Tunis

Die Sonnensammler in der Wüste

Saudi-Arabien plant gigantische Solaranlage mit der Leistung von sieben Atomkraftwerken. Marokko betreibt bereits große Kollektoren

Tunis. Die arabische Welt ist reich gesegnet – mit den Rohstoffen Öl und Gas, aber auch mit Sonne und Wind. Dennoch tat sich bei den erneuerbaren Energien bisher wenig. Die Stromerzeugung der Region basiert nach einem Überblick der „International Renewable Energy Agency“ (Irena) zu 94 Prozent auf fossilen Brennstoffen, deutlich mehr als in jedem anderen Teil der Welt. Nur magere 1,3 Prozent stammen aus erneuerbaren Energien, weitere 4,7 Prozent aus Wasserkraft – gewonnen durch Staudämme an den großen transnationalen Flüssen der Region.

In den Schubladen verschwunden sind die hochfliegenden Pläne von Desertec – als Europa davon träumte, sich eines Tages zu 15 bis 20 Prozent aus dem nordafrikanischen Sonnengürtel versorgen zu lassen. Die Euphorie ist verdunstet – durch den Arabischen Frühling und was auf ihn folgte. Der politische und wirtschaftliche Niedergang des Nahen Ostens ließ einen nach dem anderen der westlichen Energiekonzerne, Technikgiganten und Banken aus dem ökologischen Zukunftsprojekt aussteigen.

Trotzdem entwickelt sich in wichtigen arabischen Nationen in jüngster Zeit ein massives Umdenken bei der Energieversorgung, was vor allem im Solarsektor einen regelrechten Boom auslöste. Der Ölpreis sinkt, die Klimaängste wachsen, während die Ökotechnik immer ausgereifter und wirtschaftlicher wird.

Als regionaler Vorreiter gilt bisher Marokko, doch inzwischen holen Ägypten und die ölreichen Golfstaaten mit Riesenschritten auf. Früher als alle anderen suchte das nordafrikanische Königreich nach Wegen, um aus der unwirtlichen Hitze seiner Wüsten ein Geschäft zu machen. Das Solarkraftwerk Ouarzazate im Süden Marokkos ging mit seiner ersten Stufe Noor I bereits im Jahr 2016 in Betrieb und könnte demnächst neben Solar Star in Kalifornien und dem indischen Tamil Nadu zu den größten Anlagen der Welt gehören.

Deutschland beteiligt sich an Finanzierung in Marokko

Zusammen mit Noor II und Noor III, die momentan gebaut werden und an deren Finanzierung die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit 650 Millionen Euro beteiligt ist, produziert Ouarzazate 580 Megawatt. Insgesamt möchte Marokko fünf solcher Sonnenkraftwerke errichten mit einer Gesamtkapazität von 2000 Megawatt. In Kombination mit einem halben Dutzend Windparks und 200 geplanten Staudämmen will das nordafrikanische Land bis 2030 mehr als die Hälfte seines 20.000-Megawatt-Strombedarfs aus alternativen Energien bestreiten.

Ebenfalls hoch hinaus wollen superreiche Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), auch wenn sie in der Vergangenheit so manche Milliarde vergeblich in den Sand gesetzt haben. Beispiel Masdar City, nahe der Hauptstadt Abu Dhabi, einst geplant als ökologisches Märchen aus Tausendundeiner Nacht. In seinen Architekten-Modellen tragen die geschwungenen Dächer Solarzellen. Die orange-roten Wohnblocks erinnern mit ihren Rundungen an traditionelle arabische Siedlungen.

Eine Stadt für 45.000 Menschen ohne Autos, Treibhausgase und Müllberge lauteten 2008 die vollmundigen Ankündigungen der Macher. Inzwischen ist es still geworden um das Projekt. Die technischen und finanziellen Probleme häuften sich, der ursprüngliche Eröffnungstermin im Jahr 2016 verstrich sang- und klanglos. Und als neues Datum wird nun 2030 genannt.

