Schienenverkehr

Bahn gibt 100 Millionen Euro für mehr Pünktlichkeit aus

Die Deutsche Bahn investiert massiv in die Digitalisierung. Von computergesteuerten Bahnen sollen die Kunden auch direkt profitieren.

Bahn sperrt Strecken wegen Sturm – muss das sein?

Sturmfolgen: Die Deutsche Bahn sperrt immer öfter Strecken wegen eines Unwetters – warum ist das so? Und muss das so sein? Wir haben nachgefragt.

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Berlin.  Einen Satz kann Bahnchef Richard Lutz mittlerweile auswendig. Seit seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren wiederholt er ihn wie ein Man­tra. Auch bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz im klimatisierten Saal eines Berliner Hotels fehlt er nicht: „Wir müssen bei der Pünktlichkeit besser werden.“ Nur 77,4 Prozent aller Züge im Fernverkehr kamen im ersten Halbjahr zur vorgesehenen Zeit ans Ziel. Das ist immer noch weit entfernt von den 80 Prozent, die der Konzern erreichen will. Doch Lutz gibt die Hoffnung auf Besserung nicht auf: „Die Richtung stimmt.“

Die Hauptursachen für die Unpünktlichkeit konnten bislang nicht beseitigt werden. Rund 800 Baustellen verzögern bundesweit die Fahrten. Zudem gibt es zu wenige freie Kapazitäten auf den Trassen. Mit einem besseren Baustellenmanagement hat die Bahn schon gegengesteuert. Nun nimmt Lutz zusätzlich 100 Millionen Euro in die Hand, um den Fahrplan zu stabilisieren und die Pünktlichkeit zu erhöhen. Konkret soll mit dem Geld unter anderem der Verkehr an Knotenpunkten und besonders stark belasteten Streckenabschnitten besser koordiniert werden.

Automatische Steuerung schafft Platz für mehr Züge

Eine wundersame Besserung wird dies wohl allerdings auch nicht bringen. Denn die Modernisierung des Netzes dauert noch Jahre. Neue Strecken sind nicht geplant. Selbst wenn, würde es Jahrzehnte dauern, sie zu bauen. Einen Durchbruch soll die Digitalisierung des Streckennetzes ermöglichen, hofft der Bahnvorstand. „Digitale Schiene Deutschland“ heißt das Programm, das in den nächsten Monaten konkret beschlossen werden soll. „Es ist ein großer technologischer Fortschritt für den gesamten Bahnsektor“, verspricht Lutz. Am Ende werden die Züge weitgehend automatisch über die Gleise gesteuert. So können sie in kürzeren Abständen fahren. „Wir gehen von bis zu 20 Prozent mehr Zügen aus“, sagt der zuständige Vorstand Ronald Pofalla.

Hamburg soll Modellstadt für das Programm werden. Die S-Bahn der Hansestadt wird auf einer 23 Kilometer langen Strecke zum Testgebiet für den digitalen Betrieb. Die Erfahrungen damit sollen beim nächsten Schritt helfen. Zwischen 2020 und 2025 will Pofalla die am stärksten belasteten Knotenpunkte und Trassen technologisch aufrüsten: „Die engste Stelle ist zwischen Köln und Dortmund.“ Weitere vier problematische Strecken will er nicht nennen.

Was darf ein Fahrkartenkontrolleur?
Was darf ein Fahrkartenkontrolleur?

Der große Vorteil der Digitalisierung liegt auf der Hand. Es müssen keine Neubaustrecken geplant und gebaut werden, um die Kapazitäten deutlich auszuweiten. Der Nachteil ist aber auch bekannt: Es sind hohe Investitionen notwendig. Schätzungen für das Gesamtnetz von 36.000 Kilometern gehen von rund 30 Milliarden Euro aus. Doch selbst vergleichsweise kurze Strecken dürften einen Milliardenbetrag verschlingen. Lutz hofft deshalb auf ein breites Bündnis aus Industrie, Politik und Verkehrsunternehmen für das Mammutvorhaben. Der Bund als Eigentümer der Bahn steht mit in der Pflicht. Anders lässt sich die Vorgabe der Bundesregierung, die Passagierzahl bis 2030 zu verdoppeln, nicht erreichen.

Zufriedenheit der Bahn-Reisenden gestiegen

Bis diese Zukunftsmusik harmonisch klingt, muss sich Lutz wie seine Kunden mit den alltäglichen Problemen der Bahn befassen. Immerhin strafen die Passagiere die Bahn für die Unpünktlichkeit nicht ab. Im Gegenteil. „Über 70 Millionen Fahrgäste haben im ersten Halbjahr unsere Fernverkehrszüge genutzt“, sagt der Bahnchef. Das sind fast vier Prozent mehr als im Vorjahreshalbjahr – ein neuer Fahrgastrekord im Gesamtjahr 2018 steht in Aussicht. „Hinzu kommt, dass die Kundenzufriedenheit weiter gestiegen ist“, sagt Lutz. Der Zuspruch auf den langen Strecken ist die beste Nachricht der Bilanz.

Gar nicht gut lief, wie seit Jahren schon, das Geschäft mit Gütertransporten. Die Verkehrsleistung ging hier um fast sieben Prozent zurück. Als Gründe nennt die Bahn Streiks in Frankreich und den Sturm Friederike. Auch „hausgemachte Schwächen“ räumt Lutz ein. Die Gegenstrategien sind noch nicht recht erkennbar. Aber die Bahn will vor allem Kunden für sehr lange Transporte gewinnen. Auf kürzeren Strecken ist der Lkw für viele die günstigere Alternative.

Unter dem Strich kann der Konzern im ersten Halbjahr den Umsatz um 2,3 Prozent auf 21,5 Milliarden Euro steigern. Das Ergebnis vor Steuern ging dagegen um gut 200 Millionen Euro auf 974 Millionen Euro zurück. Bis zum Jahresende will Lutz das Minus weitgehend ausgleichen. Doch der Gewinneinbruch ist bemerkenswert und nicht nur auf zusätzliche Ausgaben für die Pünktlichkeit oder Sturmschäden zurückzuführen.

So zeigt ein Blick in die Bilanzdetails einen Gewinnschwund im lukrativen Regionalverkehr. Im Vergleich zum Vorjahr sind es 100 Millionen Euro weniger. Der Konzern hat offenkundig auslaufende Transportverträge nicht kompensieren können. Eine weitere Großbaustelle, den Fachkräftemangel, hat die Bahn dagegen im Griff. 19.000 Stellen müssen bis Jahresende neu besetzt werden. Gut 13.000 Bewerber wurden bis Ende Juni bereits eingestellt. Darunter sind auch 1600 angehende Lokführer, die nach einer fast einjährigen Ausbildung den Fahrermangel beheben sollen. Auch Quereinsteiger sind erwünscht. So groß ist der Bedarf mittlerweile.