Luftverkehr

Warum Ryanair 150 Flüge von und nach Deutschland streicht

Verdi und Cockpit rufen zu Streiks für mehr Geld auf. Die Airline Ryanair streicht 150 Flüge. Ein Ende des Streits ist nicht zu sehen.

Eine Maschine von Ryanair steht am Terminal in Berlin-Schönefeld. Der Flughafen gehört inzwischen zu den wichtigsten Standorten des Billigfliegers in Deutschland.

Eine Maschine von Ryanair steht am Terminal in Berlin-Schönefeld. Der Flughafen gehört inzwischen zu den wichtigsten Standorten des Billigfliegers in Deutschland.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Berlin.  Normalerweise haben sich die beiden Gewerkschaften VC Cockpit und Verdi wenig zu sagen, doch wenn der Gegner Ryanair heißt, kämpfen sie gemeinsam. Seit drei Uhr an diesem Mittwochmorgen sind in Deutschlanschad Piloten und Kabinenpersonal der Fluggesellschaft zu einem Warnstreik aufgerufen.

Es geht um Tarifverträge nach deutschem Recht, Gehalt, von dem sich leben lässt, und den Beweis, dass die Gewerkschaften Macht beim größten Billigflieger Europas haben. „Wir brauchen Druck“, sagt Christine Behle vom Verdi-Bundesvorstand. Den gibt es jetzt offenbar.

Ryanair strich wegen der Warnstreiks vorsorglich 150 von 400 Flügen von und nach Deutschland. Die betroffenen Passagiere informierte das Unternehmen per Mail und SMS. Ryanair bot Flüge an den Folgetagen und die Rückerstattung des Flugpreises an. Die anderen Flüge sollten normal starten. Die Fluggesellschaft flog auch Piloten und Crews aus anderen Ländern ein, um die Folgen des Warnstreiks zu dämpfen. Ob den Passagieren wegen der Streichungen auch Ausgleichszahlungen nach EU-Regeln zustehen, ist unklar. Fluggastrechteportale empfehlen, das Geld trotzdem einzufordern.

Ryanair droht mit Stellenabbau

Wie erfolgreich der Streik sein wird, ist unklar. Verdi-Vorstand Behle sagte, die Mehrheit des Kabinenpersonals sei bei Verdi organisiert. Allerdings hätten viele Mitarbeiter noch nie gestreikt und zudem Angst um ihre Jobs.

Ryanairs Marketingvorstand Kenny Jacobs bezeichnete den Streik als unnötig und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Gleichzeitig drohte er den Gewerkschaften: Solche Streiks würden zur Aufgabe von Basen in Deutschland und Stellenabbau bei Kabinenpersonal und Piloten führen.

Vor allem Leiharbeiter beschäftigt

Ryanair rühmt sich seiner extrem effizienten Struktur und der deshalb niedrigen Preise. Die gehen offenbar zulasten der Mitarbeiter. Verdi berichtete am Dienstag, das Entgelt für bei Ryanair direkt beschäftigtes Kabinenpersonal liege mit Basisgehalt plus Zulagen je Flugstunde zwischen 1800 Euro (Flugbegleiter) und 2700 Euro (Leitung Kabinencrew) brutto pro Monat. Die Mehrheit der Leiharbeiter bekommt demnach kein Basisgehalt, sondern nur die Flugstunden bezahlt. In Deutschland beschäftigt Ryanair rund 1000 Flugbegleiter, etwa 300 davon sind Verdi zufolge fest angestellt, 700 bei Leiharbeitsfirmen. Vor drei Monaten wurde das Entgelt auf Druck der Beschäftigten erhöht, offenbar bestand der Verdacht, die Entgelte verstießen gegen das Mindestlohngesetz.

Weniger Entgelt als bei Easyjet

Verdi will einen Tarifvertrag nach deutschem Recht erreichen, bisher gilt meist das aus Sicht der Beschäftigten schwächere irische Recht, das etwa die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall nicht garantiert und eine kurzfristige Zwangsversetzung an andere europäische Standorte möglich macht. Zudem soll es eine substanzielle Entgelterhöhung geben.

