Smarte Hauptstadt

So digital ist Berlin

Neue Technik revolutioniert klassische Branchen. Aber wie „smart“ die Stadt werden soll und was das bedeutet, ist umstritten.

Junger Mensch zeigt seinen digitalen Alltag in einem Café in Moabit.

Junger Mensch zeigt seinen digitalen Alltag in einem Café in Moabit.

Foto: Daniel Schaler

Berlin. Jetzt erobert digitale Technik auch das Schlafzimmer. Ein Sensor registriert, wenn der Kopf aufs Kissen sinkt. Das System schließt die Vorhänge, dimmt das Licht, schaltet den Fernseher aus und regelt die Heizung herunter. Am Morgen zeigt eine App auf dem Smartphone, wann man geschnarcht oder sich unruhig herumgeworfen hat. Ob sich das Angebot einer chinesischen Firma auch in Berlin durchsetzen wird, ist offen. Kein Zweifel besteht jedoch, dass die Digitalisierung das Leben vieler Menschen komplett durchdrungen hat. Berlin begreift sich als Vorreiter der Entwicklung.

Ein großer Teil des wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt basiert auf diesem Trend. Mehr als 85.000 Menschen verdienen ihr Geld direkt in der Digitalwirtschaft, mehr als doppelt so viele wie von acht Jahren. Diese Branchen sind seit 2008 viermal so schnell gewachsen wie die Wirtschaftsleistung der Stadt insgesamt.

Vor allem Internetplattformen, Online-Händler und Software-Entwickler boomen. Alleine die 140 Firmen der Spiele-Industrie setzen pro Jahr 255 Millionen Euro um. Der Campus des Branchenführers Zalando am Friedrichshainer Spreeufer zeigt, wie die Digitalisierung auch die bauliche Gestalt der Stadt verändert. Nicht einmal die letzten Dinge des Lebens werden ausgespart. Gerade meldete das digitale Bestattungshaus Mymoria eine millionenschwere Finanzierungsrunde.

Digitale Methoden mischen selbst das Handwerk auf

Der Alltag von Millionen Berlinern ist digitalisiert. Der Tag beginnt wie bei Roman Dehos mit dem Blick aufs Smartphone. Mitteilungen checken und erste Nachrichten lesen. Der junge Mann gehört mit 100 Apps auf dem Gerät sicher nicht zu den Digital-Junkies. Doch so wie er in einem Moabiter Café an seinem Laptop sitzt, prägen er und seinesgleichen das Bild der Stadt. Am Nebentisch debattiert eine Gruppe auf Englisch.

Selbstverständlich bucht Dehos Restaurantbesuche online, kauft Kinokarten über das Handy. Kleidung bestellt er lieber über seinen Desktop-Rechner. Auf dem größeren Bildschirm sind die Klamotten besser zu erkennen. Er ist sogar ins große Spiel mit Krypto-Währungen aus dem Internet wie Bit­coins eingestiegen. "Ein paar Freunde von mir haben damit richtig Geld verdient", sagt Dehos, der aus einem Dorf in der Eifel stammt. Sein Vater legte den ersten Internetanschluss, als der Sohn zehn Jahre alt war.

Die Risiken des digitalen Lebens sind dem gerade mit dem Studium der Geo-Information fertigen Ex-Studenten durchaus bewusst. Er verortet sich auf einer Skala der Sorglosigkeit im Netz: Wenn null bedeute, Nacktfotos bei Facebook zu posten und zehn, den GPS-Chip zur Ermittlung des Standortes aus dem Handy zu nehmen, "sehe ich mich bei 7,5", sagt Dehos. Für Bankgeschäfte nutzt er einen Rechner mit Linux-Software, die ist sicherer. Vertrauliche Konversationen führt er mit dem abgeschirmten Messenger-Dienst Signal. Dass Facebook Daten absaugt, ist ihm bewusst, vom aktuellen Skandal ist er nicht überrascht. Dennoch: "Wer nicht auf WhatsApp und Facebook dabei ist, ist sozial raus", beschreibt er das zwiespältige Gefühl. Insgesamt brächten die digitalen Angebote Zeitersparnis, seien aber zugleich "Zeitfresser".

