Digitalwirtschaft

Digitalbranche treibt Aufschwung in Berlin voran

Berlins Digitalwirtschaft boomt und schafft viele neue Arbeitsplätze. Die Produktivität der Jobs ist aber seit 2010 deutlich gesunken.

Die Internethändler sind in der Hauptstadt besonders erfolgreich

Die Internethändler sind in der Hauptstadt besonders erfolgreich

Foto: Jens Büttner/dpa

Wenn am Sonnabendmorgen vor der örtlichen Postfiliale die Menschen mit ihren Retour-Paketen Schlange stehen, wird der Strukturwandel für jeden sichtbar. Immer mehr Kunden bestellen Schuhe, Mode, Bücher und viele anderen Waren im Internet, nicht wenige sind aber unzufrieden und senden sie wieder zurück.

Berlin ist das Zentrum des Onlinehandels in Deutschland. Zalando & Co haben in den vergangenen Jahren einen komplett neuen Wirtschaftszweig geschaffen. 2008 waren im digitalen Handel in Berlin gerade mal 803 Personen tätig. Inzwischen verdienen 13.142 Beschäftigte ihr Geld in diesem dynamischen Teil der digitalen Wirtschaft.

Eine Studie der landeseigenen Investitionsbank (IBB) hat die Strukturen des Wachstumstreibers Digitalwirtschaft in der Hauptstadt unter die Lupe genommen. Und neben allerlei sehr positiven Daten, was neue Arbeitsplätze, Zahl der Gründungen und steigende Investitionen betrifft, kamen dabei auch ein paar nicht unbedingt gute Eigenschaften der Berliner Szene zutage.

Produktivität im Onlinehandel ist gesunken

Zwar haben gerade die Internethändler enorm viele neue Arbeitsplätze geschaffen, die mit vielen jungen Menschen aus aller Herren Länder besetzt worden sind. Die Produktivität dieser Jobs ist aber seit 2010 deutlich gesunken. Vor sechs Jahren erwirtschaftete jeder Mitarbeiter der Branche noch 64.000 Euro pro Jahr. 2015 waren es nur noch 45.000 Euro. Daraus ergibt sich, dass viele dieser neuen digitalen Arbeitsplätze eben auch nicht sonderlich gut bezahlt werden können.

Die IBB-Volkswirte, die die Studie erstellt haben, mahnen denn auch eine höhere Produktivität an, "damit der digitale Handel dauerhaft einen starken Beitrag zu Wohlstand und Beschäftigung in der Region leisten" kann. Sie erklären das Phänomen aber auch: Dahinter stehe das Stadium, das viele Berliner Onlinehändler derzeit durchlaufen: "Die rasche Ausweitung des Online-Handels auf internationale Märkte bedarf anfangs eines hohen Mitarbeitereinsatzes, der sich erst nach erfolgreicher Skalierung in höherer Produktivität niederschlägt", heißt es in der Studie der Investitionsbank.

Ein erfahrener Personalberater formuliert die Lage so: Die Firmen brauchen derzeit viele Menschen, die Geschäfte in verschiedenen Ländern hochziehen. Dabei werden in der Regel die Prozesse aus bereits erschlossenen Märkten kopiert und gegebenenfalls leicht angepasst. Erst wenn neue Kunden bestellen und bezahlen, gibt es entsprechende Einnahmen. Die Organisation wird dann besser strukturiert, es werden Führungskräfte eingestellt und gegebenenfalls das weniger qualifizierte digitale Fußvolk sogar entlassen oder zur Erschließung weiterer neuer Märkte umgelenkt.

Digitalbranche wächst dreimal so schnell wie Rest der Wirtschaft

Die Studie offenbart auch eine Schwäche der Berliner Digitalbranche. Wirkliche "Techies", die Hardware basteln und technische Infrastruktur bereitstellen, gibt es in der Hauptstadt nämlich nicht so viele. In diesem Sektor sank die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren sogar um fast ein Drittel, weil große Teile dieser Produktion nach Asien verlagert worden seien, wie es in der Studie heißt. Gleichzeitig arbeiten die verbliebenen Beschäftigten aber viel effektiver. Die Arbeitsproduktivität stieg um 76 Prozent auf 144.000 Euro pro Kopf, was dreimal so viel ist wie im Onlinehandel. Die Berliner Hardware- und Infrastrukturlieferanten hätten sich aber "gesundgeschrumpft" und seien nun sehr stark im Export.

Trotz dieser Probleme sieht die Investitionsbank in der Entwicklung der Berliner Digitalbranche insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Sie wächst fast dreimal so schnell wie der Rest der Wirtschaft. Neben dem Onlinehandel boomt das Geschäft mit Software und Daten. Nach Umsätzen ist sie inzwischen so groß wie die Industrie und doppelt so groß wie die Bauwirtschaft. Seit 2008 sind in dem Sektor 36.000 neue Jobs entstanden, 2016 waren 77.000 Menschen in 9138 Unternehmen beschäftigt. Diese Zahlen belegen die Kleinteiligkeit der Branche: Jede Firma hat im Durchschnitt nur sieben Mitarbeiter und macht einen Umsatz von einer Million Euro. Gleichzeitig starten laufend neue Unternehmen, in den vergangenen Jahren alle 20 Stunden eins. Inzwischen überleben zwei von drei Gründungen.

Mangel an Fachkräften als Wachstumsbremse

Im Vergleich zu anderen deutschen Städten liegt Berlin vorne, was die Zahl der Mitarbeiter in der Digitalwirtschaft angeht, auch wenn München und Hamburg in Relation zu ihrer Größe mehr Beschäftigte in diesen Sektoren aufweisen.

Der Mangel an Fachkräften sei die eigentliche Wachstumsbremse für die Branche, heißt es in der Studie. Weil sich die Firmen mit Blick auf künftiges Umsatzwachstum zusätzliche Beschäftigte sichern, habe sich der Umsatz pro Mitarbeiter etwas reduziert. Hochspezialisierte Fachkräfte werden gesucht und auch auf Vorrat angestellt. Programmierer, Datenbankspezialisten und Webdesigner können sogar mit hohen Einstiegsgehältern von rund 4300 Euro im Monat rechnen, deutlich mehr als der Berliner Durchschnittsverdienst von 3610 Euro.

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