Berlin

China kauft gezielt deutsche Firmen

Eine Studie zeigt: Peking hat es auf hiesige Schlüsseltechnologie abgesehen. Experten warnen bereits

Berlin. Einen Tag vor dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Peking kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zu dem Ergebnis, dass deutsche Technologiefirmen mehr denn je das Ziel chinesischer Investoren sind. Von 175 Übernahmen oder Beteiligungen im Zeitraum von 2014 bis 2017 entfielen demnach 112 auf Branchen, die China mit seiner Strategie „Made in China 2025“ besonders stark ausbauen will – bis zu diesem Datum will China technologisch mit dem Westen gleichziehen.

Unter den Firmen sind etwa Ableger der Autozulieferer Bosch und ZF Friedrichshafen, des Maschinenbauers Heidelberger Druck oder der Bremerhavener Lloyd Werft. Gemein ist ihnen, dass sie Hochtechnologie entwickeln, für die sich auch die chinesische Regierung interessiert. Bertelsmann-Autorin Cora Jungbluth sieht gegenwärtig zwar keinen „Ausverkauf“ hiesiger Firmen in die Volksrepublik. Wohl aber stellt sie fest, dass „Deutschland und die EU den industriepolitischen Ambitionen Chinas im Grunde nichts entgegenzusetzen“ haben. Ihr Fazit: „Das sollte sich ändern.“

Jungbluth zufolge ist es problematisch, dass es auch 17 Jahre nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation „keine Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe“ gebe: „Weder Deutschland noch die EU haben der industriepolitischen Strategie Chinas momentan etwas entgegenzusetzen.“ Jungbluth rät, „die Anteilsschwelle für das Prüfverfahren ausländischer Beteiligungen von derzeit 25 auf zehn Prozent zu senken“. Zudem solle die EU eine gemeinsame Regelung etablieren. Wie künftig das Verhältnis ins Gleichgewicht gebracht werden kann, dürfte daher auch Thema bei der Reise der Kanzlerin nach Peking sein.

Investitionen sind Teileines großes Plans

Die Bundesregierung fordert schon länger, dass deutsche und europäische Unternehmen in China genauso behandelt werden, wie chinesische in Europa. Das jedoch ist oft nicht der Fall. Noch zwingt die Regierung in Peking beispielsweise deutsche Autohersteller oder Banken, die sich an dortigen Firmen beteiligen wollen, zu sogenannten Joint Ventures – Kooperationen mit chinesischen Konzernen. Allerdings soll diese Regelung bald gelockert werden. Umgekehrt treffen Investoren aus China hierzulande auf weniger Beschränkungen. Sie dürfen grundsätzlich jede Firma kaufen, an der sie interessiert sind. Zwar könne man bestimmte Firmenbeteiligungen prüfen und verbieten, wenn sie mehr als 25 Prozent der Anteile umfassen, wende diese Regel bisher aber nicht an, heißt es aus Regierungskreisen.

Die Frage ist also, ob Deutschland und die EU selbstbewusster auftreten und vielleicht auch die chinesische Einkaufstour eindämmen sollten? Im Mittelpunkt solcher Überlegungen stehen für die deutsche Wirtschaft und Daseinsvorsorge strategisch wichtige Unternehmen wie der Augsburger Fabrikroboter-Hersteller Kuka, der seit 2016 überwiegend zum chinesischen Konzern Midea gehört. Oder der ostdeutsche Stromnetzbetreiber 50Hertz, an dem sich das chinesische Unternehmen State Grid beteiligen wollte – was inzwischen aber abgewehrt ist.

Besonders großes Interesse haben Käufer aus China offenbar an Unternehmen, die sich mit „energiesparenden Autos und Autos mit alternativer Antriebstechnik“ beschäftigen (21 Prozent aller Beteiligungen von 2014 bis 2017), mit „Energiesystemen“ (19 Prozent), „Biomedizin“ (16 Prozent) sowie „Maschinen mit computergestützter numerischer Steuerung und Robotern“ (15 Prozent). Der Großteil der relevanten Beteiligungen verteilt sich auf nur drei Bundesländer: Baden-Württemberg (23 Prozent), Nordrhein-Westfalen (20 Prozent) und Bayern (16 Prozent). Dies sind demnach auch genau diejenigen Regionen, in denen die Mehrheit der „Hidden Champions“ – also Deutschlands technologische Weltmarktführer – angesiedelt sind.

Investitionen in die Branchen sind Teil eines ehrgeizigen Regierungsplans der chinesischem Führung. In vielen Sektoren soll mit massiven staatlichen Subventionen die Technologielücke zu westlichen Firmen geschlossen werden. Dazu gehören Luft- und Raumfahrt, Meerestechnik, Schienenverkehr, Agrarmaschinen und neue Werkstoffe. Produktionsanlagen sollen modernisiert werden und ausländische Technologieexporte durch eigene Innovationen ersetzt werden. Bis 2049, zum 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll das Land zu einer Industrie-Supermacht aufsteigen. Jahrelang hat Deutschland mehr Kapital in China investiert, als in die andere Richtung floss. Seit 2017 ist es nun aber umgekehrt. Rund 2,3 Milliarden Euro fernöstlichen Geldes gingen an hiesige Firmen.

Nicht alle Investitionen verteufeln

Die deutsche Investitionssumme im Reich der Mitte sank dagegen auf etwa eine Milliarde. Weltweit ist China nach den USA mittlerweile die zweitgrößte Quelle ausländischer Direktinvestitionen. Wobei es auch Zahlen gibt, die die Sorgen dämpfen können: Im Vergleich zu seiner Wirtschaftsleistung investiert China immer noch viel weniger in anderen Ländern als beispielsweise die USA und Deutschland. Außerdem hielten Chinesen 2016 erst 0,4 Prozent aller Auslandsinvestitionen in der Bundesrepublik.

Das Geld aus China darf aber auch nicht verteufelt werden. „Gegenwärtig dominiert die Angst vor dem technologischen Ausverkauf“, sagt Jungbluth. Doch ausländische Direktinvestitionen bringen auch Kapital nach Deutschland und schafften Arbeitsplätze.