Was im Alltag geschieht, gilt auch für die Berufswelt: "Die Arbeit wandelt sich durch die Digitalisierung und künstliche Intelligenz schneller als in den letzten 200 Jahren", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Digitale Technik mischt immer mehr Branchen auf, die weit entfernt sind von App-Programmierung oder der Entwicklung von Webseiten. So hat Philipp Pausder mit der Firma Thermondo den Markt für Heizungsbau in Deutschland revolutioniert. Mehr als 10.000 Anlagen hat das 2012 gegründete Unternehmen inzwischen installiert.

Das Erfolgsgeheimnis lässt sich in der Firmenzentrale in einem alten Fa­brikgebäude an der Brunnenstraße in Mitte besichtigen. Junge Leute sitzen an Rechnern, auf den Bildschirmen sind Bilder von Heizungen, Kellern und Hausfassaden zu sehen. Thermondo hat alle Prozesse bis auf die eigentliche Installa­tion digitalisiert und die Abläufe standardisiert. Anders als bei einem kleinen Handwerksbetrieb wird das Angebot deshalb fast sofort erstellt und nicht erst dann, wenn der Chef Zeit hat.

"Man kann viel per Algorithmus planen, aber es braucht den erfahrenen Entscheider vor Ort", sagt der Jungunternehmer. Das übernehmen auch bei Thermondo erfahrene Handwerksmeister. In der Zentrale in Mitte arbeiten 150 Leute, draußen bauen dann 150 Handwerker die Heizungen ein. Bis Roboter das übernehmen könnten, werde es "noch sehr lange dauern", sagt Pausder. Deshalb ist der frühere Basketballspieler überzeugt: "Wir stärken das Handwerk."

Bei Thermondo sehen sie sich als Spezialisten für die "Kundenreise", die von dem Wecken von Interesse für eine neue Heizung bis zur Installation und Wartung reicht. Ziel ist es, ein "Rundum-sorglos-Paket" zu schnüren. So besorgt Thermondo die Fördermittel, organisiert den Abtransport der alten Kessel, kümmert sich um die Gaslieferung und regelt die Fragen mit dem Schornsteinfeger. Auf Wunsch kann der Kunde die Heizung auch mieten.

Komplette Energie-Konzepte oder größere Anlagen für Mietshäuser sind nicht im Angebot. Das Geschäft funktioniert, weil sich Pausder auf wenige Produkte konzentriert, vor allem auf Ein- und Zweifamilienhäuser. "Da ist einfach der größte Markt", sagt der Chef. Schon haben Wettbewerber begonnen, die Arbeitsweise der Berliner zu kopieren. Pausder schreckt das nicht, denn das Potenzial ist riesig. Nur drei Prozent der alten Ölheizungen werden in Deutschland pro Jahr ausgetauscht. "Wir haben ordentlich Wind in den Markt gebracht", sagt der Unternehmer. Er hält es aber für möglich, auch viele andere Produkte auf ähnliche Weise zu vermarkten. Fenster, Dachdecker- oder Malerarbeiten, Klimaanlagen. Und auch größere Heizungen wären möglich. "Wann wir das tun, ist eine Frage von Kraft und Zeit", sagt Pausder.

Wie Handwerk und Industrie verändert sich auch die Mobilität. Für dicht bebaute Städte geht es in Fachdiskussionen darum, bequeme Alternativen zum individuell genutzten Auto zu schaffen. Denn selbst ein elektrisch betriebenes, fahrerloses Mobil stehe im Stau und belege 23 Stunden am Tag öffentliches Straßenland, sagt Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner.

Der Grünen-Politiker hofft, dass digital zusammengeführte Nachfrage und Angebote Fahrzeuge effizienter ausnutzen, damit nicht länger Lastwagen voll in die Stadt rein- und leer wieder rausfahren und umgekehrt. "Das kann so nicht bleiben", sagt Kirchner. Was passiere mit dem Wirtschafts- und Lieferverkehr, wenn erst mal 3-D-Drucker eine Massenerscheinung würden und zahlreiche Produkte in jedem Hinterhof sehr individuell gefertigt und dann abtransportiert werden müssten? "Ich habe große Hoffnung, dass die Digitalisierung dabei helfen kann", so der Staatssekretär.

