Baubranche

Warum das Handwerker-Hoch dem Kunden Nachteile bringt

Handwerker sind in der Baubranche gefragt wie lange nicht.

Handwerker sind in der Baubranche gefragt wie lange nicht.

Foto: ISTOCK / Getty Images/iStockphoto

Die Stimmung bei Handwerksbetrieben ist glänzend – fast überall in Deutschland. Die Kunden können sich aber nicht wirklich mitfreuen.

Berlin.  Das Dach sanieren und eine Solaranlage installieren, endlich den lang ersehnten Wintergarten oder gleich ein neues Haus in Auftrag geben – die steigenden Einkommen der Bevölkerung und niedrige Zinsen für Bauvorhaben sorgen für enorme Nachfrage nach Handwerkern. Die Kehrseite des Booms: Seit der Wiedervereinigung mussten Haus- und Wohnungsbesitzer noch nie so lange auf den passenden Handwerker warten wie derzeit.

Laut dem aktuellen Konjunkturbericht des Zentralverbands des deutschen Handwerks, ZDH, laufen die Geschäfte der Handwerker so gut wie seit 25 Jahren nicht mehr. Die Betriebe sind im Durchschnitt mehr als zehn Wochen im Voraus ausgebucht. Bei manchen Betrieben und besonders nachgefragten Gewerken müssen die Kunden sogar bis zu einem halben Jahr auf einen Termin warten.

Mehr Aufträge für ein Drittel der Betriebe

Entspannung ist nicht in Sicht. "Es wird nicht besser für die Kunden", sagt ZDH-Sprecher Alexander Legowski. Mehr als ein Drittel der Betriebe erwarteten in diesem Jahr noch mehr Aufträge. Laut dem Branchenverband profitieren vor allem das Hauptbaugewerbe, also Firmen, die Rohbauten und Sanierungen bearbeiten. Aber auch auf Elektriker, Sanitär- und Heizungsdienstleister und Zimmerer müssen die Kunden im ganzen Land länger warten als in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres.

Langes Warten auf Handwerker-Termine

Besonders zuversichtlich sind die Handwerkskammern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Hier beurteilen laut der Konjunkturumfrage des ZDH mehr als 92 Prozent aller Betriebe ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend. In der Handwerkskammer Mannheim berichteten rund 40 Prozent der Betriebe von einer Auslastung bis zu 100 Prozent. In der Handwerkskammer Reutlingen liegen die Wartezeiten dank der vielen Aufträge deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Auf Elektriker, Zimmerer und Heizungsspezialisten warten Kunden dort im Durchschnitt mehr als drei, auf Handwerker für den Hausbau sogar fast dreieinhalb Monate. Das sind mindestens zwei Wochen mehr als noch im Jahr zuvor.

Zukunftserwartungen sind auf Rekordhoch

Der Südwesten der Republik boomt eben – doch auch in Berlin läuft es für die Bauhandwerker ausgezeichnet. Die Geschäftslage und die Erwartung an die Zukunft sind auf einem Rekordhoch. Die Auftragsbücher sind im Schnitt für zehn Wochen gefüllt, teilte jüngst die Handwerkskammer Berlin mit, die 2017 ein "ausgesprochen starkes Jahr" erwartet.

Neben der guten Konjunktur und den niedrigen Zinsen, gibt es noch einen weiteren Grund für die gestiegene Nachfrage. In vielen Städten herrscht Wohnungsnot. Die Kommunen investieren daher in den Wohnungsbau. Im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit rund 60.000 mehr Baugenehmigungen erteilt als im Jahr zuvor, teilte das Statistische Bundesamt mit. Auch in Berlin wird wieder viel gebaut. "Die Auftragsbücher quellen über und Baumaschinen sind stärker ausgelastet als während des Baubooms nach der deutschen Wiedervereinigung in den 90er-Jahren", teilt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW mit.

