Weltwirtschaftsforum

Welt-Elite sucht in Davos Wege aus der „zersplitterten Welt“

Am Dienstag beginnt das Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort wird mit großer Spannung die Rede von US-Präsident Donald Trump erwartet.

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Davos.  Es ist ein Glücksfall für das Weltwirtschaftsforum in Davos – und das Resultat erstaunlicher Hellsichtigkeit. Seinem diesjährigen Mega-Event in den Schweizer Bergen gab Klaus Schwab zuerst den Titel „Gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt“. Dann kündigte die Personifizierung dieser Zersplitterung an, selbst nach Davos kommen zu wollen. Donald Trumps Rede am kommenden Freitag wird dem Kongress in Erinnerung bleiben.

Die Delegation des Weißen Hauses werde am Dienstag und damit einen Tag später als geplant starten, teilte Trumps Sprecherin Sarah Sanders am Montag mit. Trump werde später folgen.

Die Besuchsankündigung des US-Präsidenten zeigt, wie einflussreich das Weltwirtschaftsforum (WEF), das am Dienstag startet, inzwischen ist. Mehrmals in seiner 48-jährigen Geschichte schien es auf dem Abstellgleis zu stehen, unter dem Strich jedoch stieg seine Bedeutung. Zur Ausgabe 2018 hat WEF-Präsident Schwab die Anmeldungen von 70 Staats- und Regierungschefs. Ein Drittel aller Staaten dieser Welt sind mit ihrer Nummer Eins vertreten.

Indiens Premierminister hält die Eröffnungsrede

Zwei Effekte spielen dabei eine Rolle: Im vergangenen Jahr gewann Schwab Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping als Eröffnungsredner. Der versuchte sich als neuer Führer der Weltgemeinschaft zu positionieren und sprach sich für eine „offene globale Wirtschaft“ aus. Das veranlasste wohl Premierminister Narendra Modi – Regierungschef von Chinas asiatischem Konkurrenten Indien - dieses Jahr die Eröffnungsrede im Kongresszentrum von Davos zu halten. Dieser Wettbewerb von Spitzenpolitikern um den besten Sendeplatz lässt es weiteren Staats- und Konzernchefs ratsam erscheinen, ebenfalls beim WEF zu erscheinen.

Zweitens ist der allseits erspürte Gesprächsbedarf zur Diskussion der Weltlage offenbar so groß, dass das WEF eine Rekordbeteiligung vermeldet. Entschieden wird dort in der Regel zwar nichts, aber auch für die wichtigen Leute ist es unumgänglich, die Sichtweisen ihrer Konkurrenten, Mitstreiter und Geschäftspartner persönlich aus erster Hand zu erfahren.

Karawane des US-Präsidenten besteht aus bis zu 2000 Personen

Und es gibt kaum ein anderes Ereignis, bei dem sich die Weltelite so drängelt wie in Davos. Donald Trump dürfte dieser Umstand ebenfalls bewogen haben, dorthin reisen zu wollen, wo die von ihm und seinem ehemaligen Mitstreiter Steven Bannon geschmähten „Globalisten“ sitzen. Über Trumps Absichten für Davos ist bislang wenig bekannt. Sarah Sanders, Sprecherin des Weißen Hauses, sagte, er wolle für „seine Politik werben, die amerikanische Wirtschaft, Industrie und die Beschäftigten zu stärken“.

Stelldichein der Wirtschaftselite in Davos

Mit Trump soll ein Staraufgebot von sechs Ministern, Sicherheitsberater Herbert McMaster, Schwiegersohn Jared Kushner und weiterem Spitzenpersonal reisen. Inklusive Sicherheitsleuten könnte die Karawane des US-Präsidenten bis zu 2000 Personen umfassen. Die neue US-Politik und ihre Folgen für die Welt ist sowieso ein Thema, das beim WEF gesetzt ist. Absehbar erscheint, dass nicht nur ablehnende Stimmen zu hören sein werden.

Vernünftiges Geschäftsverhältnis zur Administration

Viele Manager kritisieren zwar den neuen Nationalismus, die partielle Abkehr von internationaler Kooperation und die Mauer-Mentalität des US-Präsidenten. Gleichzeitig freuen sie sich über die lukrativen Steuersenkungen für Unternehmensgewinne und privates Kapital. Und gerade Konzerne mit Niederlassungen in den USA müssen ein Interesse daran haben, ein vernünftiges Geschäftsverhältnis zur Administration zu pflegen.

Unter einem gewissen Druck wird in Davos das Spitzenpersonal der US-Technologiekonzerne stehen. Vor allem Amazon, Facebook und Google müssen sich mit der Kritik auseinandersetzen, sie seien zu groß, monopolistisch und würden der Demokratie schaden. Gleich am ersten Tag hat das Forum eine Diskussion anberaumt mit dem Titel „In Technology we trust?“ - vertrauen wir den Tech-Unternehmen noch? Zur Debatte steht, ob die Politik, etwa die US-Regierung oder die EU-Kommission, die Internetkonzerne regulieren sollte.

Facebook beschäftigt etwa 20.000 Mitarbeiter

Im Raume steht beispielsweise der Vorschlag, Aufsichtsbehörden zu schaffen, die die Algorithmen der sozialen Netzwerke, Konsum-Plattformen und Suchmaschinen kontrollieren. Eine andere Variante: Facebook muss die persönlichen Daten der Nutzer, die die Firma hortet, mit anderen Unternehmen teilen. Damit ist die große Frage nach den Auswirkungen der Digitalisierung insgesamt angeschnitten. Ein Beispiel: Facebook beschäftigt etwa 20.000 Mitarbeiter, der Autokonzern General Motors verschaffte dagegen einst einer Million Menschen Arbeit und Lohn.

Wovon also sollen all die Arbeitnehmer, die heute noch Jobs haben, leben, wenn die Digitalfirmen die Wirtschaft immer weiter umbauen? Ist Trumps Strategie, die alten Arbeitsplätze zurückzuholen, erfolgversprechend? Und auch der Sozialstaat steht zur Debatte. In mehreren Diskussionsrunden soll debattiert werden, ob Länder wie Deutschland ihr Sozialmodell renovieren müssen, um den Beschäftigten der digitalen Ökonomie eine moderne Absicherung zu bieten. WEF-Gründer Klaus Schwab kann sich vorstellen, dass das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens mehr Bedeutung bekommt.