Hamburg

Absturz eines Börsenstars

Lange galt die Aktie der Optikerkette Fielmann als Top-Anlage. Nun ging es um mehr als 25 Prozent nach unten. Was steckt dahinter?

Hamburg. Die Hauptversammlungen der Optikerkette Fielmann gelten unter Investoren als außergewöhnlich harmonische Veranstaltungen. Jahr für Jahr berichtete der Vorstandsvorsitzende Günther Fielmann über immer neue Rekorde bei Umsatz, Gewinn und Dividende, die inzwischen zum 13. Mal in Folge erhöht wird. Beim Blick auf den Aktienkurs bevorzugte Fielmann meist die sehr langfristige Sicht – aus gutem Grund: In den zurückliegenden 20 Jahren hat sich der Wert des Papiers ungefähr verzehnfacht, es ist damit knapp viermal so stark gestiegen wie der deutsche Aktienmarkt insgesamt. In der Hauptversammlung des vergangenen Jahres drückte es ein Kleinaktionär so aus: „Es gibt hier nichts zu meckern.“

Doch beim nächsten Aktionärstreffen am kommenden Donnerstag dürfte manches anders sein, als es die treuen Anteilseigner gewohnt sind. Erstmals wird der nunmehr 78-jährige Firmengründer nicht den Hauptteil der Vorstandspräsentation übernehmen. Sein Sohn Marc, seit April gleichberechtigter Vorsitzender des Gremiums, wird einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten.

Gewinnwarnung hat die Aktionäre verunsichert

Zudem wird es ein unerfreuliches Gesprächsthema geben: Nach einer Gewinnwarnung am 28. Juni ist die Aktie regelrecht abgestürzt. Im Vergleich zum Allzeithoch, das kurz vor Ende des vorigen Jahres erreicht wurde, gingen rund 25 Prozent des Unternehmenswertes verloren. Aktuell liegt der Kurs gegenüber dem Tag der Mitteilung noch immer um rund 14 Prozent im Minus.

Aufgeschreckt hatte die erfolgsgewohnten Fielmann-Aktionäre die Nachricht, der Halbjahresgewinn werde voraussichtlich um sechs Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahreszeitraum, für den ein Vorsteuerergebnis von 123,6 Millionen Euro ausgewiesen wurde.

Zwar war es im Herbst 2016 schon einmal zu einer ähnlichen Situation gekommen: Nach einer Gewinnwarnung des Vorstands, der für vorsichtige Prognosen bekannt ist, ging es für den Aktienkurs um mehr als 20 Prozent abwärts. Allerdings erwies sich die Warnung im Nachhinein als unnötig. Doch die jüngste Firmenmeldung hat die Wertpapierexperten alarmiert. Seitdem haben sie 13 öffentlich zugängliche Analystenberichte vorgelegt. Elf von ihnen enthielten teils drastische Herabstufungen des Kursziels. So senkte die Privatbank Hauck & Aufhäuser diesen Wert von 73 auf 45 Euro.

Fielmann hat zwar die Prognose, im Gesamtjahr einen gegenüber 2017 weitgehend unveränderten Gewinn zu erzielen, beibehalten. Der Vorstand nannte aber gleich mehrere Faktoren, die aktuell das Ergebnis belasten, unter anderem die Schwäche des Schweizer Franken; in der Schweiz hat Fielmann 42 ­seiner rund 730 Niederlassungen.

Ebenso wie der Währungseffekt habe die Expansion in Italien – ein Projekt, für das Marc Fielmann zuständig ist – den Gewinn um etwa zwei Millionen Euro geschmälert, teilte das Unternehmen mit. Der Ausbau von zwölf auf 18 Niederlassungen sei naturgemäß mit Vorlaufkosten wie etwa Mieten verbunden, erklärt Firmensprecherin Ulrike Abratis. Derartige Belastungen wird es wohl auch in den nächsten Jahren noch geben, denn früheren Angaben zufolge strebt der Brillenspezialist „mittelfristig“ 40 Filialen in Norditalien an.

Gewinne schreibt Fielmann dort aber offenbar noch nicht. Und Graham Renwick, Analyst beim Hamburger Privatbankhaus Berenberg, ist skeptisch, ob in dem Mittelmeerland schnelle Erfolge zu erzielen sind. Der italienische Optiker-Markt sei zwar noch stärker als andere in Europa von Einzelanbietern bestimmt. „Aber die Marke Fielmann ist dort noch unerprobt“, so Renwick.

Weitere zwei Millionen Euro an Ergebnisbelastung gehen nach Angaben des Unternehmens auf das Konto verstärkter Investitionen in die Digitalisierung. „In Zukunft werden wir neue digitale Services für unsere Kunden erschaffen und uns so noch deutlicher vom Wettbewerb abheben“, sagt Abratis. Dies ist eine Aufgabe, die ebenfalls Marc Fielmann übernommen hat. Er hat dazu eine Abteilung aufgebaut, die unter anderem an Sehtests im Internet forscht.

Online-Brillengeschäft noch nicht genügend ausgebaut

Analyst Renwick sieht im Hinblick auf die Digitalisierung noch erhebliche Defizite im Vergleich zu Wettbewerbern. So biete die Fielmann-Internetseite den Kunden nicht die Möglichkeit, Beratungstermine zu vereinbaren, außerdem würden Produktpreise dort nicht transparent gemacht. Zwar sei in Deutschland der Anteil des Online-Handels an den Brillenverkäufen mit gerade einmal 4,4 Prozent vergleichsweise gering. In anderen Ländern werde ein guter Online-Kundenservice aber eher erwartet.

Darüber hinaus haben Günther Fielmann und seine Vorstandskollegen in ihrer Gewinnwarnung das Augenmerk selbst auf einen Punkt gelenkt, der für das Unternehmen zu einem strukturellen Problem der nächsten Jahre zu werden droht. Durch eine „Anpassung der Vergütung“ erwarte man für die ersten sechs Monate einen Anstieg der Personalkosten um etwa zehn Millionen Euro, hieß es in der Mitteilung. Berenberg-Analyst Renwick sieht dies als Vorboten eines Fachkräftemangels, der zum Hemmschuh des weiteren Wachstums werden kann: „Es wird geschätzt, dass von den rund 50.000 ausgebildeten Optikern in Deutschland weniger als ein Prozent arbeitslos sind, außerdem streben immer weniger junge Menschen in dieses Handwerk.“

Als sei das alles noch nicht genug, kündigte vor wenigen Tagen der Chef von Mister Spex, dem größten Online-Optiker Deutschlands, einen Angriff auf Fielmann nun auch im Filialgeschäft an: Wie Firmengründer Dirk Graber in einem „Handelsblatt“-Interview sagte, wollen die Berliner eine „dreistellige Zahl“ von Niederlassungen eröffnen. Allerdings hat der aggressive Wettbewerber noch einen weiten Weg zu gehen: Mister Spex erzielte zuletzt einen Umsatz von 100 Millionen Euro, Fielmann kommt auf 1,4 Milliarden Euro.