Digitalisierung

Blockchain: Diese Branchen könnte die Technologie umkrempeln

Zahlreiche deutsche Unternehmen experimentieren mit der sogenannten Blockchain-Technologie. Was steckt dahinter? Wo liegen die Stärken?

Bitcoin ist eine digitale Währung, die längst nicht nur von Nerds genutzt wird. Doch warum ist diese Kryptowährung so beliebt und welche Technik steckt dahinter?

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Berlin.  Auch nach dem Absturz der Bitcoin-Währung setzt sich der Hype um die Blockchain-Technologie fort: Beratungsunternehmen und IT-Firmen trommeln gleichermaßen für das technologische Verfahren, das angeblich ganze Industrien umwälzen können soll.

Einige deutsche Unternehmen scheinen ganz euphorisiert von dem Gedanken, bei der mutmaßlich nächsten großen digitalen Evolution vorne mitzuspielen. Die Blockchain-Technologie, hoffen die Enthusiasten, könne auch deutsche Firmen endlich an die Vorreiter im Silicon Valley aufschließen lassen.

Kritiker warnen aber nicht nur vor übertriebenen Erwartungen, sondern auch vor Gefahren der neuen Technologie: Vor allem verbrauche sie wegen der benötigten Rechenleistungen zurzeit noch Unmengen an Strom.

Zahlreiche Unternehmen experimentieren mit der neuen Technologie. Was treibt sie bei diesen Bemühungen an, welche Projekte wollen sie umsetzen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie funktioniert die Blockchain-Technologie?

Der Tech-Experte Jamie Skella vergleicht die Technologie in einem Artikel mit einem digitalen Notizbuch oder Kassenbuch, das allerdings nicht nur auf einem einzigen Computer oder Server abgespeichert ist. Identische Fassungen liegen in verschlüsselter Form auf Tausenden von Computern auf der ganzen Welt.

Der Clou besteht nun darin, dass jeder neue Eintrag in dem Notizbuch von allen anderen Computern überprüft werden muss. Skella erklärt das am Beispiel der Digitalwährung Bitcoin. Wenn eine Person A einen Betrag X an eine Person B schickt, geht dieser Eintrag an alle im System vernetzten Computer, die diese Transaktion bestätigen müssen. Will Person A einen Bitcoin überweisen, hat aber nur einen halben auf dem Konto, schlagen die anderen Computer Alarm – und blockieren die Transaktion.

„Die Genialität besteht darin, dass es keine Bank, kein zentral geführtes Unternehmen, braucht und man sein Vertrauen nicht einer einzigen Institution schenken muss... Es braucht keinen Mittelsmann“, resümiert Skella.

Weil mehrere Einträge sogenannte „Blocks“ bilden und diese in Ketten („Chains“) verbunden sind, haben Entwickler die speziellen Datenbänke „Blockchains“ getauft. Weil Hunderte Computer jeden einzelnen Eintrag verifiziert haben und jedes Detail in die Geschichte der Blockchain unveränderlich eingeschrieben ist, gilt das Verfahren als besonders transparent und fälschungssicher.

Welche Branchen wollen Blockchain-Technolgie einsetzen?

• Handelsfinanzierung

Die Blockchain-Technologie könnte den weltweiten Handel neuen Schwung geben und enorm beschleunigen. Die englische Großbank HSBC und die niederländische Bank ING vermeldeten vor kurzem einen Durchbruch. Sie setzten eine Blockchain-Plattform ein, um einen Kreditbrief von einem Import-Unternehmen an einen Exporteur zu verschicken. Dabei ging es um einen Sojabohnen-Import des US-Unternehmens Cargill von Argentinien nach Malaysia.

Die kleine Revolution: Normalerweise dauert der Prozess fünf bis zehn Tage, weil viele Dokumente zwischen den Handelspartnern hin- und hergeschickt werden. Auf Grundlage der Blockchain-Technologie dauerte es nur 24 Stunden, wie die HSBC mitteilte. Die digitale Abwicklung der Dokumente lasse sich komplett nachverfolgen und rekonstruieren.

Durch die Technologie wollen Banken weltweit künftig logistischen Aufwand und damit Geld einsparen. Sieben große Banken beteilten sich an den Blockchain-Plattform We.trade, darunter die Deutsche Bank, Société Generale und die Unicredit. Sie soll ebenfalls Handelsfinanzierungen vereinfachen.