Selbstfahrende Busse rollen am Euref und an der Charité

Zahlreiche Berliner Firmen tüfteln am Verkehr der Zukunft. Auf dem Schöneberger Euref-Campus und ab Montag auch auf dem Weddinger Charité-Campus sind testweise fahrerlose Kleinbusse unterwegs. Die BVG hat einen Versuch für das sogenannte Ridesharing beantragt. Per App rufen Fahrgäste eine Art Sammeltaxi, das sie aufnimmt und dabei andere Fahrgäste mit ähnlichen Wegstrecken ebenfalls aufsammelt. Die Firma Door2Door, deren Ally-App anzeigt, ob ein Ziel günstiger per Bus und Bahn, Taxi oder Fahrrad zu erreichen ist, hat ihren "Alligator"-Shuttle an den Start gebracht. 12.000 Nutzer sind auf der Plattform registriert, um sich an Wochenendnächten gratis vom Rosenthaler Platz in Mitte zum Kottbusser Tor fahren zu lassen. Kostenfrei ist der Service, um nicht mit dem Personenbeförderungsgesetz zu kollidieren, wie Ally-Chef Tom Kirschbaum erklärt. Eine Lizenz habe die Stadt noch nicht erteilt: "Bisher zeigt sich Berlin nicht sehr offen für Innovation", kritisiert der Unternehmer.

Das Problem: Wem gehören die gesammelten Daten?

Der intelligente Verkehr beruht auf der Verfügbarkeit von Daten. Das neue Mobilitätsgesetz, das jetzt im Abgeordnetenhaus liegt, schreibt vor, die Daten offenzulegen. Allerdings ist dieses Thema eines der heikelsten in der Digitalisierungsdebatte. Wer jetzt Daten hat, wie etwa die BVG, ist nicht unbedingt froh darüber, diese mit potenziellen Konkurrenten teilen zu müssen. Andererseits gilt "Open Data" als eine Voraussetzung dafür, dass digitale Innovationen entstehen können.

An diesem Konflikt krankt auch die Entwicklung der sogenannten Smart City. Bisher wird das Konzept oft so verstanden, die Stadt mit Sensoren zu pflastern und alle möglichen Informationen zu sammeln, ohne zu wissen, wozu die nützlich sein können.

Solche Ansätze sieht Nicolas Zimmer kritisch. Dabei ist der Chef der Technologiestiftung Berlin (TSB) alles andere als technikfeindlich. Die TSB wirkt als eine Art Ideengeber und Berater für das Land. "Bisher sind es die großen Konzerne, die versuchen, uns Produkte zu verkaufen", sagt Zimmer zu vielen Projekten der Smart City. "Aber ich habe keine Lust, denen meine Daten zu schenken." Auch für die Stadt bedeute das einen "schlechten Deal". Man begebe sich in Abhängigkeit von nur einem Service-Anbieter, fürchtet Zimmer, der früher CDU-Fraktionschef und Wirtschaftsstaatssekretär war, ehe er zum TSB-Chef wurde und selbst ein Start-up gründete.

Die Frage sei, was gebraucht wird. "Die wenigsten Menschen wachen morgens auf und sagen, die Stadt muss smarter werden", so der TSB-Chef. In Berlin funktionierten viele Dinge eben doch vergleichsweise gut. Das gelte für die Verwaltung ebenso wie für den Verkehr. Deshalb gebe es weniger Leidensdruck, Dinge zu verändern. Ein Fahrdienstleister wie Uber sei für amerikanische Städte ohne Nahverkehrssystem sehr hilfreich, für Berlin eher weniger. Auch eine Park-App sei angesichts meist halb leerer Parkhäuser nicht existenziell für Autofahrer.

Die digitale Zukunft der Stadt sieht Zimmer eher in Projekten, die aus der hiesigen Technik-Community stammten und die konkrete Probleme lösen könnten. Ein Beispiel sei das LoRaWAN-Projekt. Schuhkartongroße Router, die auch Privatleute auf den Balkon stellen können, übertragen per Funktechnik Daten über acht bis zehn Kilometer. Die Mitstreiter des Netzwerks erdachten verschiedene Einsatzmöglichkeiten: Luftgütedaten direkt am Fahrrad sammeln, Falschparker in Halteverbotszonen per Sensor aufspüren, Baumaschinen oder Material auf Baustellen vor Diebstahl schützen. "Das ist kostengünstig machbar und kein großer Aufwand", wirbt Zimmer. Es gehe um Offenheit und Experimentieren: "Digitalisierung ist nie fertig."