Auch energetische Sanierungen gefragt

Nicht nur Neubauten, sondern auch energetische Sanierungen treiben die Nachfrage derzeit deutlich nach oben. Die staatliche KfW-Bankengruppe teilte in ihrem aktuellen Förderreport mit, dass sich die Zahl der Zuschüsse für energieeffiziente Sanierungen von Januar bis März im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt hat. Laut DIW sind die energetischen Sanierungen wegen der zuletzt wieder ansteigenden Energiepreise attraktiver geworden.

Der Arbeitsmarkt im Baugewerbe ist wie leergefegt

Außerdem seien laut DIW zuletzt besonders viele Menschen umgezogen. Wer aus- oder einzieht, lässt oftmals die Wohnung renovieren. Das füllt die Auftragsbücher der Handwerker. Im kommenden Jahr soll die Zahl solcher Arbeiten laut DIW um noch einmal um fünf Prozent steigen. Die langen Wartezeiten gehen jedoch nicht nur auf die vollen Auftragsbücher zurück, sondern auch auf den Fachkräftemangel. "Der Arbeitsmarkt ist wie leer gefegt", sagt Ilona Klein vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB), der unter anderem Fliesenleger, Maurer und Zimmerer vertritt. Die Betriebe fänden nicht genug Mitarbeiter, um die vielen Aufträge abzuarbeiten.

In den vergangenen beiden Jahren ist die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk lediglich um 0,2 Prozent gestiegen. Trotzdem waren laut Daten der Bundesagentur für Arbeit über alle Handwerksberufe hinweg 14.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Unter den zehn Berufen mit den größten Schwierigkeiten beim Nachwuchs sind Klempner, Beton- und Stahlbetonbauer und Gerüstbauer.

Auch demografischer Wandel ein Problem

"Immerhin ist die Quote nicht noch weiter rückläufig", sagt Ilona Klein vom ZDB. Doch das Problem ist damit nicht ausgestanden, denn die Zahl der Mitarbeiter, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, steige. Der demografische Wandel kommt also auch im Handwerk an. "Die Kunden werden sich darauf einstellen müssen, länger auf ihren Handwerker zu warten", sagt Klein.

Für die Kunden hat die hohe Nachfrage neben den deutlich gestiegenen Wartezeiten noch einen weiteren unangenehmen Effekt: Seit 1992 sind die Preise für Handwerkerleistungen laut Branchenverband ZDH nicht mehr so stark gestiegen wie zuletzt. Mehr als ein Viertel der Betriebe rechnet damit, dass sie die Preise weiter erhöhen werden.

Kunden sollten auf Zeitpunkt für Auftrag achten

Auch wenn die Betriebe immer stärker ausgelastet sind, steigt und sinkt die Auftragslage in vielen Handwerksbetrieben mit der Jahreszeit. Das sollten sich Kunden zunutze machen und mit ihrer Anfrage in die Nebensaison ausweichen, rät Daniel Dodt von der Internetplattform "MyHammer". Auf der Webseite schreiben Kunden Aufträge für Handwerkerleistungen aus. In der Hauptsaison meldeten sich darauf im Schnitt drei Betriebe mit Angeboten, in der Nebensaison seien es vier, sagt Dodt. Ein Beispiel ist der Gartenbau: Im Frühjahr fällt vielen Hausbesitzern ein, dass es etwas zu tun gibt und wünschen sich schnelle Abhilfe. Wer schon im Winter, am besten vor Neujahr, den Auftrag vergibt, fährt besser.

Am besten mehrere Angebote einholen

Guter Kontakt zum Handwerker hilft zudem dabei, kurzfristig einen Termin zu bekommen. Zum Beispiel, wenn ein anderer Kunde absagt. In jedem Fall sollten sich Kunden aber mehrere Angebote einholen, rät Dodt. Im Notfall, sind sich Verbände und Unternehmen einig, ist fast immer ein Handwerker zu bekommen. Für einen überfluteten Keller nach einem Rohrbruch oder einen Heizungsausfall finden die meisten eine Lücke im Terminkalender. Noteinsätze müssen aber in der Regel auch entsprechend bezahlt werden.