Stockholm

Schweden, das Land der gläsernen Bürger

Totale Transparenz: Einkünfte und Schulden sind öffentlich einsehbar. Das soll das Vertrauen stärken, befriedigt aber oft nur die Neugier

Stockholm. Im deutschsprachigen Raum ist die Heimlichtuerei um Einkommen von Privatpersonen groß. Selbst mit ihren Freunden sprechen viele nicht offen über Geld. Und in manchen Fällen weiß sogar der Ehepartner nicht ganz genau, was auf dem Lohnzettel steht oder das Vermögen an Einnahmen abwirft. In Schweden ist das nicht vorstellbar. Dort sind diese Daten und noch viel mehr einsehbar – für jedermann.

Wer etwa wissen möchte, welche steuerpflichtigen Einkommen der Nachbar oder Chef im letzten Jahr aus Arbeit und Kapital hatte, kann dies einfach im jährlich erscheinenden Steuerkalender nachschauen. Der ist in gedruckter Form mehrere Telefonbücher dick. Einzelteile können aber nach Wohnorten bestellt werden. In dem Steuerkataster sind alle erwachsenen Bürger Schwedens namentlich mit Geburtsdatum und Ehestand erfasst – übrigens auch Ausländer mit Wohnsitz in Schweden. Nicht aufgelistet wird, woher genau die Einkünfte aus Arbeit und Kapital stammen.

Alternativ können Neugierige direkt beim Finanzamt nachfragen oder einen der zahlreichen privaten Internetdienste nutzen, die diese öffentlichen amtlichen Informationen gegen eine Gebühr übersichtlich aufarbeiten. Diese Dienste bieten oft zusätzliche Funktionen an, zum Beispiel eine Übersicht zu Schulden und Vorstrafen. Denn auch die stellen die Behörden zur Verfügung. Mit wenigen Klicks und für ein paar Kronen Gebühr weiß man in Schweden mehr über einen Mitbürger, als in Deutschland mit einem teuren Privatdetektiv herauszufinden ist.

Steuerauskunft als Instrument bei der Partnerwahl

Sogar bei der Partnersuche kommen die Datenbanken manchmal zum Einsatz. Sobald das Blind Date Namen und Wohnort preisgegeben hat, lässt sich schnell herausfinden, ob es sich um eine solide Partie oder vielleicht doch um einen verschuldeten Hallodri handelt. Gezieltes Ausspionieren gilt zwar auch in Schweden als unanständig, aber es wird durchaus getan, wie viele Schweden berichten. Die örtlichen Zeitungen veröffentlichen ohnehin jährlich die Gehälter und Vermögen der Prominenten oder einfach nur Reichsten des Landes in Listen. Denn mit ein paar Klicks im Internet lässt sich ermitteln, was die zahlreichen Popstars des Landes oder Ministerpräsident Stefan Löfven (rund 200.000 Euro im Jahr) verdienen. Einige Lokalzeitungen veröffentlichen sogar Listen der zehn reichsten Personen in einem Ort.

Aus deutscher Perspektive sieht das nach dem zweifelhaften Bedienen von Neugier und Neidgefühlen aus. Aus Sicht der Schweden erfüllt die totale Transparenz aber tiefere gesellschaftliche Funktionen und ist insgesamt nützlich. Viele Skandale, Korruption und Vetternwirtschaft wurden dank des Öffentlichkeitsprinzips enthüllt. So konnten Stockholmer in der Zeitung "Dagens Nyheter" vor Jahren die Einkünfte von zahlreichen Ärzten einsehen. In dem Artikel wurden die Privatisierung der einst staatlichen Allgemeinarztpraxen und die steigenden Einkommen kritisch beleuchtet. Auch Prominente und Besserverdiener müssen um ihren Ruf fürchten, wenn ihr versteuertes Einkommen in Schweden wegen Steuertricks auffällig gering ist. Die Transparenz trägt also zu höherer Steuermoral bei. So sehen es die Schweden.

Ganz konkrete und wenig anrüchige Vorteile können aber auch Arbeitnehmer auf Jobsuche oder vor Gehaltsverhandlungen erwarten. Das System erleichtert Gehaltsverhandlungen erheblich. Wenn leicht zu recherchieren ist, was Kollegen in der eigenen Abteilung oder bei der Konkurrenz verdienen, ist es fast unmöglich, viel zu hoch oder zu niedrig zu pokern.

Ein weiteres Einsatzgebiet: Die auch in Schweden noch teils großen, aber im Vergleich zu Deutschland geringeren Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen werden enthüllt. Eine Mitarbeiterin kann überprüfen, was die männlichen Kollegen, die die gleiche Arbeit verrichten, verdienen. Klauseln in Arbeitsverträgen, die ein Stillschweigen zum eigenen Gehalt gegenüber Dritten auferlegen, wären in Schweden undenkbar und zudem sinnlos.

Im Zweifel für die Transparenz: Das hat in Schweden eine lange Geschichte und ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Bereits im 18. Jahrhundert beschlossen König und Reichstag, dass grundsätzlich alle Verwaltungsakte im Lande öffentlich sein sollen, wenn nicht ausdrücklich das Gegenteil angeordnet wird. Damit sollte das Vertrauen der Bürger in den Staat gestärkt werden.

Später hat auch der sozialdemokratisch geprägte Wohlfahrtsstaat mit hohen Steuerquoten davon profitiert. Wer hohe Abgaben bezahlt, möchte auch konkret prüfen können, ob die anderen Bürger ihren Pflichten ebenfalls nachkommen, so das Argument. Die dominierende Rolle des eingreifenden, umverteilenden Staates in Schweden gewann durch die Transparenz eine höhere Akzeptanz im Volke.

In Deutschland ist ein derart gläserner Bürger nicht vorstellbar. Im Gegenteil: Datenschutz und Anonymität genießen höchste Priorität. "Weder bei uns noch in der Bevölkerung oder in den großen Parteien gibt es derzeit Unterstützung, solche Daten von Privatpersonen zu veröffentlichen", sagt etwa Isabel Klocke vom deutschen Bund der Steuerzahler. "Denn die Steuererklärungen mit Angaben etwa zu Ehepartnern, Kindern, Unterhaltszahlungen geben sehr sensible Auskünfte über die Lebensverhältnisse von Privatpersonen preis." Gesellschaftlich relevante Informationen wie zum Beispiel Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau ließen sich auch anderweitig ohne Verletzung der Privatsphäre ermitteln, etwa über das Statistische Bundesamt.

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