Berlin

Wie die Queen die Elektromobilität entdeckte

Selbst das britische Königshaus vertraut dem E-Antrieb von Torqeedo. Nun kauft der Kölner Motorenhersteller Deutz die junge deutsche Firma

Berlin.  Natürlich hätte Christoph Ballin nicht damit gerechnet, dass seine elektrischen Bootsmotoren eines Tages die Queen über die Themse befördern würden. Schließlich war E-Mobilität auf dem Wasser noch kaum verbreitet, als er vor über zehn Jahren sein Start-up gründete. Und nun schippert seit dem Frühjahr ein Schiff des britischen Königshauses mit einem Torqeedo-Motor über die Themse.

Die sogenannte Royal Barge „Gloriana“, ein 28-Meter langer, üppig mit Gold verzierter Holzkahn, ist eigentlich ein Ruderboot. Aber zu ihren Einsätzen wird die „Gloriana“ per Motorantrieb gesteuert. 50 Kilometer weit könne das Schiff bei Marschgeschwindigkeit fahren, ohne dass die Batterie geladen werden müsse, verspricht Torqeedo-Geschäftsführer Ballin. Das reicht für Fahrten anlässlich des Thronjubiläums oder zu Geburtstagen der royalen Familienmitglieder.

„Am Anfang lief das sehr geheimnisvoll ab“, berichtet Ballin. Lord Sterling, Mitglied des House of Lords und Vorsitzender des „Gloriana Trust“, habe den Kontakt zu dem Unternehmen aus dem oberbayerischen Gilching angebahnt. Zunächst habe er geheim gehalten in wessen Auftrag er arbeitet. Die Ansprüche an die Technik waren hoch. Die Briten haben schlechte Erfahrungen mit Motoren gemacht. Der alte E-Antrieb der „Gloriana“ versagte mitten auf der Themse und löste eine Havarie aus. Der Kahn krachte höchst unwürdig gegen einen Brückenpfeiler. Die Queen war, natürlich, not amused.

Die Großen der Branche entdeckten die kleine Firma

Mit dem Torqeedo-Motor soll die „Gloriana“ nun einem royalen Fahrzeug angemessen durchs Wasser gleiten. Das Unternehmen aus dem oberbayerischen Gilching gibt sich selbstbewusst. Gründer Ballin sieht sich an der Spitze einer Elektro-Revolution auf dem Wasser, zieht Parallelen zum Elektropionier Tesla. Ähnlich wie der US-Konzern will der 49-jährige Geschäftsführer E-Antriebe für die Massen bauen. Einfach zu bedienen, schick, eine echte Alternative zum Verbrennungsmotor. Bootsbauer weltweit bieten Modelle, die mit dem Torqeedo-Motor ausgestattet sind. Kein Wunder, dass nun auch die Großen der Motorbranche auf die kleine Firma aufmerksam wurden: Jetzt übernimmt der Kölner Motorenhersteller Deutz die Torqeedo GmbH und verspricht sich dadurch frischen Wind für seine Elek­tro-Strategie. Der für seine Dieselmotoren bekannte Traditionskonzern Deutz will in den kommenden Jahren sein Wachstum mit Elektro- und Hybridantrieben vorantreiben.

Bis zur Gründung von Torqeedo 2005 hatte Christoph Ballin mit Booten und Motoren eigentlich gar nichts zu tun. Früher war er Berater bei McKinsey in Hamburg. Dann wurde er Geschäftsführer des Gartenbauunternehmens Gardena in München. Er zog an den Starnberger See, kaufte sich ein Boot und musste feststellen: Die Lizenzen für Boote mit Verbrennungsmotoren sind dort streng limitiert. Auf eine Genehmigung warten Bootsfreunde 20 Jahre. Wer sofort aufs Wasser will, der muss elektrisch fahren. Die E-Antriebe, die es zu dieser Zeit auf dem Markt gab, überzeugten Ballin nicht. Führende Hersteller von Außenbordern wie Suzuki oder Yamaha hatten bis dato keine elektrischen Außenborder entwickelt. Es blieben Nischenunternehmen, die etwa für kleine Angelboote E-Motoren entwickelten, die Technik war rückständig.