Stattdessen konzentrieren sich die Scheichtümer am Golf nun ebenfalls auf Solarenergie pur. Mitte 2017 wurde in Sweihan, 100 Kilometer östlich von Abu Dhabi, der Grundstein gelegt für einen 1200-Megawatt-Komplex, den ein chinesisch-japanisches Konsortium baut und der im März 2019 ans Netz gehen soll. Endlich ins Rollen kommt das Thema auch beim großen Nachbarn Saudi-Arabien, der politischen Vormacht auf der Arabischen Halbinsel. Das Land trumpft derzeit im Rahmen des Umbaus seiner Wirtschaft mit einem gigantischen Projekt auf. Kronprinz Mohammed will mit dem japanischen Technologie-Konzern Softbank bis 2019 zwei Sonnenfelder mit einer Leistung von drei und 4,2 Gigawatt bauen – das wäre nach heutigen Maßstäben bei Weitem die größte Solaranlage der Welt und entspräche etwa sieben Atomkraftwerken.

Ob daraus Wirklichkeit wird, bleibt abzuwarten. Vor fünf Jahren hieß es, das Königreich werde bis 2020 Solarkraftwerke mit einer Kapazität von 24.000 Megawatt installieren. Passiert jedoch ist praktisch nichts. In diesem Jahr soll aber mit dem Bau einer 300-Megawatt-Anlage begonnen werden, die nach Sakaka in die nordwestliche Provinz Al-Jawf kommt.

Dafür greift jetzt die bevölkerungsreichste arabische Nation Ägypten energisch nach den Sternen am Solarhimmel und steuert einen neuen Weltrekord an. Denn der Druck steigt, die Zahl der Einwohner am Nil wächst Jahr für Jahr um mehr als zwei Millionen. Seit dem Arabischen Frühling 2011 sind 15 Millionen Ägypter dazugekommen. Sie alle brauchen Häuser, Strom für ihre Wohnungen, Fabriken zum Arbeiten – und Klimaanlagen in den brütend-heißen Sommern. Und so drücken die Nachfahren der Pharaonen mittlerweile wie niemand anders in der Region aufs Tempo. Bis 2022 sollen Solarzellen 20 Prozent des Strombedarfs decken, bis 2035 strebt Kairo ein Anteil von 37 Prozent für erneuerbare Energien an. Im oberägyptischen Benban bei Assuan entsteht derzeit das größte Solarkraftwerk der Welt, was 2019 ans Netz gehen wird. 41 Einheiten sind auf dem 37 Quadratkilometer großen Areal geplant, die 1800 Megawatt produzieren - genauso viel wie der weltberühmte Nasser-Staudamm am anderen Ende von Assuan und dreimal soviel wie die derzeitigen Solarrekordhalter in Kalifornien, Indien und Marokko. Finanziert werden die 3,5 Milliarden Dollar durch eine Weltbank-Tochter, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) sowie neun private Geldinstitute. Mit dabei unter den 13 Baufirmen ist auch der deutsche Spezialist ib vogt, der vier Module mit einer Kapazität von 230 Megawatt beisteuert.

Bevölkerung profitiert auch durch neue Arbeitsplätze

„Die Sonne ist Ägyptens beste Ressource“, weiß Ökoexperte Hani el-Nokrashy, der aus Ägypten stammt und seit Jahrzehnten in Deutschland als Ingenieur arbeitet. „Dieser bisher vernachlässigte Schatz muss endlich genutzt werden.“ Doch nicht nur Ägyptens Volkswirtschaft, auch die Bevölkerung vor Ort profitiert von dem neuen Solarboom. Mehr als 10.000 Menschen arbeiten derzeit auf der Mega-Baustelle. 4000 sind nötig, um den gigantischen Energiepark künftig zu betreiben und zu warten. Einer von ihnen ist der Ingenieur Mohamed Emara, Vater zweier Kinder, der vom ersten Tag an mit dabei war. „Viele Arbeiter hier hatten noch nie in ihrem Leben eine feste Beschäftigung und mussten sich als Tagelöhner durchs Leben schlagen“, sagt er. „Jetzt aber werden sie geschult und lernen Fertigkeiten, mit denen sie später auch auf anderen Baustellen Arbeit finden können.“