Berlin

Familienunternehmen sorgen sich um Europa

Finanzminister verspricht beim Jahrestreffen, eine Transferunion zu verhindern

Berlin. Es solle keine Sonntagsrede werden, habe man ihr nahegelegt. Nicht wiederholen, was bekannt sei – dass Familienunternehmen von zentraler Bedeutung für Deutschland seien. Kein Problem, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer beim zehnten „Tag des deutschen Familienunternehmens“ im Hotel Adlon, „aber meine Wertschätzung will ich Ihnen trotzdem entgegenbringen.“ Die CDU-Generalsekretärin spricht vor 300 Gesellschaftern deutscher Familienunternehmen, und die wollen wissen, wie es weitergeht. Mit Europa. Mit dem Brexit. Mit den US-Strafzöllen. Dem Veranstalter zufolge beschäftigen allein die Firmen der 300 anwesenden Vertreter zusammen 900.000 Mitarbeiter.

Viele Gäste kennen einander, ihre Firmen gestalten oft seit Generationen das deutsche Wirtschaftsleben mit. Hier können sie sich gegenüber der Politik positionieren. Vor Kramp-Karrenbauer sprach Finanzminister Olaf Scholz (SPD); zu Gast sind auch die Finanzminister von Frankreich, Bruno Le Maire, und Großbritannien, Philip Hammond.

„Es sind bewegte Zeiten“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Familienunternehmen, die diese Tagung organisiert. Die Feststellung allein sei aber nichts wert. Die Unternehmen bräuchten von der Politik „konkrete Auskunft darüber, wie diese bewegten Zeiten beruhigt werden können – und wann“. Größte Sorge derzeit: die Zukunft der Europäischen Union. „Was haben wir für die Einheit Europas durch den stärker werdenden Nationalismus zu befürchten?“, fragt Hennerkes. Und: Wie werde die Reaktion auf Donald Trumps Strafzölle aussehen? „Die Position Europas ist nicht eindeutig“, sagt der Stiftungs-Chef. „Das birgt die Gefahr, in Verhandlungen gegeneinander ausgespielt zu werden.“

Soziale Marktwirtschaft – Wertekanon in der Krise

Angesichts der Schulden anderer EU-Länder fordert er, die Tür zu einer Transferunion nicht einmal einen Spaltbreit zu öffnen. In der Transferunion würden sich die Staaten der Euro-Zone verpflichten, gemeinsam Geld aufzunehmen. Die soliden Staaten würden de facto für die angeschlagenen zahlen. „Das liegt nicht im deutschen Interesse“, so Hennerkes. Finanzminister Scholz verspricht gleich im Anschluss: „Wir werden dafür sorgen, dass es keine Transferunion gibt, darauf können Sie sich verlassen.“

Kramp-Karrenbauer geht dann ans Eingemachte: Sie sieht das gemeinsame Europa auf der Kippe. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zerfallen in die, die überhaupt noch ein Europa wollen und die, die zurückfallen ins Nationalistische.“ Die internationalen Interessen der deutschen Familienunternehmen, etwa an verlässlichen Strukturen in China, ließen sich nur mit einem gemeinsamen Europa durchsetzen.

Ein ähnlicher Appell kommt vom französischen Wirtschafts- und Finanzminister Le Maire: „Unsere europäische Zukunft steht auf dem Spiel. Es gilt zu handeln, jetzt oder nie“, sagt er. Der britische Finanzminister Philip Hammond betont, dass sein Land auch nach dem Austritt aus der EU an der Seite Europas für den Freihandel eintreten werde.

Viel beschworen wird bei diesem Treffen auch die soziale Marktwirtschaft – von Hennerkes in Abgrenzung zu den USA , von Kramp-Karrenbauer in Abgrenzung zu China; als eine „gemeinsame europäische Idee, einen Wertekanon“ von Scholz. Dass dieser Wertekanon in der Krise ist, bezweifelt hier niemand. Kramp-Karrenbauer kommt gut an bei den Teilnehmern: „Wir müssen soziale Marktwirtschaft neu gestalten“, sagt sie. Angesichts der aktuell belasteten Beziehungen zu den USA warnt sie zudem vor dem Impuls zu sagen, „unsere neuen Freunde“ seien Russland und China. „Wir müssen bei den transatlantischen Beziehungen bleiben.“

EU und liberaler Welthandel sind aber nicht alles, auch das wird deutlich: Die Lage der heutigen Rentner kommt bei Nachfragen aus dem Unternehmer-Publikum zur Sprache. Viele hätten ihr Vertrauen in die Politik verloren, weil sie ihre Lebensleistung mit Mini-Renten und gescheiterten Altersvorsorgeplänen nicht als ausreichend gewürdigt empfinden. „Machen Sie etwas, dass wir wieder Vertrauen in Ihre Regierung und Partei haben“, fordert ein Gast.

Die Stiftung Familienunternehmen wurde 2002 mit Fokus auf große Firmen gegründet. Viele Familienunternehmen seien global aufgestellt wie große börsennotierte Konzerne, kämen in der Politik aber oft unter die Räder, heißt es bei der Stiftung. Ihren Zahlen zufolge stellten Familienunternehmen mehr als 90 Prozent der privatwirtschaftlichen Unternehmen und mehr als die Hälfte des privatwirtschaftlichen Umsatzes in Deutschland.