Berlin

Geldsegen für die Windkraft

Die Kosten für Ökostrom sind stark gefallen. Das nährt den Verdacht, dass jahrelang zu viel kassiert wurde

Berlin. Was für eine Überraschung: Als Mitte August die neuen Preise für Strom aus Windkraft bekannt gegeben wurden, kam die Branche aus dem Staunen kaum heraus. Gerade einmal 4,28 Cent erhalten neue Anlagen in Zukunft in der Grundvergütung noch pro Kilowattstunde. Das ist nicht viel mehr, als derzeit für schmutzigen Strom an den Börsen gezahlt wird. Noch im Mai waren es 5,71 Cent. Einen derartigen Preisverfall innerhalb kürzester Zeit hat die Ökostrombranche noch nie gesehen.

Ausgelöst wurde er durch wettbewerbliche Ausschreibungen. Denn seit diesem Jahr werden die Windmüller nicht mehr mit einem vorher festgelegten Satz vergütet, sondern müssen in einer Auktion gegeneinander antreten – was offenbar deutlich geringere Preise bedeutet. Nun drängt sich ein Verdacht auf: Haben die Windmüller jahrelang zu hohe Subventionen auf Kosten der Stromverbraucher kassiert, die die Ökoenergie letztlich bezahlen müssen?

Kritiker der Ökostromförderung schlagen Alarm. Karl Tack, Vorsitzender der Kommission Energiepolitik des Wirtschaftsverbandes Die Familienunternehmer, sagt: "Die Vergütung für Windräder war in der Vergangenheit wohl deutlich zu hoch angesetzt. Dies zeigt sich schon allein durch das starke Sinken der Fördersätze nach der Einführung von Auktionen, die nunmehr im Wettbewerb die Preise festlegen." Doch das neue System greift erst Jahre später. Anlagen, die jetzt gebaut werden, kommen in den Genuss des alten Fördersystems. Alle Projekte, die vor Ende 2016 genehmigt wurden, können noch bis Ende 2018 gebaut werden und bekommen eine feste Einspeisevergütung für 20 Jahre zuzüglich des Inbetriebnahmejahres.

Der Boom der vergangenen drei Jahre geht indes weiter. Im ersten Halbjahr 2017 gingen 790 neue Windräder in Betrieb, die zusammen maximal 2281 Megawatt Strom erzeugen können. Damit ist das Ziel der Bundesregierung von 2500 Megawatt für das gesamte Jahr schon fast erfüllt. Und auch im zweiten Halbjahr wird kräftig weitergebaut. Die Projekt-Pipeline ist bestens gefüllt.

Erhalten die Anlagen zu viel Geld? Der Preiseinbruch in den Ausschreibungen deutet darauf hin. Auch die enormen Summen, die Windradbetreiber für das Land zahlen, auf dem die Anlagen stehen, nährt die Vermutung. Etwa 50.000 Euro sind an guten Standorten übliche Pacht-Beträge – pro Jahr und pro Windrad, versteht sich.

Die Windkraft hat viele Landeigentümer in Norddeutschland reich gemacht. Auch die Eigenkapitalerträge können sich durchaus sehen lassen. Von zuletzt acht Prozent Zins auf das eingesetzte Kapital gehen die Investoren aus, wie eine Studie der Deutschen WindGuard im Auftrag des Branchenverbandes BWE zeigte.

Viele Anlagen erhalten eine Extraförderung

Immer wieder in der Kritik ist zudem, dass ein Großteil der Windräder eine Art Extraförderung erhält. Eigentlich soll die sogenannte erhöhte Anfangsvergütung für Strom nur wenige Jahre bezahlt werden, wenn Windräder an guten Standorten errichtet werden. Dort, wo die Bedingungen schlechter sind, gibt es länger mehr Geld.

Doch das Modell ist in Unwucht: Ein Großteil der bisher gebauten und auch geplanten Windräder erhält die Bonuszahlungen über die gesetzliche Mindestdauer hinaus. Nur etwas mehr als jedes zehnte Windrad erreicht oder überschreitet die Richtgröße, den "100-Prozent-Standort". Der Rest kommt in den Genuss von hohen Extrazahlungen. Im Extremfall ist damit die erhöhte Anfangsvergütung für 20 Jahre plus Inbetriebnahmejahr garantiert.

Dass die Windanlagen in die Höhe wuchsen, spielte den Betreibern in die Hände. Die auf Energierecht spezialisierte Anwaltskanzlei Rödl & Partner stellte schon 2016 fest: "Das derzeitig verwendete logarithmische Höhenprofil unterschätzt ab einer gewissen Höhe (circa 60 bis 100 Meter) die Zunahme der Windgeschwindigkeiten mit der Nabenhöhe." Je höher die Anlagen, desto besser ist die Energieausbeute – auch an schlechteren Standorten. Die Berechnung, auf der die Förderung fußt, geht aber von geringerer Ausbeute aus.

Tack vom Verband der Familienunternehmer kritisiert: "Wenn die gesetzlichen Vorgaben und deren anschließende Umsetzung dazu führen, dass dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge die weit überwiegende Mehrzahl der über 20.000 Windkraftanlagen eine längere, erhöhte Vergütung erhält als eigentlich normal, dann sollte das gesamte System einmal gründlich unter die Lupe genommen werden." Die nächste Bundesregierung solle eine starke und unabhängige Kontrollinstanz installieren, denn die Zeche für zu üppige Förderungen zahlten am Ende die Verbraucher und der Mittelstand. Knapp ein Viertel des Strompreises für private Kunden von rund 30 Cent pro Kilowattstunde macht inzwischen die sogenannte EEG-Umlage aus.

Tack fordert weitere Konsequenzen. Die neue Bundesregierung solle nach der Wahl dringend untersuchen, ob es nicht doch noch zur Korrektur der auf 20 Jahre gesetzlich garantierten Förderung der Windkraft kommen könne. Das gelte besonders für windreiche Standorte, die schon heute ohne Förderung am Markt bestehen könnten.

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