Solarworld-Pleite

Warum Deutschland bei der Energiewende scheitert

Die Insolvenz von Solarworld steht für den Abstieg der gesamten Branche. Die Bundesrepublik fällt bei der Energiewende zurück.

Solaranlagen stehen auf einer Wiese in Sachsen-Anhalt. Bei der Herstellung der Module haben chinesische Firmen längst die Nase vorn.

Solaranlagen stehen auf einer Wiese in Sachsen-Anhalt. Bei der Herstellung der Module haben chinesische Firmen längst die Nase vorn.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jan Woitas / picture alliance / ZB

Berlin.  Mit einer kargen Meldung räumte der einstige Star der deutschen Sonnenenergie-Branche sein Scheitern ein. Der Vorstand der in Bonn ansässigen Firma Solarworld um Chef Frank Asbeck erklärte, die Gesellschaft sei "überschuldet" und werde "unverzüglich einen Insolvenzantrag stellen". Das verbliebene Kapital der Aktionäre ist damit in großer Gefahr. Die Arbeitsplätze stehen ebenso auf der Kippe. Derzeit beschäftigt Deutschlands größter Zellen- und Modulhersteller etwa 3300 Menschen. Über ihre Zukunft entscheidet bald der Insolvenzverwalter. Die Konkurrenz aus China war schlicht übermächtig geworden.

Die Pleite ist ein Symptom des schlechten Allgemeinzustands der gesamten deutschen Ökostrom-Branche. Mehr noch: sie steht für das Scheitern Deutschlands bei einem seiner wichtigsten Zukunftsprojekte, der Energiewende. Kein Unternehmen in Deutschland steht derart stellvertretend für die wirtschaftlichen Hoffnungen, die mit der Energiewende und der massiven Förderung des Stroms aus erneuerbaren Energien verbunden waren wie Solarworld – jetzt sind von dieser Hoffnung nur noch Scherben übrig.

Nur noch ein Drittel der Jobs in der Branche ist übrig

Nun ist auch der letzte große deutsche Solarkonzern am Ende. Solon in Berlin musste schon 2011 in die Insolvenz, Q-Cells aus Bitterfeld folgte. Auch die US-Firma First Solar hat ihre Zellfertigung in Frankfurt (Oder) eingestellt. Übrig blieben nur wenige kleine Modulhersteller. Von den einst mehr als 100.000 Jobs der Branche ist ein Drittel übrig.

Solarworld war schon längst nicht mehr von entscheidender Bedeutung für den Technologie-Standort Deutschland. Einen Großteil der Produktion und des Absatzes verlagerte Asbeck schon vor Jahren in die USA. Dennoch hat die Pleite Symbolcharakter. Denn viele andere Länder sind an Deutschland in den vergangenen Jahren beim Umbau der Energiewirtschaft im Eiltempo vorbeigezogen.

Im Solarmarkt ist das besonders deutlich. 2016 war ein globales Boomjahr. Anlagen mit einer Leistung von rund 75 Gigawatt wurden weltweit installiert, die Hälfte mehr als im Vorjahr. Das entspricht etwa 250 Millionen handelsüblichen Solarmodulen.

Deutschland ist heute ein Leichtgewicht im internationalen Vergleich

Doch Deutschland, wo in den Rekordjahren die Hälfte der neuen Anlagen weltweit in Betrieb genommen wurde, ist nur noch ein Winzling in diesem Riesengeschäft. Gerade einmal 1,5 Gigawatt gingen hier ans Netz. Zum Vergleich: China lag laut der Internationalen Energie-Agentur bei 34,5 Gigawatt, die USA bei 14,7 und selbst Großbritannien – nicht gerade bekannt für viele Sonnenstunden – bei zwei Gigawatt. Bei den Pro-Kopf-Installationen liegen selbst Länder wie Australien, wo der Kampf gegen den Klimawandel nicht besonders ernst genommen wird, deutlich vor Deutschland.

In Australien sind die Erzeugungsbedingungen zwar deutlich besser als hierzulande. Wind, Sonne und Platz für die Anlagen gibt es im Überfluss. Doch das Beispiel zeigt: Die Vorstellung, dass Deutschland der entscheidende globale Vorreiter bei der Energiewende ist, gehört längst revidiert.