• Tourismus

Der Touristik-Konzern Tui will seine komplette Bettendatenbank auf die Blockchain-Technologie umstellen. „Wir disrupten uns selbst, weil ich 100 Prozent sicher bin, dass Blockchain die Zukunft ist“, sagte Tui-Chef Fitz Joussen im Interview mit dem „Manager Magazin“. Joussen hofft, dass die Blockchain die Marktmacht von Anbietern wie Airbnb oder booking.com knacken könnte.

Der Konzern hat nach eigenen Angaben ein Organisations-Problem mithilfe der dezentralen Buchführung gelöst. Im Konzern gibt es viele einzelne Landesgesellschaften - z.B. Tui UK und Tui Deutschland - , die in den Destinationen jeweils eigene Verträge über Kontingente mit den Hotels abschließen. Dabei passierte es in der Vergangenheit, dass eine Tochtergesellschaft, die bei hoher Nachfrage noch weitere Zimmer in einem Hotel benötigt hat, diese nicht bei einer Landesgesellschaft abrufen konnte, in der das Hotel weniger stark gebucht wurde und dort noch Kontingente frei waren.

„Durch unser neues Buchungssystem, das auf Blockchain basiert, können wir die Kapazitäten ganz einfach hin- und herschieben“, sagt Marc-André Momm vom „Blockchain Lab“ der Tui. Bevor das System etabliert war, blieben Kapazitäten ungenutzt und die Effizienz war deutlich geringer. „Mit dem neuen System haben wir einen übergreifenden Überblick darüber, welche Zimmer im gesamten Konzern noch frei sind“, so Momm.

• Datenschutz

Die Blockchain-Technologie könnte Verbrauchern die Hoheit über ihre Daten zurückgeben. Davon zumindest ist Heike Hölzner überzeugt, die als Professorin für Entrepreneurship an der HTW Berlin zum Thema Blockchain forscht. „Das ist schon heute möglich mit speziellen Programmen wie dem Brave Browser“, so Hölzner.

Die Alternative zu gängigen Browsern wie dem Internet Explorer blockiert von außen eingespielte Werbeanzeigen und sorgt dafür, dass Nutzerdaten nur auf dem eigenen Gerät gespeichert werden. Wenn sich ein Internetnutzer entscheidet Anzeigen zuzulassen, dann findet der Abgleich zwischen den Daten und den Zielgruppeneinstellungen der Werbetreibenden direkt auf dem PC oder Smartphone statt.

So kommt es zu keiner Übertragung privater Informationen und damit auch nicht zur Anhäufung großer Datenmengen bei einzelnen Plattformbetreibern wie Google oder Facebook. Langfristig ist geplant, Nutzer für den Konsum von Werbung auch zu entlohnen. „Die Blockchain ermöglicht es, bisher ungehobene Datenschätze nutzbar zu machen und dabei gleichzeitig die Privatsphäre des Einzelnen besser zu schützen als bisher.“, sagt die Expertin.

• Gesundheitsbranche

Der gesellschaftliche Nutzen der Blockchain-Technologie zeigt sich laut Professor Hölzner auch mit Blick auf die Gesundheitsbranche. Aufgrund von Datenschutzbestimmungen und einer mangelnden Digitalisierung des Systems liegt ein Großteil der Patienteninformationen noch immer nur in separaten sogenannten Datensilos vor.

Das Startup Beat hat sich zum Ziel gesetzt, Patientendaten übergreifend über Arztpraxen, Krankenhäuser, Krankenkassen sowie Gesundheit- und Sport-Apps verfügbar zu machen. Die Informationen werden bevor sie in einer Datenbanken gespeichert werden, zunächst in einem aufwendigen Verfahren verschlüsselt. Nur der Patient selbst hat den digitalen Schlüssel, um sie zu dekodieren und als die eigenen zu identifizieren.

Patienten könnten einem Arzt im Krankenhaus per Klick Einblick darin gewähren, welche Medikamente bisher von anderen Kollegen verschrieben wurden oder wie hoch die Herzfrequenz beim morgendlichen Lauf war. Das ermöglicht eine genauere Anamnese und reduziert das Risiko einer Fehldiagnose. „Mit Hilfe der Blockchain könnte der Austausch von Patientendaten sicher und in Echtzeit ablaufen und damit im Einzelfall Leben retten,“ so Hölzner.

