Berlin

Das Geschäft mit dem autonomen Fahren

Chiphersteller, Autobauer und Zulieferer für Sensorik, Automobilelektronik und Vernetzungstechnologie rechnen mit Milliardenumsätzen

Berlin.  Das Zukunftsthema autonomes Fahren beginnt, sich im Arbeitsmarkt bemerkbar zu machen. Deutsche Unternehmen holen bei den weltweiten Jobangeboten auf und suchen vermehrt Ingenieure, Chipdesigner und Sensorikexperten. Unter den zehn Unternehmen mit den weltweit meisten Jobangeboten in diesem Bereich finden sich vier deutsche Unternehmen, darunter Bosch, Daimler und BMW. Weltweit führend bei den Jobausschreibungen blieben aber Google, GM und Ford.

Autonomes Fahren gilt als einer der Megatrends der kommenden Jahre. Dank Fahrassistenz-Systemen, Datenbanken mit digitalem Kartenmaterial, Einparkhilfen und integrierten Abstandsmessern sollen Fahrzeuge in Zukunft in der Lage sein, ihren Zielort ohne Eingreifen des Fahrers ansteuern zu können. Chips und Sensoren regeln in den Fahrzeugen Geschwindigkeit und Sicherheitsabstand, der Mensch kann bei Gefahrensituationen das Auto „überstimmen“. Unternehmen wie Google oder Daimler testen Konzeptfahrzeuge auf Versuchsstrecken.

Chiphersteller, Autobauer und Zulieferer für Sensorik, Automobilelektronik und Vernetzungstechnologie rechnen mit Milliardenumsätzen. Eine Prognose von Roland Berger sieht im autonomen Fahren einen milliardenschweren Zukunftsmarkt. Das weltweite Potenzial für neue Hard- und Software durch autonomes Fahren bis zum Jahr 2030 schätzen die Marktforscher auf rund 60 Milliarden US-Dollar. „Autonome Fahrzeuge werden die Welt auf eine Art und Weise verändern, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können“, sagte David Silver von der Internet-Lernplattform Udacity. Noch aber ist der Markt sehr fragmentiert. Bei Chips, Sensorik, Automobilelektronik und Vernetzungstechnologie kämpfen über 2000 Unternehmen um Marktanteile. Erste Übernahmen wie der Kauf des israelischen Fahrerassistenzsysteme-Herstellers Mobileye durch Intel sorgen für Aufsehen. „Früher gab es in den USA hunderte Automarken, von denen heute viele verschwunden sind“, sagt Silver. „Das selbe wird mit dem autonomen Fahren passieren.“

Für die Unternehmen ist das autonome Fahren bereits jetzt ein Riesengeschäft. Mobileye konnte 2016 beim Umsatz dank guter Verkäufe von Fahrassistenz- und Sicherheitssystemen fast um 50 Prozent zulegen. Bei Bosch wächst der Markt mit Assistenzsystemen rund 25 Prozent pro Jahr. 2019 soll der Umsatz bei zwei Milliarden Euro liegen. Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) beziffert die Wertschöpfung für alle Geschäftsfelder des autonomen Fahrens bis 2025 in Deutschland auf 8,8 Milliarden Euro. Da etwa die Hälfte der Wertschöpfung im Bereich Software entstehen soll, rechnen die Forscher hier mit einem besonders starken Stellenzuwachs. Ethische Fragen wie sogenannte „Dilemma-Situationen“ spielen bei der Entwicklung der Technologie eine Rolle. „Fahrzeuge können so programmiert werden, dass sie Sicherheit, Einhalten von Verkehrsregeln und Mobilität unterschiedlich hoch gewichten“, sagt Sarah Thornton vom Dynamic Design Lab an der Stanford University. „Ein autonom fahrendes Auto sollte aber so perfekt programmiert sein, dass es nie zwischen der Sicherheit der Insassen oder potenzieller Unfallgegner abwägen muss.“

Den sechsten Sinn kann man nicht programmieren

Beim autonomen Fahren reicht die Hierarchie der Automatisierung von „Level 1“, bei dem der Fahrer einige wenige Assistenzsysteme in Anspruch nimmt über Level 2, bei dem das Fahrzeug schon selbstständig blinkt, die Spur hält und wechselt bis hin zu „Level 5“, in dem kein menschliches Eingreifen mehr erforderlich ist.

Besondere Fortschritte konnten hier zuletzt Hersteller wie Audi oder Tesla erreichen. „Level 5 wird kommen, aber es wird enorm teuer“, sagt Silver. Aber ist es überhaupt möglich, einen Code zu schreiben, der in der Lage ist, eine prinzipiell unendliche Nummer an möglichen Szenarien abzudecken, die während der Fahrt passieren können? Daniel Shapiro, Deep-Learning-Experte beim US-Chiphersteller Nvidia, ist vorsichtig: „Wir werden wahrscheinlich nie das programmieren können, was wir den sechsten Sinn nennen.“ Menschliche Instinkte und Vorahnungen sind in der Tat schwer programmierbar. Ein Autofahrer, der am Tag zuvor in der Zeitung von Wildunfällen gelesen hat, wird am Tag darauf besonders aufpassen, dass ihm kein Reh ins Auto läuft.

Die besten Grafik-Chips der Welt schaffen heute Milliarden Rechenschritte pro Sekunde. Früher hatten nur riesige Supercomputer so eine Power. Heute reicht ein Chip in einem Auto.

Doch kann ein Sensor den instinktiven Blick in den Rückspiegel ersetzen? Können menschliche Sinne durch Laserabtastung ersetzt werden? Derzeit laufen an Universitäten und den Entwicklungsabteilungen der Autobauer und Zulieferer Testreihen zum autonomen Fahren.

Anhand pixeliger Bilder lernen die Algorithmen, im Verkehrsgeschehen bestimmte Muster menschlichen Verhaltens zu erkennen. „Entscheidend ist, dass wir nicht nur Bewegung erkennen, sondern auch die Absichten“, sagt Shapiro. Ein autonom fahrendes Auto muss in der Lage sein zu erkennen, dass es Menschen gibt, die erst zögern, und dann doch bei Rot über die Straße laufen. Der Manager ist zuversichtlich, dass autonome Fahrzeuge schon bald sicherer sind als solche mit menschlichem Fahrer. „Smartphones sind in den letzten zehn Jahren immer smarter geworden“, sagt Shapiro. „Das ist das, was jetzt mit den Autos beginnt.“

Die Gefahr, dass Deutschland von US-Technologieriesen auch beim Thema autonomes Fahren abgehängt wird, ist dabei gering. Denn bei den für die neue Technologie wichtigen Patenten liegen die Deutschen einer Statistik des IW Köln zufolge vorn.

Die drei Automobilhersteller und -Zulieferer mit den weltweit meisten Patentanmeldungen im Bereich des autonomen Fahrens im Zeitraum von 2010 bis 2016 stammen mit Bosch, Audi und Continental allesamt aus Deutschland. Mit BMW, Daimler und Volkswagen sind drei weitere Unternehmen aus Deutschland unter den zehn weltweit größten Patentanmeldern im Bereich autonomes Fahren.