Geldinstitute

Wenn Roboter als Berater über Geldanlagen entscheiden

Immer mehr Banken und Fintechs bieten ihren Kunden elektronische Experten. Statt Menschen entscheiden Algorithmen über Geldanlagen.

Die Gründer des jungen Münchner Fintech-Start-Ups Scalable: Florian Prucker (v.l.), Erik Podzuweit und Stefan Mittnik.

Die Gründer des jungen Münchner Fintech-Start-Ups Scalable: Florian Prucker (v.l.), Erik Podzuweit und Stefan Mittnik.

Foto: Wolf Heider-Sawall

Berlin.  Sie vertrauen den Empfehlungen Ihres Kundenberaters bei der Bank oder Sparkasse nicht? Kein Problem. Es gibt Alternativen. Immer mehr Geldinstitute setzen Computer als Anlageberater ein – sogenannte Robo-Advisor, auf deutsch: Roboter-Berater.

Statt Menschen unterbreiten dabei Algorithmen den Kunden Vorschläge, wo sie ihr Geld anlegen können oder verwalten sogar komplette Depots. Hinter den computergestützten Beratungen und Vermittlungen stecken Banken oder Fintechs, also Firmen, die neue Technologien für den Finanzsektor nutzen.

Zu den ersten Anbietern am deutschen Markt zählt das Finanz-Start-up Scalable Capital. Dem Münchner Unternehmen ist es gelungen, innerhalb von 28 Monaten mehr als eine Milliarde Euro für rund 30.000 Kunden per Computer anzulegen.

Zum Vergleich: Nach einer Schätzung der Beratungsfirma Barkow Consulting verwalten die gut 20 aktiven digitalen Vermögensverwalter in Deutschland derzeit mehr als zwei Milliarden Euro. Dies entspricht bislang zwar lediglich 0,2 Prozent des insgesamt angelegten Vermögens in Aktien, Anleihen und Fonds. Doch dabei dürfte es nicht bleiben.

Scalable Capital gewinnt über Zusammenarbeit mit ING-DiBa neue Kunden

„Der Markt für digitale Vermögensverwaltung wächst derzeit schneller als der ETF-Markt in seinen Anfangszeiten“, meint Scalable-Gründer Florian Prucker. ETFs sind börsengehandelte Fonds, die in der Regel einen Index abbilden. Bei Anlegern erfreuen sie sich zunehmender Beliebtheit.

Den großen Wachstumsschub hat Scalable vor allem die Zusammenarbeit mit der Direktbank ING-DiBa gebracht. Das Geldinstitut bietet seinen Kunden seit neun Monaten an, ihre Geldentscheidungen in ihren Portfolios über Scalable-Computer zu treffen. Daraufhin hätten weit mehr als 20.000 Kunden gut 500 Millionen Euro über das computergestützte Angebot investiert. Etwa 40 Prozent der Kunden, die ihr Vermögen über Scalable anlegen, besitzen ein Vermögen von mehr als 100.000 Euro, berichtet das Münchener Fintech.

Die Cominvest, die aktuelle Nummer zwei der digitalen Vermögensverwalter in Deutschland, die zur Onlinebank Comdirect gehört, kam Ende März auf rund 300 Millionen Euro. In den USA verwalten die führenden Robo-Advisor bereits jeweils mehr als zehn Milliarden Dollar (8,6 Milliarden Euro). Die einstigen US-Pioniere Betterment und Wealthfront gingen bereits vor zehn Jahren an den Start.

Wer gibt die besseren Anlagetipps: Computer oder Menschen?

Ob Computer bessere Anlagetipps geben als Menschen, ist noch nicht ausgemacht. Für einen aussagekräftigen Vergleich seien die Anbieter in Deutschland noch nicht lange genug am Markt, sagt eine Sprecherin vom Verbrauchermagazin „Finanztest“: „Das haben wir deshalb noch nicht untersucht.“

Die Geldanlage erfolgt je nach digitalem Anbieter unterschiedlich, wie ein Vergleich von 18 Anbietern durch „Finanztest“ ergeben hat. Viele stecken die Gelder in gemischte Portfolios und arbeiten mit ETFs, was grundsätzlich günstig sei. Manche setzen auf gemanagte Fonds, manchmal seien zudem riskante Produkte wie Rentenfonds mit Fremdwährungsanleihen, Aktien von Schwellenländern, Rohstoffen oder Gold darunter.

Wichtig sei es auch, auf die Kosten zu achten, heißt es in dem Finanztest. Der Advisor sollte nicht mehr als rund 0,5 Prozent auf das angelegte Kapital pro Jahr kosten, empfehlen die Finanzexperten.

Portfolio wird nach Risikobereitschaft zusammengestellt

Generell entscheiden die Roboter nicht aus eigener Intuition oder Programmierung, sondern nach den Typen der Anleger. Der Kunde muss deshalb zunächst mehrere Fragen zu seinen Anlagezielen, der Risikobereitschaft und Erfahrungen mit Geldanlagen beantworten. Dazu gehört auch die Frage: Wie viel Verlust verkraften Sie in schlechten Börsenphasen?

Aus diesen Kriterien wird ein individuelles Portfolio zusammengestellt. Von manchen Anbietern wird dieses dann in sich ändernden Situationen angepasst, wenn sich beispielsweise die Gewichtung zwischen Aktien und festverzinslichen Papieren stark verändert hat.

Jeder Anlageroboter ermöglicht mehrere Anlagestrategien. Vier sind das Minimum, weil es aus Sicht der Finanzbranche verschiedene Anlegertypen gibt: vom konservativen bis zum spekulativ orientierten Kunden. Die Strategien unterscheiden sich vor allem durch die Höhe des Aktienanteils. Je größer die Risikobereitschaft, desto höher fällt der Anteil an Dividendenpapieren aus. Weiterer Vorteil: Fintech-Kunden können rund um die Uhr und von überall auf das Geld zugreifen.

Rund zwei Billionen Geldvermögen liegt auf deutschen Konten

„Die digitale Vermögensverwaltung wird in allen Kundensegmenten in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen“, meint Jörg Ludewig von der Hamburger Sparkasse, die Robo-Advisor mit dem Unternehmen Investify derzeit testet. Davon ist auch die Deutsche Bank überzeugt.

Viele Kunden kämen nicht mehr in die Filialen und scheuen vor komplexen Beratungen zurück, sagt Frank Schriever, Mitglied der Geschäftsleitung der Region Nord. Mit dem Computer-Angebot wolle man vor allem jüngere Kunden gewinnen.

An Kapital, das in digitale Vermögensverwaltungen fließen kann, fehlt es nicht: Rund zwei Billionen Euro liegen in Deutschland unverzinst auf Konten.