Frankfurt/Main

Der neue Börsenchef macht Tempo

Theodor Weimer leitet die Deutsche Börse seit Anfang des Jahres. Er will das Unternehmen umkrempeln

Frankfurt/Main. Jetzt wird umgebaut. Rein physisch lässt die Deutsche Börse gerade für 18,5 Millionen Euro die Räume in Frankfurt/Main auffrischen. Für Börsengänge ist eine Lounge geplant, das Unternehmen will mehr Besucher locken. Aber auch in der Führungsetage wird renoviert: Dem neuen Chef Theodor Weimer sind die Entscheidungswege zu lang, offenbar läuft ihm alles zu schwerfällig.

Der Mann legt Tempo vor. Weimer hat zum 1. Januar den Chefposten der wichtigsten deutschen Börse von Carsten Kengeter übernommen. Der Umbau, oder, wie es offiziell heißt, die Weiterentwicklung des Gebäudes der „Alten Börse“, wurde vor seiner Zeit beschlossen. Anders das vorläufige Aus für den erweiterten Vorstand. Das kam unter Weimer zustande, berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Insider. Das Gremium hatte Kengeter erst vor gut zwei Jahren installiert. Es zeichnete sich offenbar nicht durch besondere Effizienz aus. Weimer, so sieht es aus, will etwas bewegen. Und zwar zügig.

Der 58-jährige Investmentbanker – bis zum Jahresende neun Jahre lang Chef der Unicredit Deutschland – hat genug Ehrgeiz, die Deutsche Börse aufzumöbeln. Dass er jetzt endlich nicht mehr nur Chef einer Konzerntochter, sondern Vorstandschef eines Konzerns aus dem Deutschen Aktienindex Dax ist – wenn auch des kleinsten – war offenbar auch eine nicht unwichtige Motivation zum Wechsel, ist in Frankfurt zu hören.

Weimer geht mit vollem Engagement in sein Amt, aber er gesteht Nachholbedarf ein: „Ich kann noch nicht behaupten, das Börsengeschäft tatsächlich durchdrungen zu haben“, sagte er kürzlich beim Neujahrsempfang seines neuen Arbeitgebers. „Aber ich lerne schnell, und vor allem: Wenn ich will, dann will ich.“ Die Energie hat er, das nimmt man dem ehrgeizigen, engagierten studierten Volkswirt, Betriebswirt und Geografen ab. „Ich will etwas bewegen bei der Deutschen Börse und am Finanzplatz Deutschland“, sagte er.

Und er hat schon recht genaue Vorstellungen über die künftige Strategie der Deutschen Börse. Die habe „mannigfaltige Wachstumsmöglichkeiten“ etwa im Datengeschäft, im Risikomanagement, dem Nachhandel sowie neuen Produkten in den Bereichen Devisen, Rohstoffe und Anleihen. „Wir können und wir wollen und wir werden wachsen“, machte er klar. Zudem öffne sich jetzt in „Post-Brexit“-Zeiten ein „historisches Zeitfenster“. „Lassen Sie uns am Finanzplatz unterhaken und das Euroclearing in die stärkste Volkswirtschaft Europas, nach Deutschland, holen.“

Das Euroclearing ist das sehr lukrative Geschäft zur Abwicklung von Euro-Zahlungen, das bisher von London aus gemanagt wird. Es muss im Zuge des Austritts der Briten aus der Europäischen Union umziehen.

Bisher habe es an Konsequenz und Disziplin im Durchsetzen von Projekten gemangelt, kritisiert Weimer und spielt darauf an, dass nicht Frankfurt, sondern Paris vor wenigen Monaten den Zuschlag für die Europäische Bankenaufsicht EBA bekommen hat. Dieses Bekenntnis zu Frankfurt und Deutschland hatten Politiker, Banker und Anleger vermisst. Weimers Vorgänger Kengeter hatte bei der Planung der inzwischen geplatzten Fusion mit der Londoner Börse den Sitz der Deutschen Börse nach London verlegen wollen. Am Finanzplatz Frankfurt freut man sich auch über die Emotionalität, mit der der neue Börsenchef an seine Aufgabe herangeht, und die Begeisterung für den Standort Frankfurt.

Weimer lebt seit 15 Jahren in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden, knapp 40 Minuten von Frankfurt entfernt. Dass da nach langen Jahren endlich ein Vorstandschef steht, der mit Herzblut an seine Sache geht, kommt bei den Bankern und Börsianern gut an. Das hatten sie bei Kengeter, der in London lebt, aber auch bei dessen Vorgänger, dem Schweizer Reto Francioni, schmerzlich vermisst.

Die Beschäftigten freuen sich über die Aufbruchsstimmung

„Er hat ein Engagement für die Region vermittelt, ohne zu übertreiben“, lobte Lutz Raettig, Präsident des Lobbyverbands Frankfurt Main Finance und Aufsichtsratsvorsitzender der Morgan Stanley Bank in Deutschland nach Weimers Auftritt beim Neujahrsempfang. „Und das war gepaart mit einem Ton, der vernünftig aggressiv, aber auch hier und da mal demütig war. Ein absolut gelungener Auftritt“, schwärmte nach Weimers Vorstellungsrede auch Herbert Grüntker, Chef der Landesbank Hessen-Thüringen.

Auch die Mitarbeiter der Deutschen Börse sind glücklich, dass nach dem Horrorjahr 2017, der gescheiterten Fusion mit der Londoner Börse und dem Insiderskandal um ihren ehemaligen Chef Kengeter, nun ein anderer Wind weht. Weimer möchte im Team spielen. Aber den Beschäftigten hat er auch kurz nach seinem Amtsantritt klare Ansagen gemacht – er wird sie fordern. Das hat er ihnen schon nach wenigen Tagen klargemacht. Aber das empfinden sie eher als Aufbruch nach dem schweren vergangenen Jahr.