Finanzdienstleister

Fintech Wirecard ist jetzt mehr wert als die Deutsche Bank

Der Finanzdienstleister Wirecard aus Münchens Umland ist der neue Börsenstar. Wer verbirgt sich dahinter – und woher kommt der Erfolg?

Der Sitz von Wircard im bayerischen Grasbrunn.

Der Sitz von Wircard im bayerischen Grasbrunn.

Foto: imago stock&people / imago/argum

Berlin.  Über eine Billion Dollar ist der Technologiekonzern Apple sei Kurzem an der Börse wert, der weltgrößte Onlinehändler Amazon könnte bald nachziehen. Die digitalen Schwergewichte kommen aus den USA, zumeist aus dem Silicon Valley, der Wiege der Hightech-Industrie in Kalifornien. Im Schatten der bayerischen Landeshauptstadt München entsteht gerade ein neuer deutscher Digitalriese.

Wirecard, gegründet 1999, ist seit dieser Woche mehr Wert als die traditionsreiche Deutsche Bank. Und das Fintech, ein innovativer Finanzdienstleister, könnte demnächst die Commerzbank aus der ersten deutschen Börsenliga, dem Leitindex Dax, verdrängen.

Wirecard – den Namen dürften viele Verbraucher noch nie gehört haben. Und doch kommen sie mit dem Unternehmen ständig in Kontakt. Der Finanzdienstleister aus dem Münchner Vorort Aschheim ist im Hintergrund tätig. Vorstandschef Markus Braun hat die Firma als Zahlungsabwickler eta­bliert.

Wirecard wickelt für Unternehmen den Zahlungsverkehr ab

Wirecard regelt für andere Unternehmen den Zahlungsverkehr an der Ladentheke oder auf der Internetseite und behält dafür Gebühren ein. Zu den Partnern zählen Banken, Kreditkartenanbieter und Technologiekonzerne. Der Reisekonzern TUI setzt auf Wirecard, die Mobilfunkgesellschaft O2 und die Fluggesellschaft KLM. Anders als der Name suggeriert, gibt es keine Wirecard, wie es eine Visacard gibt.

Wirecard, das in seinen Gründer­tagen zunächst vor allem für Kunden aus dem Glücksspiel- und Pornografie­bereich tätig war, legt eine rasante Entwicklung hin. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs um über 80 Prozent geklettert. An der Börse ist die Firma mit einem Wert von rund 22 Milliarden Euro am Dienstag an der Deutschen Bank vorbeigezogen. Die reinen Zahlen sprechen noch eine andere Sprache. Wirecards Umsatz lag 2017 bei 1,5 Milliarden Euro, die Deutsche Bank kam auf 26 Milliarden Euro. 5000 Mitarbeitern stehen 90.000 bei der Deutschen Bank gegenüber.

Doch Wirecard ist hochprofitabel. Für 2018 erwartet Vorstandschef Braun einen operativen Gewinn (Ebitda) von bis zu 560 Millionen Euro. An der Börse geht es zudem um Erwartungen. In diesem Punkt setzen die Anleger offenbar auf Wirecard. „Die Digitalisierung steht in vielen Branchen erst ganz am Anfang“, sagt Vorstandschef Braun.

Bargeldloses Zahlen gewinnt an Bedeutung

Zwar regeln die Menschen weltweit rund 80 Prozent der Zahlungen mit Bargeld. Doch in Asien ist das Zahlen per Smartphone längst gängig. In Deutschland steht mit dem Start der mobilen Bezahldienste von Google und Apple ebenfalls eine Umwälzung bevor. Wirecard bietet die Technik dafür. Und der Konzern kooperiert mit den chinesischen Bezahlgiganten Alipay und WeChat: Wenn chinesische Touristen in Europa einkaufen, dann wickelt Wirecard die Zahlung ab.

Die Bedeutung des Fintechs könnte bald stärker sichtbar werden. Wirecard könnte am 5. September aus dem Technologiewerteindex TecDax in den Leitindex Dax aufsteigen, in dem die 30 wichtigsten börsennotierten Konzerne Deutschlands gelistet sind. Die Commerzbank, hinter der Deutschen Bank die Nummer zwei, muss dafür womöglich ihren Platz räumen.

Während Wirecard zum Börsenstar wird, beschäftigen sich die beiden klassischen Großbanken vor allem mit ihrer Vergangenheit: den Folgen der Finanzkrise von 2008 und hausgemachten Problemen. Das beklagt etwa Anlegerschützer Klaus Nieding. „Die Aufarbeitung der Krise hat viel Zeit, Kraft und Geld gekostet. Beim Thema Digitalisierung haben die Banken zehn Jahre verschlafen“, sagt der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). (mit dpa)