben und natürlich aussehen wie echtes Fleisch. Doch im Moment ist das Steak der Zukunft nicht viel mehr als ein Zellhaufen. Tausende kleine Bläschen drängen sich wie bei Froschlaich aneinander, nur sichtbar in zigfacher Vergrößerung auf dem Computerbildschirm. „Bitte nicht fotografieren“, sagt Didier Toubia in seinem Labor in einem Industriepark südlich von Tel Aviv. Immerhin forscht der 45-jährige Israeli mit seinem Start-up Aleph Farms an einer möglichen Revolution der Fleischproduktion: Fleisch aus dem Labor, gezüchtet aus Stammzellen von Kühen.

Über das Essen von Fleisch ist längst ein Grundsatzstreit entbrannt. Ist es moralisch okay, wenn Tiere dafür leiden? Und wie steht es um die Folgen des Steakkonsums fürs Klima? Zumindest einen Teil der Probleme wollen Hightech-Pioniere lösen, indem sie Fleisch züchten. Was dann auf die Teller kommen soll, hat in der Form nie als Stück eines Tieres im Stall oder auf der Weide gestanden.

An mehreren Orten weltweit tüfteln Forscher und Unternehmer an solchen Produkten. Mit am weitesten sind Start-ups in Israel. Bei einem Besuch trifft man Entwickler, die sehr optimistisch wirken. Man stößt aber auch auf viele offene Fragen.

Traditionelle Rindfleischproduktion frisst viel Energie

„Die Mission der Firma ist es, besseres Essen für die Menschen zu produzieren“, sagt Didier Toubia, weißer Laborkittel über dem Hemd, Brille und Kippa auf dem Kopf. Er verweist auf den Einfluss der industriellen Fleischproduktion auf Natur und Klima: „Rind ist in Bezug auf die Umwelt das Thema, das am dringendsten ist.“

Derzeit brauche es 10.000 bis 15.000 Liter Wasser, um ein Kilogramm Rindfleisch zu produzieren, führt er aus. Außerdem gehe es darum, Tierleid in der Massenhaltung zu verringern.

Für das Laborfleisch werden einem Rind bestimmte Stammzellen entnommen, wie der Forscher erklärt. So heißen Zellen, die sich teilen und in verschiedene Richtungen weiterentwickeln können. In einer Nährlösung sollen sie sich so vermehren, dass innerhalb von letztlich drei, vier Wochen ein Stück Fleisch entsteht. Toubia steht im Labor vor zwei weißen Quadern, die aussehen wie Kühlschränke. „Das sind unsere Kühe“, sagt er und lacht. In diesen Inkubatoren stehen Petrischalen mit rötlichen Lösungen, in denen die Zellen bei Körpertemperatur wachsen.

Mehrere Start-ups weltweit arbeiten am Labor-Fleisch

2016 hat Toubia sein kleines Unternehmen gegründet – gemeinsam mit der Strauss-Gruppe, einem israelischen Lebensmittelhersteller, sowie dem Forschungsinstitut Technion. Aktuell arbeiten zehn Menschen für das Start-up, vor allem Zellbiologen und Experten für Gewebezüchtung.

Toubias Firma ist eines von mehreren Start-ups weltweit, die sich mit dem Thema In-vitro-Fleisch beschäftigen. Bereits 2013 hatte der niederländische Forscher Mark Post die erste Frikadelle aus Stammzellen von Rindern in London präsentiert. „Der letzte Stand der Technik bei Clean Meat ist, eine Masse von Zellen zu züchten“, sagt Toubia. Vorrangig Muskelfasern, aber auch Fett, um es zu mixen. Deswegen würden die meisten etwa auf Hamburger setzen. Also Hack. „Wir konzentrieren uns dagegen darauf, ein komplexes Gewebe zu entwickeln, das viel mehr dem originalen Muskelgewebe gleicht.“

Noch zwei Jahre soll es dauern, um diese Entwicklung zu perfektionieren. In der zweiten Hälfte des Jahres 2021 würden sie die ersten, noch teuren Lieferungen an Restaurants planen. In sieben, acht Jahren werde der Preis mit herkömmlichem Fleisch vergleichbar sein, hofft er.

Start-up will schon in drei Jahren künstliches Geflügel liefern

Ido Savir und sein Start-up Supermeat – übersetzt Superfleisch – sitzen nur wenige Räume von Aleph Farms entfernt. Auch Supermeat hatte sich Ende 2015 mit der Idee gegründet, Fleisch zu züchten. Allerdings streben die Forscher das Herstellen von Fleischgewebe aus Hühner- und Entenzellen an. Daraus sollen später etwa Frikadellen, Würstchen, Chicken Nuggets und Salami entstehen. „Wir glauben, dass uns dieser Ansatz erlauben wird, deutlich früher auf den Markt zu gehen“, sagt Savir, kurze braune Haare, Dreitagebart, schwarzes Hemd. Hühnchen werde zudem beliebter bei Fleischfans.

Der 40-Jährige ist zurückhaltend mit Einblicken ins Labor. Aber eines ist für den Veganer klar: Sein selbst gezüchtetes Fleischprodukt will er später auch essen. Supermeat möchte in drei Jahren mit der Ware auf dem Markt sein – auch in Deutschland.

Rund 3,4 Millionen Euro Kapital hat das Start-up bisher gesammelt. Anfang des Jahres hat das Mutterunternehmen des Geflügelzüchters Wiesenhof, die PHW-Gruppe, Anteile an der Firma erworben. „Wiesenhof hilft uns bei der Forschung und Entwicklung“, sagt Savir. Das Unternehmen bringe sein Wissen über Geflügelprodukte ein. Auch die Familie Cordesmeyer hat über ein eigenes Risikokapitalunternehmen einen mittleren sechsstelligen Betrag investiert. Deren Unternehmen Hemelter Mühle produziert nahe der niederländischen Grenze Mehl.

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Hat In-vitro-Fleisch in Deutschland eine Chance?

Derzeit würden Proteine, also Eiweiße, die der Großteil der Menschheit vor allem aus tierischen Lebensmitteln bezieht, nicht mehr nachhaltig hergestellt, sagt Frank Cordesmeyer, Geschäftsführer des Risikokapitalunternehmens. So würden in Brasilien Regenwälder abgeholzt, um Soja anzupflanzen, welches dann für die Futtermittelindustrie nach Europa gebracht werde.

Laborfleisch, oft Clean Meat genannt, sei hier eine mögliche Alternative, zumindest für Teile des Markts. „Wir sehen immer mehr Clean-Meat-Firmen, die sich etablieren“, sagt der Lebensmitteltechnologe, „aber die Hochburgen sind ganz klar Israel, die Niederlande und San Francisco.“

Silvia Woll vom Karlsruher Forschungsinstitut KIT sieht durchaus Offenheit für Retortenfleisch bei deutschen Verbrauchern – bei Vegetariern, Veganern und Fleischessern. Aber: „Das sogenannte In-vitro-Fleisch könnte so gesund und billig sein, wie es will, wenn es nicht nach Fleisch schmeckt, wird es nicht gekauft“, sagt die Philosophin mit Schwerpunkt Technikethik.

Sie sieht die Zukunftschancen für eine industrielle Großproduktion von Laborfleisch in absehbarer Zeit eher zurückhaltend: „Ganz viele Fragen zu In-vitro-Fleisch kann man im Moment noch nicht beantworten, die Technologie dafür steckt noch in den Kinderschuhen.“