„Als Kaufmann musste ich dann sagen, wir müssen ein Unternehmen gründen“, sagt Ballin. Er sondierte das Marktpotenzial, ein befreundeter Kollege, der damalige Gardena-Technikvorstand, entwickelte den Antrieb. „Nach drei bis vier Monaten waren wir soweit“. Das Startkapital bezahlten sie aus eigener Tasche. Anders als die bereits existierenden Antriebe sollte der Torqeedo-Motor keine Bleibatterie enthalten, sondern auf der moderneren Lithium-Ionen-Technik basieren. Das E-Bootfahren, das sollte ähnlich cool sein wie einen Tesla zu fahren „Wir haben aus dem Stand heraus knapp eine Million Euro Umsatz gemacht im ersten Jahr“, erinnert sich Ballin. Mittlerweile ist Torqeedo auf 130 Mitarbeiter angewachsen. Am Unternehmenssitz im bayrischen Gilching werden die Batterien, Motoren und die Software für den Antrieb entwickelt. In diesem Jahr wird Torqeedo nach eigenen Angaben rund 25 Millionen Euro umsetzen. Das ist ein Plus von etwa 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bis heute ist Konkurrenz in dem Segment überschaubar. Aquamot aus Österreich oder Fischer Panda aus Paderborn versuchen mitzuhalten.

Schwarze Zahlen schreibt Torqeedo noch nicht. Aber mit der Übernahme durch Deutz dürfte die Finanzierung erst einmal gerettet sein. Für die Elek­tro-Strategie des Großkonzerns solle Torqeedo „als Katalysator fungieren“, sagte Frank Hiller, Vorstandsvorsitzender der Deutz AG, die bislang hauptsächlich Verbrennungsmotoren produziert. „Wir wollen zukünftig nicht mehr nur als reine Dieselfirma operieren“, betont Hiller. Deutz wolle Produkte anbieten, die teilweise oder ganz elektrisch seien. Sowohl bei Landmaschinen, Baumaschinen oder Geräten wie Gabelstaplern gebe es bei den Kunden dafür ein großes Interesse.

Er stinkt nicht, er stört nicht die Stille – aber er kostet viel

Bis heute hat Torqeedo rund 70.000 Elektromotoren verkauft. Was Bootsliebhaber vor allem überzeugt: Der Motor stört nicht die Stille auf dem See. Er stinkt nicht, er hinterlässt keine Ölspur, man braucht keinen Benzinkanister. Aber manch ein Torqeedo-Außenborder kostet doppelt so viel wie ein Verbrennungsmotor.

Anders als bei der E-Mobilität auf der Straße ist die Reichweite weniger ein Problem. Steckdosen gibt es an nahezu jeder Bootsanlegestelle. Abends, wenn das Boot ohnehin im Hafen liegt, stören lange Ladezeiten weniger. Ballin verspricht: Mit einem Torqeedo-Antrieb könne man einen Tag auf dem See verbringen, ohne laden zu müssen. Allerdings stößt der E-Antrieb auch schnell an seine Grenzen. „Schnellboote, die weite Strecken fahren sollen – das ist nicht unsere Baustelle“, gibt Ballin zu. Torqeedo bedient vor allem die Nachfrage nach kleinen Außenbordern. Etwa ein Drei-PS-Motor, der ein Segelboot in einen Hafen steuern kann.

Seit einigen Monaten arbeitet Torqeedo zudem mit BMW zusammen. In den sehr leistungsstarken E-Antrieben des Autobauers verbaut Torqeedo die Hochvoltbatterie, die auch im BMW E-Modell i3 integriert ist.

Die fortwährende Diesel-Debatte könnte Torqeedo in die Karten spielen. Weltweit versuchen Metropolen, einen Teil des Nahverkehrs auf Flüsse umzuleiten. Eine Möglichkeit sind Wassertaxis oder Fähren, die elektrisch betrieben werden. In Rotterdam fährt schon ein Wassertaxi für zwölf Personen mit einem Motor von Torqeedo. „Wir haben Anfragen für Wassertaxis aus Paris, Singapur und Hongkong und vielen anderen Städten“, sagt Ballin.

Auch bei diesem Geschäft werden die großen Firmen aufmerksam: Zusammen mit der norwegischen Werft Fjellstrand hat der Industriekonzern Siemens etwa die erste elektrisch angetriebene Autofähre der Welt entwickelt. Und seit Februar arbeiten norwegische Lachszüchter mit einem von den Münchnern entwickelten Elektroschiff. An normalen Arbeitstagen, etwa acht Stunden, ist ein hundertprozentiger Batteriebetrieb möglich, heißt es.

Vielleicht werden künftig weitere Königshäuser ihre royale Flotte elek­trisch fahren lassen. Die Briten jedenfalls scheinen überzeugt – so sehr, dass sie Ballin und seine Mitarbeiter eine Freifahrt auf der „Gloriana“ versprochen haben.