Berlin

Kommt Mr. Euro bald aus Deutschland?

Die Chancen von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf den Spitzenposten bei der Europäischen Zentralbank sind gestiegen

Berlin. Fragt man Jens Weidmann nach seinen weiteren Karriereplänen, dann erntet man stets ein sibyllinisches Lächeln. Er sei doch Chef der Bundesbank. Punkt. Doch Weidmann werden nicht von ungefähr Ambitionen auf das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) nachgesagt. Er weiß, dass er zum einen die Kompetenz und zum anderen – nicht minder wichtig – die Unterstützung des Kanzleramtes hat.

Die Chancen von Weidmann, dem Italiener Mario Draghi nachzufolgen, sind in diesen Tagen gestiegen: Die EU-Finanzminister sprachen sich am Dienstag offiziell für den Spanier Luis de Guindos als künftigen Vizepräsidenten der EZB aus. Der Posten wird frei, weil der aktuelle Vizechef der EZB – der Portugiese Vítor Constâncio – Ende Mai planmäßig aus dem Amt scheiden wird.

Die Nationalität des designierten EZB-Vizechefs dürfte Folgen für die Nationalität des neuen EZB-Präsidenten haben. Kommt jetzt ein Südländer zum Zuge, dürfte ein Vertreter aus dem nördlichen Europa die im Herbst 2019 freiwerdende Stelle von Draghi erhalten. Hier kommt der Deutsche ins Spiel. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jedenfalls steht hinter ihrem ehemaligen Wirtschaftsberater Weidmann. Sie schätzt den 49 Jahre alten Volkswirt.

Weidmann, der im Mai 2011 sein Amt als Bundesbank-Präsident antrat – der jüngste, den es je gab – pflegt einen eher bescheidenen Stil. Er gilt als äußerst pflichtbewusst, hart in der Sache, konziliant im Umgang. Der kraftstrotzende Auftritt ist seine Sache nicht, doch seine Positionen verfolgt er unnachgiebig. Das hat er immer wieder etwa in Auseinandersetzungen mit Draghi gezeigt, dessen lockere Geldpolitik, vor allem die Anleihenkäufe, er wiederholt kritisiert hat. Diese Haltung könnte seine Berufung an die EZB-Spitze erschweren – denn aus den südlichen Mitgliedsländern, aber auch aus Frankreich könnte Widerstand kommen.

Die Machtarithmetik in Europa birgt allerdings auch noch weitere Unsicherheiten: Denn die EZB-Spitze ist nicht der einzige wichtige Posten, der in den nächsten Jahren in der Europäischen Union zu vergeben ist.

So steht etwa im Frühjahr 2019 die Europawahl an, danach muss ein neuer Kommissionspräsident und kurz darauf ein neuer Präsident des Europäischen Rats gewählt werden. „In diesem Kuhhandel kann es für die Bundesregierung teuer werden, Weidmann als EZB-Präsident durchzusetzen“, sagt Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba.

2019 werden viele europäische Machtposten neu besetzt

Dann könnten nicht nur andere Posten dafür gefordert werden, sondern gegebenenfalls auch inhaltliche Zugeständnisse in der Europapolitik. Und nicht nur das: „Den Konflikt zwischen Geld- und Fiskalpolitik gibt es in jedem Land“, sagt Traud. Also auch in Deutschland. „Denn in den vergangenen Jahren konnte man den Bundesbankpräsidenten immer vorschicken als Vertreter einer Stabilitätspolitik, während Mario Draghi in der deutschen Öffentlichkeit die Rolle des Sündenbocks zugeschoben wurde.“

Doch könnte Weidmann überhaupt eine solche Politik durchsetzen? Der Notenbankpräsident hat im EZB-Rat, der die Geldpolitik bestimmt, nur eine von 25 Stimmen. Doch er ist das „Gesicht der Bank, hat einen engen Draht zur Politik. Draghi jedenfalls vermag es, der Geldpolitik seinen Stempel aufzudrücken.“