Kommentar

Die VW-Umtauschprämie ist nur ein Konjunkturprogramm

Die Umtauschprämien von Volkswagen helfen vor allem der Branche selbst. Der Verbraucher bleibt verunsichert – auch wegen der Politik.

Fahrverbot in Berlin – das müssen Diesel-Fahrer jetzt wissen

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Berlin.  Das Umtauschprogramm von Volkswagen für dreckige Dieselautos verdient Anerkennung. Nicht, weil es die Pro­bleme etlicher von Fahrverboten betroffener Autofahrer lösen würde. Nein, es darf geklatscht werden, weil die Autobranche mal wieder ein erstaunliches Talent für kluges Marketing und blendende Inszenierungen bewiesen hat. Wer die Mentalität der Bundesrepublik in Umwelt- und Verbraucherfragen verstehen will, der muss nur die Werbebotschaften der Autoindustrie studieren.

Jahrzehntelang hat das Land das Theater vom sauberen Diesel mit angesehen. Nun folgt das nächste Schauspiel: Volkswagen gibt sich als Kämpfer für reine Luft. Unter der Überschrift „Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Luftqualität“ läuft der Beitrag des Autobauers zur Vermeidung von Fahrverboten. Doch wer genau hinsieht, erkennt: Was Volkswagen präsentiert hat, ist nichts anderes als ein gigantisches Konjunkturprogramm für einen Konzern und eine Branche, die selbst verschuldet unter Druck geraten ist.

Hardware-Nachrüstungen würden das Problem lösen

Je nach Modell und Marke will der Konzern den Autobesitzern Prämien von bis zu 10.000 Euro bezahlen, wenn sie ihren alten Diesel verschrotten lassen und im Gegenzug ein neues Auto aus dem Volkswagen-Reich kaufen. Plötzlich sollen Hunderttausende Fahrzeuge ein Fall für den Schrottplatz sein – obwohl man eigentlich einen Teil davon mit Hardware-Nachrüstungen sauber bekommen würde und die Autos somit noch jahrelang fahren könnte. Das ist ökologischer und ökonomischer Irrsinn. Und ein riesiger Wertverlust außerdem.

Für Volkswagen macht die Kalkulation Sinn. Von allen diskutierten Maßnahmen gegen Fahrverbote sind die Umwelt- und Umtauschprämien die günstigste Alternative. Statt Tausende Euro pro Fahrzeug in Hardware-Nachrüstungen zu investieren, verkauft der Konzern lieber neue Autos. Das sorgt nebenbei für einen steigenden Absatz – und zwar voraussichtlich überwiegend für Diesel und Benziner. Dass sich jetzt viele Verbraucher für einen Elektrowagen entscheiden, ist unwahrscheinlich. Weil es kaum attraktive Angebote gibt.

Von der Umtauschprämie profitieren all jene, die sich ohnehin in nächster Zeit einen Neuwagen leisten wollen. Was aber haben die Krankenpflegerin, die Kindergärtnerin oder der Sachbearbeiter aus Frankfurt, Berlin oder Hamburg davon?

Die Politik sollte den Verbrauchern die Wahrheit sagen

Automatisch wird davon ausgegangen, dass sich jeder ein neues Auto leisten kann und will. Auf einen Großteil der Besitzer älterer Dieselmodelle dürfte das aber nicht zutreffen. Sie müssen demnächst kreativ werden, wenn es darum geht, wie sie in die Arbeit kommen oder ihre Kinder in die Kita fahren sollen. Hat jemand an die Schichtarbeiter gedacht, die frühmorgens aus dem Haus müssen, wenn Busse und Bahnen noch stillstehen?

Auch jetzt bleibt der Verbraucher verunsichert und ohne Lösung zurück. Das ist umso ärgerlicher, weil die Bundesregierung nach dem vergangenen Diesel-Gipfel im Kanzleramt stolz Maßnahmen präsentiert hat. Ein wichtiger Teil des Pakets waren die teuren Hardware-Umbauten. Bei Volkswagen ist davon nicht mehr die Rede.

Es wird Zeit, das Theater zu beenden und ehrlich zu werden: Die teuren Hardware-Nachrüstungen wird es nicht geben. Allein: Hier kann man den Herstellern keine Inszenierung vorwerfen. Sie haben die Umrüstungen schon immer abgelehnt. Die Bundesregierung hätte das den Bürgen klar sagen müssen. Die Realität ist dem Verbraucher zuzumuten.