Berlin

Bio-Boom in Deutschland

Die Verbraucher kaufen immer mehr Produkte. Heimische Anbieter kommen mit der Herstellung kaum nach

Berlin. Fragt man Marktforscher oder Vertriebsexperten, ist Bio der erfolgreichste Trend der vergangenen Jahre ­– für Verbraucher, Händler und Landwirte. Letztere profitieren von der steigenden Nachfrage nach Bio-Produkten. Sie ist sogar so groß, dass der Handel nicht genug regionale Produkte findet und deshalb im Ausland einkauft.

Mit Bio-Joghurt, -Fleisch und anderen ökologischen Nahrungsmitteln setzte die Branche 2016 erstmals rund zehn Milliarden Euro um, wie der Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) berichtete, etwa 5,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Insgesamt setzte der Handel rund 184 Milliarden Euro um. Getrieben wird der Bio-Umsatz vor allem von den großen Lebensmitteleinzelhändlern, die bereits heute 59 Prozent Marktanteil haben – Tendenz steigend.

So haben etwa die Discounter Aldi, Lidl und Norma ihr Angebot an Bio-Lebensmitteln in den vergangenen Monaten deutlich erweitert. Aldi ist bereits heute Marktführer. Die Supermarktkette Rewe hat mehr als 2500 Öko-Artikel gelistet und will erweitern. Und auch Edeka, der größte Lebensmitteleinzelhändler in Deutschland, stellt mehr Bio-Waren in die Regale.

Viele Bio-Pioniere kämpfen unterdessen um ihre Existenz. So steigerten die Naturkostläden 2017 zwar ihren Umsatz um 2,2 Prozent, ihr Anteil am Bio-Markt schrumpft aber und macht nur noch knapp 30 Prozent aus. Elke Röder, Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost Naturwaren, spricht von einem strukturellen Nachteil – der Weg zum Naturkostladen ist vergleichsweise weit. Rund 2500 gibt es in Deutschland. Die großen Ketten verkaufen über rund 40.000 Geschäfte.

„Der Wettbewerb im Handel wird sich verschärfen“, vermutet Gerald Wehde von Bioland. Dem Verband für ökologischen Landbau gehören mehr als 7300 Landwirte, Imker und Winzer an. Hinzu kommen rund 1000 Vertreter von Bäckereien, Molkereien, Metzgereien oder aus der Gastronomie. „Gewinnen werden die, die die Verbraucher von ihrem Angebot überzeugen“, sagt Wehde.

Und beim Angebot hakt es offenbar etwas. „Der Handel sucht händeringend nach einheimischer Ware“, sagt BÖLW-Vorstandschef Felix Prinz zu Löwenstein. Sein Ziel: Bio-Lebensmittel, die in Deutschland wachsen können, sollten die Landwirte auch hier anbauen. Die Lücke füllen die großen Lebensmitteleinzelhändler zurzeit mit Produkten aus anderen Ländern.

Das sechseckige EU-Biolabel garantiert die Qualität

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, den Öko-Landbau bis 2030 von rund acht auf 20 Prozent auszuweiten. Derzeit produziert etwa jeder zehnte Hof in Deutschland nach Bio-Kriterien. Das wird Experten zufolge nicht reichen, um die Quote zu erfüllen. Sie fordern Forschungsförderung, Beratungs- und Ausbildungsangebote für Bauern sowie auch mehr Bio-Angebote in öffentlichen Kantinen. Vorbilder gibt es etwa in Dänemark.

Dafür, ob ein Produkt offiziell „Bio“ genannt werden darf, ist es zunächst egal, ob es vom Discounter oder aus dem Bio-Laden stammt: Prangt auf der Verpackung das sechseckige EU-Biolabel – oder ein stilisiertes Blatt auf grünem Grund – entspricht die Ware der EU-Ökoverordnung 834/2007. Die Produzenten verzichten etwa auf künstliche Pflanzenschutzmittel und Gentechnik, halten ihre Tiere artgerecht. Geschmacksverstärker, künstliche Aromen und Farbstoffe sind tabu. Klebt ein Siegel von Bioland, Demeter oder Naturland auf den Produkten, müssen die Erzeuger strengere Vorgaben einhalten – etwa mehr Platz für Schweine vorsehen.

Fernsehköchin Sarah Wiener, die selbst einen Bio-Bauernhof in Brandenburg betreibt, sagt: „Wer sowieso immer zum Discounter geht, kann dort zu Bio greifen.“ Die Preise dort sind günstiger als im Bio-Laden – Supermärkte, übrigens auch Bio-Supermarktketten wie Bio Company aus Berlin oder Denn’s, nehmen größere Mengen ab und bekommen darum Rabatte.

Wer den Preis für Bio zahlt, will freilich sicher sein, dass auch Bio im Produkt steckt. Darauf sei Verlass, sagt BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig. Wird konventionelle Ware nicht auch zu Bio umdeklariert? Sicher gebe es Betrüger, und jeder sei einer zu viel, sagt Röhrig: „Doch das sind Einzelfälle, die Zahl der Betrügereien liegt im Promillebereich.“ Ein Bio-Betrieb bekäme über die amtliche Lebensmittelkon­trolle hinaus mindestens einmal im Jahr Besuch von einem Bio-Kontrolleur – unangemeldet.