Straßenverkehr

Eine Berliner Firma entwickelt den digitalen Führerschein

| Lesedauer: 5 Minuten
Anja Stehle
Fälschen praktisch unmöglich: Im Kosovo können Polizisten jetzt die Angaben einfach einscannen und sofort mit den Behördendaten abgleichen.

Fälschen praktisch unmöglich: Im Kosovo können Polizisten jetzt die Angaben einfach einscannen und sofort mit den Behördendaten abgleichen.

Foto: Veridos

Die Firma Veridos hat den weltweit ersten digitalen Führerschein entwickelt. Er kommt bereits zum Einsatz – in der Republik Kosovo.

Berlin.  Der digitalen Verwaltung haben Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag ein ganzes Kapitel gewidmet. Aktenberge sollen endlich aus den Amtsstuben verschwinden. Stattdessen sollen Onlineportale und Softwarelösungen den Bürgern das Leben erleichtern. Soweit der Plan. Andere Länder sind schon längst mit der Praxis beschäftigt. In Europa machen ausgerechnet die kleinen Staaten vor, wie Bürger und Behörden sich online vernetzen. Jüngstes Beispiel: die Republik Kosovo. Das kleine Land im Südosten des Kontinents führt den weltweit ersten digitalen Führerschein ein. Entwickelt hat ihn das Berliner Unternehmen Veridos, das die Einzelheiten des Projekts am Freitag der Öffentlichkeit vorstellen wird.

In dem Balkanstaat kommt die Fahrerlaubnis in Zukunft ohne Papier und ohne Plastikkarte aus. Lediglich ein Smartphone und eine App sind nötig. Veridos ist ein Joint Venture der Bundesdruckerei in Berlin und des Münchner Technologieunternehmens Giesecke & Devrient, das unter anderem Banknoten druckt. Veridos stellt Reisepässe her und hat sich zudem auf digitale Systeme für Identitätskontrollen spezialisiert – etwa an Flughäfen. Für die Führerschein-App hat das Unternehmen eng mit den kosovarischen Behörden zusammengearbeitet.

Was passiert, wenn der Smartphone-Akku leer ist?

Bei einer Verkehrskontrolle scannt der Polizist künftig den auf der App angezeigten Führerschein – sein System verbindet sich dann mit Daten, die beim kosovarischen Verkehrsministerium über den Fahrer hinterlegt sind. „Dadurch wird das Fälschen von Führerscheinen praktisch unmöglich“, sagt Veridos-Geschäftsführer Hans Wolfgang Kunz. Hat der Polizist Bedenken, könnte er zusätzlich prüfen, ob der Fahrer von der Polizei gesucht wird.

Wie alltagstauglich das System tatsächlich ist, wird sich zeigen. Was passiert etwa, wenn der Akku des Handys ausgerechnet in einer Verkehrskontrolle leer ist? Kosovos Innenminister Flamur Sefaj spricht trotzdem schon von einem neuen „Komfort- und Datensicherheitsniveau“ für die Bürger. Offenbar finden auch die Regierungen anderer Staaten an der digitalen Fahrerlizenz Gefallen. Veridos sei mit weiteren Ländern in Europa im Gespräch über die Einführung des digitalen Führerscheins, sagte Kunz dieser Redaktion. Auch ein digitaler Personalausweis sei mit der Technik umsetzbar.

Überwachung durch den Staat müsse ausgeschlossen werden

Die Behörden in Deutschland sind von so viel kühner Fortschrittlichkeit noch weit entfernt. Das Bundesverkehrsministerium wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob entsprechende digitale Lösungen für den Führerschein geplant sind. Ohnehin müssten dafür erst einmal die Gesetze geändert werden, erklärt das Büro der Berliner Datenschutzbeauftragten. Tatsächlich wirft eine Führerschein-App neue Sicherheitsfragen auf. So weist der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar darauf hin, dass eine „rein digitale Lösung keine Angriffsmöglichkeiten bieten und keine Preisgabe der Ausweisdaten eröffnen darf“.

Eine Überwachung durch den Staat müsse ebenso ausgeschlossen werden wie das Ausspähen von Daten über die digitale Anwendung. Es gibt allerdings auch Stimmen, die Deutschland vorwerfen beim Sicherheits- und Datenschutz übervorsichtig zu sein. Das habe die digitale Verwaltung ausgebremst – oder so umständlich gemacht, dass Bürger und Sachbearbeiter gleichermaßen die Lust daran verloren haben.

E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur
E-Autos fahren in Norwegen auf der Überholspur

Kaum ein Bürger nutzt den E-Personalausweis

Dass digitale Verwaltung auch einfach geht, zeigt der kleine baltische Staat Estland. Dort lassen sich nur drei Dinge nicht online erledigen, erzählt man sich scherzhaft: heiraten, sich scheiden lassen und Häuser verkaufen. Ansonsten gehen die Esten online zur Wahl. Wer sich etwas zuschulden hat kommen lassen, der kann die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft online einsehen und wird auch schon mal via sozialem Netzwerk über einen Gerichtstermin informiert.

Ähnlich fortschrittlich sind die Dänen: Dort hat jeder Bürger eine persönliche Nummer, die ihm online Zugang zu sämtlichen Behörden verschafft. Über ihr zentrales Portal regeln die Dänen so gut wie alles: die neue Adresse nach einem Umzug oder die Steuererklärung.

500 gebündelte Verwaltungsleistungen online anbieten

Digitalprojekte der Bundesregierung hingegen machten zuletzt eher negative Schlagzeilen. Über die DeMail, die eigentlich die sichere Kommunikation mit den Behörden ermöglichen sollte, wird gar nicht mehr gesprochen. Und die Onlinefunktion des elektronischen Personalausweises nutzt bisher kaum jemand. Sie sei zu kompliziert und biete zu wenig Einsatzmöglichkeiten, sagen viele Menschen. Obwohl es tatsächlich möglich ist, sich mit der sogenannten „AusweisApp“ mit einer Behörde online zu verbinden. Die App fungiert als eine Art Lesegerät für den Personalausweis. Nur – dass das geht, weiß kaum jemand. Zahlen vom April 2017 zeigen, dass bislang nur 2,5 Millionen Bürger die Funktion schon einmal genutzt haben.

Dabei gibt es ein Gesetz, das den Bund und die Länder verpflichtet, Verwaltungsleistungen innerhalb der kommenden fünf Jahre auch elektronisch anzubieten. Derzeit testet das Bundesinnenministerium (BMI) eine entsprechende Onlineseite. „Perspektivisch“, heißt es vom BMI, sollen in den kommenden Jahren auf diese Weise 500 gebündelte Verwaltungsleistungen online angeboten werden können – von der Gewerbeanmeldung, über das Bafög bis zum Kindergeld. Wann genau das passiert, weiß aber keiner.