In Arabien, Lateinamerika und Fernost boomen die erneuerbaren Energien

Auch bei der Windkraft haben Amerikaner und Chinesen die Deutschen weit hinter sich gelassen. Am arabischen Golf, in Lateinamerika und in vielen asiatischen Ländern boomen die erneuerbaren Energien. Zum Teil kommen sie mit geringen oder gar keinen Subventionen aus. Denn preislich schlägt laut den neuesten Zahlen des Analystenhauses Lazard vor allem Solar fast alle anderen Erzeugungsarten, auch wenn die Produktion mit der Sonneneinstrahlung schwankt. Hinzu kommt, dass die politische Unterstützung des Kampfes gegen den Klimawandel breitere Unterstützung gefunden hat.

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Deutschland hat früh und zu damals noch enorm hohen Kosten angefangen, Anlagen zu fördern. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung ist deshalb mit rund einem Drittel immer noch vergleichsweise hoch. Doch diese Messlatte für den Fortschritt der Energiewende überflügeln nun mehr und mehr Länder.

Was noch übrig bleibt, ist deutsches Fachwissen

In Großbritannien wird der Wert dieses Jahr womöglich höher liegen. Tageweise bleiben die dortigen Kohlekraftwerke inzwischen komplett ausgeschaltet. Das gab es noch nie. Zu einem Labor der Energiewende ist der Bundesstaat South Australia geworden: Dort machen die erneuerbaren Energien fast die Hälfte der Stromerzeugung aus. Und China ist Deutschland mit 25 Prozent Anteil und gigantischen Ausbauplänen eng auf den Fersen – wenn auch ein guter Teil aus Großwasserkraft stammt.

Deutschlands Unternehmen und Forschungseinrichtungen haben natürlich jede Menge Fachwissen, was erneuerbare Energien angeht. Das Fraunhofer ISE-Institut konnte kürzlich – mal wieder – einen Rekord bei der Effizienz von Solarzellen im Labor aufstellen.

Siemens dominiert den Weltmarkt für Windturbinen, die für den Betrieb auf hoher See geeignet sind. Auch die anderen Windturbinen-Hersteller schlagen sich ordentlich. Im Solarbereich sind hierzulande nach wie vor Komponenten-Hersteller wie die Firma SMA in Kassel, die Wechselrichter baut. Und der einheimische Maschinenbau beliefert einen guten Teil der internationalen Produzenten mit Fertigungsanlagen.

Die Zahl der "grünen Jobs" hatte schon 2012 ihren Zenit erreicht

Doch die Solarworld-Pleite steht symbolisch auch für den Niedergang des Innovationspotenzials in Deutschland. Weltmarktführer ist dieses Land schon lange nicht mehr. Sondern nur noch eines von vielen Ländern, das seine Energiewirtschaft schrittweise auf einen hohen Anteil regenerativer Quellen umstellt – und davon nicht mehr nennenswert durch den Gewinn neuer Arbeitsplätze profitieren kann.

Die Zahl der Jobs im grünen Energiebereich hat schon 2012 mit rund 400.000 ihren Höhepunkt überschritten. Zuletzt waren es laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums nur noch 330.000 Arbeitsplätze. Dabei war es gerade Solarworld-Chef Asbeck, der sich Großes getraut hatte: Dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der rot-grünen Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) wuchs das Unternehmen vor etwa zehn Jahren rapide.

Mit Chinas Einstieg begann Deutschlands Abstieg

Im Jahr 2006 kaufte Asbeck die Solarsparte des niederländisch-britischen Ölkonzerns Shell, 2007 erwarb er von der japanischen Komatsu-Gruppe das Werk in Hillsboro (US-Bundesstaat Oregon). Schließlich verleibte Solarworld sich die Solarfiliale von Bosch samt deren Fabrik im thüringischen Arnstadt ein. 2012 war die Glücksträhne dann zu Ende.

Unter dem Strich stand ein Verlust von mehr als einer halben Milliarde Euro. Die Bundesregierung kürzte die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien, und chinesische Firmen stiegen in den Weltmarkt ein. Deutschlands Abstieg bei der Energiewende begann – und er wird weitergehen.

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