Frankfurt/Main

Stolz und Stellenabbau

Deutsche-Bank-Chef Sewing schwört Aktionäre auf neuen Kurs ein. 7000 Mitarbeiter müssen gehen

Frankfurt/Main. Knapp eineinhalb Monate leitet Christian Sewing jetzt die Deutsche Bank – und er versucht, radikal aufzuräumen. Gut 7000 der weltweit 97.000 Stellen sollen bis Ende des kommenden Jahres wegfallen. Die Zahl der Mitarbeiter solle auf „deutlich unter 90.000“ sinken, sagte Sewing auf der Hauptversammlung. Erste Mitarbeiter sind bereits gegangen. Der radikale Schnitt belastet das Unternehmen erst einmal: Sewing rechnet mit bis zu 800 Millionen Euro an Restrukturierungs- und Abfindungskosten, die das Ergebnis belasten werden. Ob wie in den vergangenen Jahren ein Verlust anfallen wird, ist noch offen. Danach allerdings soll es aufwärts gehen.

Vor allem in der Investmentbank, die zuletzt eher schwächelte, streicht Sewing. Dort sollen bis Ende 2019 mehr als eine Milliarde Euro eingespart werden. Die Bank will in den USA ihr Zinsgeschäft deutlich verkleinern. Auch der Aktienhandel soll schrumpfen, dort werde etwa ein Viertel der Stellen wegfallen. Die Bank konzentriere sich auf die Bereiche, in denen sie stark sei und wachsen könne. Und: „Wir bleiben international, wir sind in mehr als 60 Ländern aktiv.“ Dass er das betonen muss, zeigt, wie tief die Sanierungsschnitte gehen. Global gesehen, verabschiedet sich die Deutsche Bank aus der Riege der internationalen Großbanken, unter denen sie schon zuletzt kaum noch relevant war.

Sewing ist der dritte Chef binnen sechs Jahren und löste nach Ostern praktisch über Nacht den Briten John Cryan ab. „Wir mussten handeln“, sagt Aufsichtsratschef Paul Achleitner, „auch wenn es ursprünglich nicht unsere Absicht war, so schnell den Wechsel herbeizuführen.“ Er spricht von wachsenden Spannungen im Vorstand und Meinungsverschiedenheiten. Und: Sewing sei erste Wahl gewesen. Der neue Chef ist seit 30 Jahren im Konzern.

Kostenabbau allein könne nicht die Lösung sein, hält Ingo Speich von der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment Sewing vor. Bisher sei es nicht gelungen, den Teufelskreis aus sinkenden Erträgen, unflexiblen Kosten und mangelnder Profitabilität zu durchbrechen. Sewing versprach, dass er nicht nur Kosten einsparen, sondern auch die Erträge über Wachstum steigern wolle.

Als Beispiel führte er die Integration der Postbank in die Deutsche Bank an, die an diesem Freitag abgeschlossen sein werde. Da hoffe er zum einen auf erhebliche Einsparungen, aber auch auf in der Zukunft steigende Erträge. Zudem müsse man „grundsätzlich“ vorgehen und jeden Bereich durchforsten – das habe man wegen der großen Aufräumarbeiten in den Jahren zuvor nicht leisten können. So soll etwa der „Maschinenraum“ der Bank, in dem viele Prozesse noch „händisch“ ausgeführt würden, künftig stärker automatisiert werden. Das bedeutet: Computer statt Mitarbeiter. Allerdings fehlt dem Unternehmen immer noch eine einheitliche IT.

Sewing verspricht in seiner zum Teil emotionalen Rede auch, er wolle dafür sorgen, dass die Aktionäre wieder stolz auf ihr Geldhaus sein könnten. Dieser Stolz auf die Bank sei in den vergangenen Jahren zumindest teilweise verloren gegangen. „Verstehen Sie mich nicht falsch: nicht Arroganz, sondern Stolz“, sagt Sewing. Die Bank wolle wieder „relevant, exzellent, innovativ, stabil und vertrauenswürdig“ sein, dafür müsse sie wieder stehen. Es gab reichlich Applaus.

Dennoch: Zumindest die Kleinaktionäre zeigen sich zum Teil entsetzt über das Geldhaus. Er sei „sprachlos“ angesichts des Kursverfalls von 90 Prozent seit der Finanzkrise, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter am Rande der Hauptversammlung.