Berlin

Kaspersky unter Spionageverdacht

US-Geheimdienste nehmen russisches Softwareunternehmen ins Visier. Deutsche IT-Experten fordern Beweise

Berlin. 400 Millionen Kunden weltweit nutzen IT-Sicherheitssoftware aus dem Hause Kaspersky. 270.000 Unternehmen vertrauen den Schutzprogrammen des russischen Unternehmens. Sie sollen Firmengeheimnisse und Privatsphären schützen, nicht angreifen. Genau das aber soll passiert sein, behaupten US-Geheimdienste. Der Vorwurf von Spionage und Sabotage steht im Raum. Kaspersky wehrt sich dagegen und wertet sie als politisch motivierte Kampagne.

Schon Ende Januar geriet Kaspersky Lab, die Softwareschmiede des russischen Milliardärs Jewgeni Kaspersky, in die Schlagzeilen. Damals wurde bekannt, dass eine Führungskraft des Unternehmens im Gefängnis saß: Ruslan Stojanow, Chef der Abteilung, die bei Kaspersky Hackerangriffe untersucht. Zusammen mit Stojanow wurde ein ranghoher Agent des russischen Geheimdienstes FSB verhaftet. Landesverrat, lautete der Vorwurf gegen beide. Über die Festnahme seines Cyber-Spezialisten zeigte sich CEO Jewgeni Kaspersky perplex. „Ein sehr merkwürdiger Fall“, sagte der weltbekannte IT-Experte damals dieser Zeitung. „Wir waren sehr überrascht.“ Die genauen Hintergründe des Falls sind bis heute ungeklärt.

Jetzt nehmen amerikanische Geheimdienste die Kaspersky-Sicherheitssoftware ins Visier. US-Behörden befürchten Spionage- und Sabotageakte gegen wichtige US-Systeme. Die Angriffe könnten über Kaspersky-Programme laufen, so die Vermutung.

Die höchsten Ebenen der nationalen Sicherheit sind involviert. Der Chef des US-Auslandsgeheimdienstes NSA, Mike Rogers, sagte vor einem Ausschuss des US-Senats, er sei persönlich einbezogen in die Überwachung Kas­perskys. Das russische Unternehmen reagierte prompt und erklärte, es habe keinerlei Verbindungen zu irgendeiner Regierung. Kaspersky habe niemals einer Regierung bei Cyber-Spionage geholfen und werde das auch nicht tun. Und: „Völlig inakzeptabel ist, dass das Unternehmen zu Unrecht und ohne einen echten Beweis mit falschen Behauptungen beschuldigt wird.“

US-Senator Joe Manchin von den Demokraten sagte bei einer Senatsanhörung zum Thema globale Bedrohungen für die Sicherheit, die Abgeordneten seien „sehr besorgt“ und hätten nachgefragt, ob auf den Rechnern der Dienste Kaspersky-Software laufe. Der Direktor der Digital Intelligence Agency (DIA), Vincent Stewart, verneinte dies – und veranlasste Eugene Kaspersky damit zu einem ironischen Live-Kommentar auf der Internet-Plattform Reddit: „Es tut mir sehr leid, dass diese Herrschaften aufgrund politischer Gründe nicht die beste auf dem Markt verfügbare Software einsetzen können.“ Gemeint war – natürlich – Kas­persky-Software.

Deutsche IT-Experten sehen das Gezerre gelassen. „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Sicherheitsbehörden regelmäßig Software prüfen, gerade wenn es um IT-Sicherheit geht“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder dieser Zeitung. „Sollten die US-Geheimdienste konkrete Anhaltspunkte haben, dass einzelne Programme oder die Software einzelner Hersteller ein Sicherheitsrisiko darstellen, dann ist es wichtig, den Sachverhalt im Detail darzustellen und Beweise auf den Tisch zu legen. Wir brauchen Transparenz, Gerüchte helfen nicht weiter.“ Auch im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sind Kaspersky-Systeme bisher unverdächtig. „Es hat bislang von Kaspersky nach unserem Wissen keinen Datenmissbrauch gegeben.“

Die Amerikaner aber lassen nicht locker. Die US-Heimatschutzbehörde habe einen Geheimbericht über Kas­persky verfasst, berichtet der Sender ABC. Die Bundespolizei FBI untersuche mögliche Beziehungen des Unternehmens zur russischen Regierung.