• Logistik

Der große Kurier-, Express- und Paketdienst UPS will mit Blockchain-Technologie seine Abläufe verbessern. „Diese Technologie hat das Potenzial, Transparenz und Effizienz bei Versendern, Frachtführern, Maklern, Verbrauchern, Anbietern und anderen Stakeholdern in der Lieferkette zu steigern“, sagt Linda Weakland, zuständig für Innovationen bei UPS, laut einer Mitteilung.

Auch in der Schifffahrt könnte die Technologie bald eine Rolle spielen. Die weltweit größte Reederei Maersk experimentiert seit dem vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Computerkonzern IBM: Sie verfolgte Containertransporte mit Waren aus Kenia, Kalifonien und Kolumbien nach Rotterdam mit Hilfe der Blockchain zurück.

Sie wollen die Blockchain-Plattform für die globale Logistik-Industrie entwickeln. Sie soll das Zusammenspiel von Spediteuren, Reedereien, Häfen und Zollbehörden verbessern und Zahlungen. Der Transport von Produkten von Europa in die USA soll damit mehr Effizienz und Sicherheit gewinnen – Missbrauch soll verhindert werden. Große Unternehmen wie DuPont, Dow Chemical und Tetra Pak beteiligen sich bereits.

• Energiewirtschaft

Eine Rolle spielen könnte die Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft künftig beim direkten Handel zwischen Besitzern von Photovoltaikanlagen und Stromverbrauchern. „Für uns besonders interessant ist die Nachvollziehbarkeit und Unverfälschbarkeit von digitalen Informationsflüssen“, sagt Philipp Richard, Teamleiter bei der Deutschen Energie-Agentur (dena) für Digitalisierung und Energiesysteme.

„In einem Register ließe sich über eine Blockchain etwa festhalten, wann und von wem wie viel Sonnen-, Wind- oder auch Biogasenergie erzeugt wurde“, sagt Richard. Das sind wichtige Informationen, um ein zunehmend dezentral geprägtes Energiesystem zukünftig zuverlässig zu steuern.

Ein weiteres Einsatzgebiet im Energiesektor könnte laut Richard die intelligente Messung des Stromverbrauchs sein. „Die Daten von sogenannten Smart Metern könnten zunächst auf die Blockchain übertragen und erst nach der Freigabe vom Datenurheber an unterschiedliche Interessengruppen weitergegeben werden“, so Richard. Der Urheber hätte auf diese Weise mehr Kontrolle über seine Daten.

• Finanzmarkt: Deutsche Börse

Die Deutsche Börse arbeitet seit mehr als anderthalb Jahren an verschiedenen Blockchain-Projekten. Hierfür wurde ein Team gebildet, das sich ausschließlich mit dem Thema beschäftigt. Unter anderem arbeiten die Fachleute gemeinsam mit der Bundesbank an einem Prototypen zur Abwicklung von sogenannten Wertpapiertransaktionen.

„Wenn ein Kunde Anleihen oder Aktien kauft, so besteht diese Transaktion im Wesentlichen aus dem Tausch Wertpapiere gegen Geld. Dieser Vorgang könnte mit der Blockchain unter Umständen effizienter gestaltet werden“, sagt Stefan Teis, Leiter der Abteilung Blockchain bei der Deutschen Börse.

Außerdem forscht das Team an einem eigenen digitalen „Coin“, der Geld auf der Blockchain repräsentieren soll. Mit diesem Coin sollen beispielsweise Banken oder Vermögensverwalter untereinander Transaktionen vornehmen können, zum Beispiel wenn sie sich gegenseitig Wertpapiere leihen.

Dieser Coin könnte die Abwicklung der Geschäfte zwischen den Banken beschleunigen und effizienter machen. Der Experte Teis gibt allerdings auch zu bedenken, dass nicht alle Bereiche des Finanzmarkts für die Blockchain-Technologie geeignet sind. „Beim schnellen Handel an der Börse, wo es um Mikro-Sekunden geht, ist die Technologie aktuell zu langsam und schwerfällig“.