Für die Zukunft ist der Zustand der technischen Infrastruktur wesentlich. Die Netz-Geschwindigkeit in der Stadt liegt hinter vielen anderen, vor allem ausländischen Städten zurück (siehe nebenstehenden Text). Dennoch können die meisten Haushalte in der Innenstadt Leitungen mit 50 MBit bekommen, so die TSB in ihrem Breitband-Atlas. Ob die Datenübertragungsraten erreicht werden, liege eher am Provider als an den Kabeln selbst. Wer als Unternehmen 100 MBit brauche, könne das meist bekommen, wenn er den Hausanschluss selber bezahlt.

Freies Wlan im Straßenraum baut der Senat nun aus. Zu den bisher 700 Hotspots kommen weitere 1000 hinzu. Die BVG hat viele Bahnhöfe mit Wlan versorgt. In den Tunneln arbeiten die Verkehrsbetriebe mit Mobilfunkanbietern daran, den Fahrgästen das Surfen zu ermöglichen. Allerdings soll es kein kostenfreies Wlan geben, sondern die Kunden sollen über ihre Mobilfunkverträge mobile Datendienste in Anspruch nehmen können. In "absehbarer Zeit", so ein BVG-Sprecher, würden alle "relevanten" Streckenabschnitte mit dem Mobilfunkstandard LTE versorgt sein.

Die Lücken im Netz schrumpfen. Auch daran arbeiten sie in Berlin. Zunehmend etablieren sich in der Stadt Firmen, die Hardware und Systeme für die digitale Infrastruktur bauen. First Sensor AG aus Oberschöneweide liefert Sensoren. Sicoya aus Adlershof hat Chips erfunden, die in den Rechenzen­tren das Internet schneller und energieeffizienter machen. Fraunhofer-Institute erproben den Echtzeit-Einsatz des neuen Mobilfunkstandards 5G.

Das wird das digitale Leben von Menschen wie Roman Dehos verbessern. Dabei kann niemand vorhersagen, was die nächste Generation nutzen will. Facebook ist heute bei Teenagern schon uncool. Viele kommunizieren lieber über den Foto-Dienst Snapchat, der die eingestellten Bilder nach kurzer Zeit löscht. Nicht jeder erkennt den Sinn darin. "Snapchat verstehe ich schon nicht mehr", sagt der "Digital Native" Dehos. Der Mann ist gerade 26.

Firmen gut, Netz schlecht

Wie sich der Stand der Digitalisierung in Berlin im Vergleich zu anderen Städten darstellt, lässt sich nicht einfach sagen, denn der Begriff beschreibt eine ganze Reihe von Themen und Phänomenen. Einige Organisationen und auch Unternehmen haben zuletzt nach verschiedenen Kriterien Ranglisten erstellt. Diese messen vor allem die digitale Infrastruktur, also die Verfügbarkeit von schnellem Internet, aber auch die Geschäftsaussichten von digitalen Start-ups. Es fließen aber auch ökologische Aspekte, Lebensstandard oder sogar sozialer Zusammenhalt in einer Stadt mit in die Bewertung ein.

Bei allen Unterschieden findet sich eine wichtige Gemeinsamkeit: Was die digitale Infrastruktur angeht, rangiert Berlin selbst unter Europas Städten im Hinterfeld. Das gilt aber für andere deutsche Metropolen auch.

Berliner nutzen digitale Dienste weniger als andere

Die Lage von digitalen Start-up-Unternehmen und ihre Wachstumschancen beleuchtet der von der Europäischen Kommission unterstützte European Digital City Index. Bei den Zahlen von 2016 liegt Berlin unter 60 Städten auf dem sechsten Platz – hinter London, Stockholm, Amsterdam, Helsinki und Paris. In der deutschen Hauptstadt fällt es jungen Firmen demnach vergleichsweise leicht, Geld für ihre Ideen einzusammeln. In der Rubrik Zugang zu Kapital sind nur London und Paris bessere Orte für Gründer. Den gleichen Platz belegt Berlin, wenn es um die Qualität seiner Forschungsinstitute geht.

Ganz schlecht steht die Stadt mit ihrer digitalen Infrastruktur da. Hier sehen die Autoren des Index Berlin auf Rang 57, gleich hinter Athen. Ein schwacher Trost, dass auch andere deutsche Städte wie Hamburg, München, Frankfurt/M., Stuttgart und Dresden ähnlich weit zurückliegen. Mit vorne rangieren die baltischen Metropolen Vilnius und Riga, Luxemburg und skandinavische Städte. An Platz eins sehen die Tester aber Bukarest. In weiten Teilen der rumänischen Hauptstadt sei schnelles Breitband verfügbar. Sie habe beim Ausbau der Infrastruktur das Zeitalter der Kupferkabel einfach übersprungen und voll auf Glasfasern gesetzt. Die Netz-Infra­struktur werde in Rumänien noch nicht voll ausgenutzt, so die Autoren, aber das Wachstum sei hoch. In Berlin halten viele die Netzgeschwindigkeit für ein Problem. Das Tempo beim Herunter- oder Hochladen ist laut EU-Index in 53 untersuchten Städten schneller als in Berlin. Mobiles Internet funktioniert in 48 Städten besser. Dafür ist das Surfen in Berlin teuer: Bei den Kosten für Breitband-Nutzung kommt die Stadt nur auf Platz 47.

