DGB-Report

Jeder dritte Azubi in Deutschland macht Überstunden

Der DGB-Ausbildungsreport zeigt: Die meisten Lehrlinge sind zufrieden, doch klagen viele über Arbeitszeiten und auch die Bezahlung.

Eine Auszubildende arbeitet im Ausbildungszentrum des Autoherstellers BMW in München (Oberbayern).

Eine Auszubildende arbeitet im Ausbildungszentrum des Autoherstellers BMW in München (Oberbayern).

Foto: dpa Picture-Alliance / Andreas Gebert / picture-alliance / Andreas Geber

Berlin.  Viele Auszubildende stehen unter Druck. „Ich arbeite im Sieben-Tage-Schichtbetrieb. Der Schichtplan ist so eingerichtet, dass ich seit November 2017 kein Wochenende zusammenhängend frei hatte.“ Diese Beschreibung seines Alltags im ersten Lehrjahr hat ein Auszubildender im Einzelhandel im Frühjahr ins Internetforum „Dr. Azubi“ gestellt. Es ist die Beschwerdeplattform des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) – und mit dieser Klage über problematische Arbeitszeiten steht der junge Mann nicht alleine da.

Erstmals seit Jahren mehr freie Stellen als Interessenten

Regelmäßige Überstunden und ständige Erreichbarkeit setzen laut einer neuen Studie Hunderttausende Auszubildende in Deutschland unter Druck. Zwar ist mit 70,2 Prozent die große Mehrheit der Azubis mit ihrer Lehre zufrieden, doch handelt es sich dabei um den niedrigsten Wert seit Beginn der jährlichen Erhebungen vor 13 Jahren. Das geht aus dem Ausbildungsreport 2018 der Jugend-Abteilung des DGB hervor, für den 15.000 Auszubildende befragt wurden. Besonders bei den Arbeitszeiten liege in der Ausbildung „einiges im Argen“.

So leisten 36 Prozent der Auszubildenden regelmäßig Überstunden – im Schnitt 4,1 Stunden pro Woche. Anders als per Gesetz geregelt, bekommen 13 Prozent der Azubis für diese Mehrarbeit weder extra Geld noch einen Freizeitausgleich. Zudem leistet jeder vierte Auszubildende Schichtarbeit. Oft liegt zwischen zwei Schichten nicht einmal die vorgeschriebene elfstündige Pause.

Stress in kleineren Unternehmen größer

Von knapp 55 Prozent der Auszubildenden wird zudem erwartet, auch nach der Arbeit mobil erreichbar zu sein. Zugleich wird diese zusätzliche Zeit bei 60 Prozent der Befragten nicht angerechnet oder honoriert. Andererseits müssen gut 55 Prozent der Auszubildenden, bei denen sogenannte Minusstunden anfallen, diese nacharbeiten. Dabei sieht das Berufsbildungsgesetz dies nicht so vor.

Eine Auszubildende berichtet: „Ich habe eine 40-Stunden-Woche. Wenn ich jedoch Sonnabend arbeiten muss, komme ich nur auf 38,5 Stunden, weil wir dort den Laden zwei Stunden weniger geöffnet haben. So sammeln sich meine Minusstunden an. Ich hatte bereits 42 Minusstunden und musste dafür eine Woche Urlaub streichen, damit diese Stunden sich ausgleichen.“

Allerdings läuft es von Branche zu Branche sehr unterschiedlich. In kleinen Betrieben und im Handwerk ist der Stress offenbar stärker als in größeren Betrieben. Vor allem angehende Hotelfachleute, zahnmedizinische Fachangestellte, Einzelhändler, Tischler und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk bewerten ihre Ausbildung als überdurchschnittlich schlecht. Besonders gut werden dagegen Ausbildungen zu Verwaltungsfachangestellten, zu Mechatronikern, Industriemechanikern und Elektronikern für Betriebstechnik bewertet. Verbessert habe sich die Situa­tion auch bei angehenden Köchen.

Rückläufige Schülerzahlen

Die Arbeitgeber müssten sich umstellen, sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. Klagen der Arbeitgeber über fehlenden Nachwuchs kämen „vor allem aus solchen Branchen, die für miserable Ausbildungsbedingungen und schlechte Vergütung bekannt sind“.

Tatsächlich müssen sich die Arbeitgeber 2018 besonders um Auszubildende bemühen. Seit Jahren gibt es erstmals mehr freie Plätze als Bewerber: Laut Bundesagentur für Arbeit waren bis Juli gut 531.000 Lehrstellen gemeldet, doch es gab nur 502.000 Interessenten. Die Ursache dafür liegt in rückläufigen Schülerzahlen und dem gleichzeitig größeren Bedarf der Firmen.

„Während die Unternehmen früher unter zahlreichen Bewerbern auswählen konnten, ist es heute oft umgekehrt“, berichtet Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): „Jugendliche wählen immer häufiger ihren Ausbildungsbetrieb aus.“ Gleichzeitig verteidigte Dercks außergewöhnliche Arbeitszeiten: „Eine Ausbildung führt an das Berufsleben heran.“ So gebe es in Hotels, der Gastronomie oder im Handel „tatsächlich Arbeitszeiten außerhalb der üblichen Bürozeiten“. Kein Gastwirt oder Hotelier könne es sich leisten, um 18 Uhr sein Haus zu schließen.

Kluft bei der Bezahlung ist noch groß

Von allen angehenden Hotelfachleuten lösten laut der Gewerkschaft allein im Jahr 2016 rund 41 Prozent den Ausbildungsvertrag vor Ende der Ausbildung auf, bei Köchen waren es 49 Prozent und bei Restaurantfachleuten sogar rund 51 Prozent.

DGB-Vize Hannack will die Ausbildungsbedingungen grundsätzlich verbessern. Sie fordert deshalb die Bundesregierung auf, die Novelle des Berufsbildungsgesetzes auf den Weg zu bringen. Notwendig sei eine Mindestvergütung für Azubis von 635 Euro brutto im Monat, im zweiten Lehrjahr sollten es 696 Euro sein, im dritten 768 Euro und im vierten 796 Euro. Für die Arbeitswelt von morgen seien gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte entscheidend, ist Hannack überzeugt. Die Kluft bei der Bezahlung ist laut DGB-Report aber noch groß: Während angehende Zerspanungsmechaniker im dritten Ausbildungsjahr 1033 Euro erhalten, bekommen Friseure nur 578 Euro.