"Lächeln" gegen Abstufung

Italien: Keine Änderung der Schuldenpläne

Wird Italien nach Griechenland der nächste große Krisenfall in der Eurozone? Nach der Vorlage der umstrittenen Pläne zur Neuverschuldung erhöht die Politik Roms die Nervosität auf dem ganzen Kontinent. Auch ein Warnschuss aus der Finanzwelt schreckt die Regierung nicht ab.

Herabstufung "mit einem Lächeln" beantworten: die italienischen Vize-Premiers Luigi Di Maio (l) und Matteo Salvini.

Herabstufung "mit einem Lächeln" beantworten: die italienischen Vize-Premiers Luigi Di Maio (l) und Matteo Salvini.

Foto: dpa

Rom/Berlin. Die italienische Regierung bleibt unbeeindruckt von der scharfen Kritik an ihren Finanzplänen und will ihren Kurs trotz wachsender Sorgen vor einer neuen Schuldenkrise durchziehen.

Der Vize-Premier und Chef der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio, machte in Rom vor weiteren Beratungen des Kabinetts klar, dass man ungeachtet der Warnungen von EU-Kommission und Analysten nicht nachgeben werde. "Ich denke, ich kann im Namen der ganzen Regierung sprechen, wenn ich jedwede Neubewertung des Defizitziels von 2,4 Prozent ablehne", sagte der Politiker.

In Höhe dieses Anteils am Bruttoinlandsprodukt (BIP) will sich Italien neu verschulden. Weil der Wert weit über den zunächst zugesagten 0,8 Prozent der Vorgängerregierung liegt, hatte die Brüsseler Kommission am Donnerstag von einer "nie da gewesenen" Abweichung von den Regeln der Eurozone gesprochen. Die Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und rechtsnationaler Lega diskutierte nun, wie auf die deutliche Kritik an ihrem Etatentwurf zu reagieren sei. Finanzminister Giovanni Tria muss Brüssel bis Montagmittag antworten.

Eigentlich sind in der Währungsunion ein maximaler Schuldenstand von 60 Prozent und eine jährliche Aufnahme neuer Kredite von höchstens 3,0 Prozent der Wirtschaftsleistung zulässig. Weil Italien einen riesigen Schuldenberg von gut 130 statt 60 Prozent des BIP angehäuft hat, muss es nach früheren Beschlüssen strengere Werte einhalten. Die neue Koalition peilt nun allerdings 2,4 Prozent an.

Eine weiter steigende Verschuldung könnte die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen immer höher werden lassen - mit möglichen Gefahren für das Vertrauen in die öffentlichen Haushalte und in die Stabilität der gesamten Eurozone. Die Ratingagentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit des Landes am späten Freitagabend herunter.

Die Bonitätswächter kritisierten, die Pläne zeigten keine "kohärente Reformagenda", die das maue Wachstum Italiens berücksichtigen würde. Di Maio zeigte sich von der Einschätzung wenig beeindruckt: Die Herabstufung werde man "mit einem Lächeln" beantworten. Lega-Chef Matteo Salvini ergänzte, man halte an den Zielen fest - "trotz Ratingagenturen, EU-Kommissaren und interner Missverständnisse".

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hatte die Regierung am Freitag zur Einhaltung der EU-Schuldenregeln aufgefordert. "Die Europäische Union ist eine Wirtschafts- und eine Wertegemeinschaft, und die funktioniert, weil es gemeinsame Regeln gibt, an die sich alle halten müssen", sagte er am Rande des Asien-Europa-Gipfels in Brüssel. "Wenn man diese Regeln bricht (...), dann bedeutet das, dass Italien sich selbst gefährdet, aber natürlich auch darüber hinaus andere mit gefährdet. Wir sind als Europäische Union nicht gewillt, dieses Risiko, diese Schulden für Italien zu übernehmen."

Unter Druck standen auch Staatsanleihen anderer südeuropäischer Länder. Beobachter verwiesen nicht nur auf den sich abzeichnenden Konflikt zwischen der EU und Italien wegen der Schuldenpläne, sondern auch auf Streitereien innerhalb der Regierung in Rom. Fachleute sprachen zudem von einem zunehmenden Überschwappen auf andere Märkte.

Wirtschaftswissenschaftler zeigen sich ebenfalls zunehmend besorgt. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, sagte der "Rheinischen Post": "In der nächsten Wirtschaftskrise könnte das Vertrauen der Investoren in die italienischen Staatsfinanzen ganz kollabieren." Im Ernstfall sei angesichts des derzeitigen Verhaltens der Regierung auch nicht mit Hilfe von den Rettungsschirmen oder der Europäischen Zentralbank zu rechnen.

Der Chefökonom der Dekabank, Ulrich Kater, warnte, es könne "fatal sein, wenn ein weiterer Schock hinzukäme, etwa ein Konjunktureinbruch oder der Zusammenbruch einer Bank." FDP-Bundestagsfraktionsvize Christian Dürr verlangte Konsequenzen aus Brüssel: "Die EU-Kommission muss hart bleiben und die Regeleinhaltung strikt einfordern, sonst droht große Ansteckungsgefahr für die ganze Eurozone."

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