Der Index misst auch den Markt für digitale Dienste an den jeweiligen Standorten. Das bietet Hinweise, wie affin die Bewohner gegenüber der Technik sind. Berlin kommt in dieser Kategorie insgesamt auf Platz 22. Die ersten neun Plätze nehmen britische Städte ein, auf Platz zehn folgt Hamburg vor München.

Bei der Frage, welcher Prozentsatz der Bürger in den vergangenen zwölf Monaten etwas online gekauft hat, erreicht Berlin Platz 30. Es gibt also in der Stadt vergleichsweise viele, die die Möglichkeiten der digitalisieren Welt nicht nutzen. Auch beim Wachstum der lokal getätigten Online-Transaktionen belegt die Stadt einen Mittelplatz, während sich die Nutzerzahlen etwa in der estnischen Hauptstadt Tallin, aber auch in Brüssel oder Lyon deutlich dynamischer entwickeln. Auch die lokale Nachfrage nach digitalen Services ist in Berlin deutlich weniger ausgeprägt als etwa im irischen Dublin, den skandinavischen Städten, in Prag oder Amsterdam.

Einen eher auf Mobilität orientierten Index hat das schwedische Unternehmen Easypark für 100 Städte weltweit erstellt. Nach den Indikatoren liegt hier Kopenhagen vor Singapur, Stockholm, Zürich und Boston. Berlin folgt als beste deutsche Stadt vor Hamburg auf Rang 13.

Beim Carsharing ist Berlin weltweit Dritter

Auch diese Untersuchung zeigt Mängel in der Infrastruktur auf. Beim derzeitigen Standard für mobiles Surfen 4G LTE liegt Berlin auf Rang 84. Am schnellsten arbeiten die Smartphones demnach in den großen Städten Australiens. Das stationäre Internet funktioniert am besten in den US-amerikanischen Städten, nur Bukarest wird auch in dieser Rangliste ebenso gut eingeschätzt. Berlin liegt auf Platz 81. Beim Netzzugang über Wlan schafft es die Stadt immerhin auf Platz 14 hinter Rio de Janeiro. Am meisten Hotspots gibt es in New York, London, Seoul und Kuala Lumpur in Malaysia. Wenn es um die Nutzung von Smartphones generell geht, steht Berlin auf Platz 61, knapp vor Hamburg und München. In dieser Kategorie sind Koreaner, Skandinavier und Araber die aktivsten.

In der Digitalisierung der Verwaltung verortet die Parkeasy-Studie Berlins Behörden auf dem Mittelplatz 49, immerhin vor Singapur, Barcelona. München, Los Angeles oder Hongkong. Ein Indikator hierfür ist die Anzahl der Besuche auf Internetseiten der Behörden. Am weitesten mit der digitalen Administration sind die Skandinavier, Amsterdam und die Balten.

In der Mobilität schneidet Berlin ziemlich gut ab. Beim Carsharing ist die Stadt Dritter hinter Vancouver und Washington. Wenn es ums smarte Parken geht, der per App gesteuerten Suche nach freien, kostenpflichtigen Plätzen, steht Berlin auf Platz 33. Am meisten nutzen Autofahrer in Montreal, Kopenhagen und Vancouver den Service, mit dem Parkeasy sein Geld verdient.

Berlins Behörden: Das größte IT-Projekt Deutschlands

Das Herz der Berliner Verwaltung schlägt an einem geheimen Ort im Westen der Stadt. Tief unter der Erde, geschützt von meterdicken Mauern eines Luftschutzbunkers und gesichert von tonnenschweren Türen, blinken hier unermüdlich die Lämpchen der Server, über die die Daten von Behörden, Polizei, Finanzämtern und Gerichten laufen.

