Frankfurt/Main

Versehentlich 28 Milliarden Euro überwiesen

Panne bei der Deutschen Bank: Institut transferiert mehr Geld, als es selbst an der Börse wert ist. Es ist nicht der erste Fehler dieser Art

Frankfurt/Main.  Jeder, der im Online-Banking daheim schon einmal versucht hat, mehr Geld zu überweisen, als sein Kontostand und der Dispo-Kredit hergeben, kennt die Konsequenz: Das Programm weigert sich, fragt nach, Transaktion zunächst nicht möglich. Derartige Barrieren, die für jeden Bankkunden normal sind, scheinen bei der Deutschen Bank intern nicht immer zu funktionieren. Wie sonst konnte das größte Geldhaus des Landes am 16. März – aus Versehen – 28 Milliarden Euro überweisen, offenbar ohne dass irgendein Sicherheitssystem Alarm schlug? Zum Vergleich: Der Börsenwert der Deutschen Bank beträgt derzeit lediglich rund 24 Milliarden Euro.

Die Fehlüberweisung dürfte alle Rekorde schlagen, die in dieser peinlichen Disziplin jemals aufgestellt worden sind. Und zum Glück für das kriselnde Geldhaus blieb sie ohne böse Folgen. Denn das Geld wurde aus Sicht der Bank gewissermaßen hausintern transferiert: Es floss von einem Konto des eigenen Hauses auf ein Deutsche-Bank-Kundenkonto bei der Terminbörse Eurex, einer Tochter der Deutschen Börse.

Geplant gewesen sei eigentlich eine Routine-Überweisung in wesentlich geringerer Höhe, sagte ein Banksprecher in Frankfurt/Main. Die genaue Summe nannte er nicht. Gedacht war die Zahlung als Sicherheit für Wertpapiergeschäfte. Das ist gängige Praxis. Im Handel mit abgeleiteten Wertpapieren – zum Beispiel mit einem, das zum Kauf einer Aktie in drei Monaten zu einem festen Preis berechtigt – sind Banken verpflichtet, für die jeweiligen Handelspartner Sicherheiten zu hinterlegen.

Dass die Überweisung viel zu hoch ausfiel, sei nach wenigen Minuten entdeckt und behoben worden, versichert die Bank jetzt. Und: „Wir haben die Ursachen sofort gewissenhaft untersucht und geeignete Maßnahmen ergriffen, damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt.“ Ein finanzieller Schaden sei durch den Fehler weder der Bank noch ihren Kunden entstanden.

Allerdings wirft die Überweisung die Frage auf, wie es um interne Kon­trollen und Sicherheitssysteme bei dem Institut bestellt ist. Die veralteten und ineffizienten IT-Systeme auf Vordermann zu bringen, war eines der Chefprojekte John Cryans, der vor gut zwei Wochen gehen musste. Die Fehlüberweisung war nicht der erste Überweisungspatzer: Bereits im Sommer 2015 flossen irrtümlicherweise umgerechnet rund 5,3 Milliarden Euro der Deutschen Bank an einen US-amerikanischen Hedgefonds. Damals machte die Bank einen neuen und jungen Mitarbeiter verantwortlich, dessen Vorgesetzter zum Zeitpunkt des Vorfalls im Urlaub weilte.

„Also, ich frage mich in der Tat: Warum gehen bei einer solchen Größenordnung nicht interne Alarmsysteme an?“, sagt der Aktionärsschützer Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitzer. „Wir sprechen hier aktuell von einer Summe, die die Marktkapitalisierung der gesamten Bank übersteigt.“ Weil das Institut über weitaus mehr liquide Mittel verfügt, sind solche Zahlungen grundsätzlich jedoch möglich.

Auch milliardenschwere Fehlüberweisungen geschehen im Bankwesen immer wieder. So hatte etwa die staatliche Förderbank KfW im vergangenen Jahr versehentlich insgesamt 7,6 Milliarden Euro an vier verschiedene Institute angewiesen, konnte das Geld aber wieder zurückholen. Bildlich nennt man solche Vorgänge an den Finanzmärkten das „Fat-Finger-Problem“: Der zu dicke Finger eines Händlers schlägt einige Tasten zu viel an. Und schon wandern ein paar Nullen mehr in die Computersysteme.

Der KfW war es auch im September 2008 gelungen, 320 Millionen Euro an die US-Investmentbank Lehman zu überweisen – am Tag nach deren Insolvenz. „Bild“ titelte damals: „Deutschlands dümmste Bank“.

Pikant ist das aktuelle Missgeschick der Deutschen Bank angesichts ihrer momentanen Situation. Die Sanierung stockt, der Aktienkurs ist tief gefallen, die Führungsspitze ausgetauscht. Erst kürzlich stand übrigens die IT-Chefin der Deutschen Bank im Rampenlicht: Kim Hammonds nannte das Geldhaus das „dysfunktionalste“ Unternehmen, für das sie je gearbeitet habe. Hammonds verlässt die Bank in Kürze.