Derzeit sei das Niveau mehr als 1000 Euro niedriger als beim Billigflugkonkurrenten Easyjet, erklärte Verdi-Verhandlungsführerin Mira Neumaier. Das erste Angebot von Ryanair sei mehr als enttäuschend gewesen, sagte Neumaier: 41 Euro mehr Basisgehalt brutto pro Monat über drei Jahre. Es gebe sehr, sehr wenig Bewegung in kleinen Einzelpunkten. Deshalb also der Warnstreik. Man sei aber mit Ryanair im Gespräch über einen neuen Verhandlungstermin, wahrscheinlich für kommende Woche.

Gerhard Schröder als Schlichter?

Bei den rund 400 Piloten ist die Lage deutlich verschärfter. Weil sich beide Seiten nicht auf einen Tarifvertrag einigen konnten, soll jetzt ein Mediator helfen. Ryanair schlug den irischen Arbeitsmarktspezialisten Kieran Mulvey vor, der bereits bei den irischen Piloten schlichtete. Die Gewerkschaft VC nannte Altkanzler Gerhard Schröder, Ex-Parteichef Martin Schulz, Ex-Wirtschafts- und Außenminister Sigmar Gabriel, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und den ehemaligen EU-Kommissar Günter Verheugen (alle SPD).

Ryanair-Marketingvorstand Jacobs griff die Gewerkschaft VC direkt an. Man habe einer Schlichtung zugestimmt und wolle das Grundgehalt der Piloten in Deutschland erhöhen. Der Streik sei unnötig. Die Arbeitsbedingungen und Gehälter der Ryanair-Piloten seien deutlich besser als bei anderen Fluggesellschaften, wo VC die Piloten vertrete, etwa die Lufthansa Billigflugtochter Eurowings. Ryanair-Piloten in Deutschland verdienten bis zu 190.000 Euro brutto im Jahr.

So teuer sind die Billigflieger wirklich

Billigflieger: Auch bei den günstigen Airlines werden die Tickets teurer. Diese Fluglinie bietet derzeit die preiswertesten Tickets an.
So teuer sind die Billigflieger wirklich

Auch Flüge in den Herbstferien sind gefährdet

Wann die Tarifgespräche bei Kabinenpersonal und Piloten beendet sein werden, ist unklar. Wer also zum Beispiel Flugtickets für die Herbstferien hat, kann nicht sicher sein, auch fliegen zu können. Die Verhandlungen sind zäh. Verdi berichtete, man habe allein drei Monate über die Zusammensetzung der Tarifkommission verhandelt.

Der Verdi-Bundesvorstand hat bereits weitere Warnstreiks des Kabinenpersonals genehmigt, Vorstandsmitglied Behle sagte aber ausdrücklich: „Wir sind nicht daran interessiert, dass die Verhandlungen abgebrochen werden.“

Beide Seiten wollen den Abschluss

Auch Ryanair ist bei aller scharfen Rhetorik daran gelegen, Tarifverträge abzuschließen. Das Unternehmen hatte im vergangenen Herbst überraschend seine Firmenpolitik geändert und begonnen mit Gewerkschaften zu verhandeln. Vorausgegangen war ein dramatischer Engpass bei Piloten mit zahlreichen Ausfällen.

Weil der Markt für Piloten und Kabinenpersonal wegen des starken Wachstums im europäischen Flugverkehr leergefegt ist und auch die Konkurrenz, die in Teilen deutlich mehr zahlt, Personal sucht, ist der Konzern darauf angewiesen vernünftig zu bezahlen. Bei Piloten wurden die Gehälter erhöht, sie werden inzwischen meist direkt angestellt. Tarifabschlüsse gibt es bereits in Irland und Italien. Verhandelt wird in Belgien, Spanien und Portugal.