Torsten Schrör, Leiter der Rechenzentren bei Berlins landeseigenem IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ), zeigt stolz die frisch angeschaffte Technik hinter den Gittertüren der Metallschränke. Halb so groß, deutlich leistungsstärker und weniger Energie verbrauchend bilden sie die notwendige Infrastruktur für die dringend notwendige digitale Revolution in der Berliner Verwaltung. "Wir haben ausreichend Platz", sagt Schrör. Die Räume sind Sauerstoff-reduziert, sodass es im Brandfall nur ein bisschen schmort. Zwei Dieselmotoren sichern den Betrieb bei Stromausfall.

Das über das leistungsstarke Landesnetz transportierte Datenvolumen der Behörden auch entsprechend zu steigern, ist der Job von ITDZ-Chefin Ines Fiedler. "Aktuell arbeiten wir am größten IT-Projekt Deutschlands", sagt Fiedler, die 20 Jahre Erfahrung in der IT privater Unternehmen mitbrachte, als sie 2013 in den Landesbetrieb wechselte. Unter ihrer Führung soll das früher viel geschmähte ITDZ nun als "Digitalagentur" die Behörden in die Zukunft führen. Mit Fiedler, die seit zwei Jahren Chefin ist, herrscht ein anderer Geist. Früher wollte das ITDZ eine Anwendung perfekt planen, ehe es losging. Fiedler hat dem Haus mehr Experimentierfreude verordnet. "Software ist nie fertig", sagt sie.

Bisher arbeiten die Ämter mit einem Sammelsurium an mehr oder weniger veralteter Soft- und Hardware. So nutzen zwölf Bürgerämter zwölf unterschiedliche Softwarepakete. Das ITDZ hat aus dem E-Government-Gesetz den politischen Auftrag, Computer und Telefonanlagen zu erneuern und dafür Standards für die Verfahren umzusetzen. Bis 2023 sollen alle Akten elektronisch und nicht mehr auf Papier geführt werden. "Sportlich" findet das Fiedler. Aber ihre Wirtschaftserfahrung lehre, dass ohne ambitionierte Ziele wenig passiere. 68.000 einheitliche Berlin-PCs soll das ITDZ einrichten. Die Mitarbeiterzahl wird sich von 672 fast verdoppeln.

Die Politik hat Respekt vor der Aufgabe. Der IT-Experte und FDP-Abgeordnete Bernd Schlömer sagt, die Schwierigkeit sei gar nicht die E-Akte, sondern die dafür nötige Aufgabenkritik und die Geschäftsprozesse in den Behörden. "Wie dieser Prozess aussieht, ist unklar."

75 Dienstleistungen sind schon zum Teil online

Zuständig für die Digitalisierung der Behörden ist seit 2017 die Staatssekretärin Sabine Smentek. Aufgabe ihrer Mitarbeiter ist, erst einmal Aktenpläne zu aktualisieren, Verwaltungsabläufe zu straffen und so für die IT überhaupt abbildbar zu machen. Dazu müssen sie jede Behörde anschauen, denn das Friedhofsamt in einem Bezirk arbeite nicht genau so wie das anderswo. Manchmal sei eine Software selbst gebastelt, vertrage sich nicht mit geforderten Standards – unter anderem für die Sicherheit. "Das ist eine echte Fummelarbeit", sagt Smentek.

Für die Bürger verspricht die Staatssekretärin Verbesserungen. Die Online-Terminvergabe etwa für die Bürgerämter funktioniert trotz einiger Schwächen bei der Nutzbarkeit schon ganz ordentlich. Unter service.berlin.de finden Bürger und Unternehmen bislang 75 verschiedene Dienstleistungen, die sich zumindest zum Teil über das Netz erledigen lassen. Zusätzlich gibt es das Service-Konto Berlin. Darüber ist eine sichere und komfortable Authentifizierung und Identifizierung für die Berliner Online-Dienste möglich. Aktuell können Nutzer darüber Gewerbeangelegenheiten, Parkausweise oder Kita-Gutscheine beantragen. Sukzessive werden alle Online-Dienste der Verwaltung an das Service-Konto angebunden. Geld sei vorhanden, heißt es. 2018 und 2019 würden 200 Millionen Euro in die verfahrensunabhängigen Informations- und Kommunikationstechnik investiert. Dennoch werden die Computer nicht die Macht übernehmen in den Ämtern. "Niemals werden wir Entscheidungen etwa in der Jugendhilfe über ein EDV-System fällen", versichert Smentek.