Autohersteller

Generationswechsel bei Daimler – Darum tritt Zetsche ab

Dieter Zetsche gibt die Führung des Autokonzerns Daimler nach 13 Jahren ab. Nachfolger wird der 16 Jahre jüngere Schwede Ola Källenius.

 Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG.

Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Berlin/Stuttgart.  Freundlich lächelt Dieter Zetsche in die Kamera. Gewohnt leger, mit blauem Pullover über dem Hemd mit offenem Kragen, sitzt der Chef des Autobauers Daimler an einem aufgeräumten Schreibtisch, vor ihm ein Tablet-Computer. Der 65-jährige Spitzenmanager kündigt mit diesem Bild im Unternehmensblog seinen Abschied im Mai 2019 an, nach 13 Jahren an der Konzernspitze und als Chef der Pkw-Sparte Mercedes-Benz-Cars.

Einer der mächtigsten Autobosse geht in den Ruhestand, zumindest teilweise. Ab 2021 will er nach zwei Jahren Pause den Aufsichtsrat des Konzerns leiten. Nachfolger wird der 16 Jahre jüngere Entwicklungschef Ola Källenius.

Vertrag läuft noch bis Ende 2019

Dass es zu diesem Wechsel kommen wird, das galt bei Daimler für viele als ausgemacht. Offen war nur der Zeitpunkt. Der ist nun gekommen. Zetsche, der Spitzenmanager mit dem markanten Schnauzbart, hat Daimler nach der gescheiterten Ehe mit dem US-Hersteller Chrysler wieder stark gemacht und nach der Wirtschaftskrise zu neuer Höchstform getrieben.

Nun steht mit der Elektromobilität der nächste große Umbruch bevor. Daimler habe ein Team, das den Wandel der Branche nicht als Bedrohung sehe, schreibt Zetsche. „Deshalb halte ich es für richtig, dass wir nun auch an der Spitze unseres Unternehmens den nächsten Schritt einleiten“, erklärt er.

Offiziell läuft sein Vertrag noch bis Ende 2019, nun wird er die Führung bereits nach der Hauptversammlung im Mai abgeben. Zetsche schreibt, Källenius habe sich seine Wertschätzung verdient und bringe wertvolle internationale Erfahrung mit.

Källenius ist technisch versiert, aber kein Ingenieur

Källenius, 49, verheiratet mit einer Schwäbin, drei Kinder, ist wie Zetsche ein Daimler-Eigengewächs. Der Manager, der perfektes Deutsch sprechen soll, stammt aus Västervik an der schwedischen Ostküste. Nach seinem Abitur studierte er „International Management“ und „Finance and Accounting“ in Stockholm und St. Gallen in der Schweiz. Im Autokonzern startete er 1993 in der internationalen Nachwuchsgruppe der damaligen Daimler-Benz AG, arbeitete sich danach im Management hoch. Er leitete die Autofabrik in Tuscaloosa in den USA, später die Tuning-Tochter AMG.

Im Januar 2017 holte Zetsche den Schweden als Entwicklungschef an seine Seite im Konzernvorstand, zuvor war er bereits Vertriebschef. Spätestens seit diesem Zeitpunkt wurde Källenius als Nummer zwei gehandelt und galt als möglicher Nachfolger für den amtierenden Vorstandsvorsitzenden. Der Wirtschaftswissenschaftler Källenius gilt als technisch versiert – und unbelastet im Problemfeld Diesel. Denn auch die Automarke mit dem Stern kämpft mit dem Vorwurf der Manipulation bei der Abgasreinigung von Dieselautos. Auf Anordnung des Kraftfahrt-Bundesamtes muss der Hersteller europaweit 700.000 Fahrzeuge nachbessern. Zwei Mal musste Daimler-Chef Zetsche deswegen im Sommer bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vorsprechen. Dass einer der mächtigsten Autobosse der Welt nach Berlin zitiert wird – das hatte es bislang nicht gegeben.

Bei der Elektromobilität muss Mercedes aufholen

Daimler bestreitet bis heute, dass es sich bei der umstrittenen Funktion in der Motorsteuerung um eine Betrugssoftware ähnlich wie bei Volkswagen handelt, wehrt sich gegen diese Anschuldigung auch juristisch. Dennoch wollen die Stuttgarter mit den Behörden kooperieren. Källenius wird bei diesem Thema nicht nur die Ämter und die Politik überzeugen müssen. Auch die Kunden sind wegen hoher Wertverluste und Fahrverbote für ihre relativ neuen Diesel-Autos verärgert.

Zweite Großbaustelle im Konzern ist die Strategie für Elektromobilität. Während der wichtigste Rivale BMW mit dem i3 schon seit Jahren Erfahrungen mit der Produktion eines vollelektrischen Modells sammelt, rollt im Daimler-Universum einzig bei der Kleinstwagen-Tochter Smart ein Auto ohne Verbrennungsmotor vom Band. Mitte 2019 will Mercedes den EQC auf den Markt bringen – und damit vor allem dem US-Elektropionier Tesla, aber auch den deutschen Rivalen ein eigenes E-Auto entgegensetzen.

Der Erfolgsdruck ist hoch. Nicht nur, dass die Konkurrenz technisch davonzueilen droht. Auch Gesetze zwingen die Autohersteller dazu, mehr Elektroautos an ihre Kunden zu verkaufen. Will Daimler in Europa Strafzahlungen wegen des hohen Abgasausstoßes der Autos mit Verbrennungsmotor umgehen, muss der Hersteller nach Expertenschätzung schon in drei Jahren jährlich 100.000 reine Elektrofahrzeuge verkaufen.

Zetsche muss zweijährige Pause einlegen

Dieter Zetsche wird diese Entwicklungen weiter aus nächster Nähe verfolgen können und im Zweifelsfall auch Einfluss nehmen. Zwei Jahre nach seinem Abtritt als Vorstandschef soll er nach der Hauptversammlung 2021 an die Spitze des Aufsichtsrats treten. Das Gremium kontrolliert die Arbeit des Vorstands. Damit Zetsche nicht über eigene Entscheidungen wacht, ist für Manager bei diesem Wechsel eine Auszeit von zwei Jahren vorgesehen.

Intern kommt die Personalie offenbar gut an. Betriebsratschef Michael Brecht sagt etwa, Källenius sei mit seiner Erfahrung „bestens“ für den Posten geeignet. Marktbeobachter rechnen dem künftigen Daimler-Chef gute Chancen zu, schnell aus dem Schatten seines Vorgängers zu treten. Christian Ludwig, Autoanalyst vom Bankhaus Lampe, sagt: „Ich glaube nicht, dass Källenius nur eine Marionette von Herrn Zetsche sein wird.“