Nahrungsmittelkonzern

Nestlé will mit gesundem Essen jetzt zu den Guten gehören

Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé ist umstritten. Jetzt will er sein Image aufpolieren. Und dafür an seinem Sortiment arbeiten.

In Lausanne trafen sich die Aktionäre bei derHauptversammlung von Nestlé.

In Lausanne trafen sich die Aktionäre bei derHauptversammlung von Nestlé.

Foto: Laurent Gillieron / dpa

Berlin.  Die Aktionäre auf der Hauptversammlung von Nestlé erlebten an diesem Donnerstag in Lausanne, Schweiz, ein seltenes Ereignis. Nach 50 Jahren im Unternehmen gab der 72-jährige Peter Brabeck-Letmathe die Spitze des Verwaltungsrates ab. Und auch einen neuen Vorstandschef konnten die Anteilseigner erstmals live erleben. Der Deutsche Ulf Mark Schneider lenkt seit Jahresbeginn die Geschicke des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns. Er kommt von Fresenius, einem Chemieunternehmen.

Chemie und Essen. Beides hängt eng zusammen. Denn der Lebensmittelriese will „zum führenden Unternehmen für Ernährung, Gesundheit und Wellness“ werden, wie es Brabeck-Letmathe zum Abschied hervorhob. Nach 150 Jahren plant der Konzern das Image als Produzent von zu fetten, süßen und salzigen Fertigwaren abzustreifen. Das hat einen handfesten wirtschaftlichen Grund. Die Gewinnmargen bei gesundheitsorientierten Nahrungsmitteln sind höher als bei konventionellen Waren.

3500 Nestlé-Produkte in Deutschland erhältlich

Als Konsument in Deutschland kommt man kaum an den Produkten der Schweizer vorbei, die sich unter etlichen Markennamen in den Supermärkten finden. Fertiggerichte von Maggi zählen dazu, Caro-Kaffee, Thomy-Senf, Nudeln von Buitoni oder Wagner-Pizza. Das Edel-Mineralwasser San Pellegrino gehört zum Angebot wie jede Menge Süßwaren und Frühstücksflocken. 3500 Produkte von Nestlé sind auf dem hiesigen Markt erhältlich. Rund 3,5 Milliarden Euro setzt die deutsche Tochter des Marktführers jährlich um.

Umstritten ist das Unternehmen aus vielen Gründen. Schon in den 1970er und 80er Jahren geriet Nestlé in die Schlagzeilen, weil der Konzern in afrikanischen Ländern Milchpulver als Ersatz für Muttermilch anpries. Weil es vor Ort häufig an Bildung und sauberem Wasser fehlte, erkrankten Kinder.

Konzern sicherte sich Rechte an Waser in trockenen Regionen

Entwicklungsorganisationen bemängelten immer wieder fehlende soziale und ökologische Verantwortung des Konzerns. Kritisch sehen sie etwa das Wassergeschäft, weil es den Zugang von Menschen zu sauberem Trinkwasser einschränken könnte. Denn die Schweizer sicherten sich Rechte am Wasser in trockenen Regionen.

Verbraucherschützer monieren wiederum, dass die Fertigmahlzeiten des Nahrungsmittelriesen zu fettig oder zu zuckerhaltig seien. Mit einem Vorstoß für die sogenannte Lebensmittelampel wollte Nestlé gemeinsam mit fünf weiteren globalen Nahrungsmittelherstellern diesem Urteil etwas entgegensetzen. Dabei handelte es sich um eine Kennzeichnung in den Farben Rot, Gelb und Grün, die leicht erkennbar anzeigen soll, ob ein Produkt gesund ist oder darauf eher verzichtet werden kann. Doch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) entdeckte einen erheblichen Schwachpunkt des Vorschlags.

Weniger Zucker, weniger Fett

Die Konzerne wollten die Kennzeichnung auf eine sogenannte Portionsgröße beziehen, nicht aber auf eine leicht vergleichbare Menge wie 100 Gramm. „Der Vergleich des Nährstoffgehalts verschiedener Lebensmittel wird erschwert und kann in die Irre führen“, kritisierte vzbv-Chef Klaus Müller. Denn die Größe einer Portion sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Das schlechte Image wollen die Schweizer nun loswerden. So kündigte Nestlé vor einigen Wochen an, dass der Zuckergehalt in den Produkten durchschnittlich um fünf Prozent sinken solle. Der Salzgehalt wurde bis zum Ende des vergangenen Jahres schon um gut zehn Prozent vermindert. „Die Menschen auf der ganzen Welt wollen ein gesünderes Leben führen“, glaubt Vorstandschef Schneider.

Technologisch ist Nestlé mittlerweile in der Lage, Schokolade mit 40 Prozent weniger Zucker herzustellen. „Das ist der Forschungsstand in unserem Haus“, sagte der Deutschland-Sprecher des Konzerns, Alexander Antonoff. Nicht mehr Kalorien, sondern „bessere“ Kalorien seien im wohlhabenden Teil der Welt gefragt, erläuterte Brabeck-Letmathe den neuen Kurs von Nestlé.

Spezialnahrung gegen Krankheiten

Vegetarische Fertiggerichte sind ein Beispiel für diese Strategie. Und gemeinsam mit dem Elektronik-Konzern Samsung wird eine Gesundheitsplattform entwickelt, die Verbrauchern Tipps für einen gesunden Lebens- und Ernährungsstil bietet, zum Beispiel das Essen auf den Gehalt von Salz, Zucker, Fett oder Nährstoffe analysiert. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll ein „digitales Ernährungsprofiling“ möglich sein, das die Nährstoffaufnahme berechnen und daraus abgeleitet individualisierte Empfehlungen geben kann.

Darüber hinaus konzentriert sich Nestlé auf Spezialernährung, die Krankheiten entgegenwirken, etwa Diätprodukte für Diabetiker. Mit Angeboten rund um die Gesundheit erhofft sich das Unternehmen eine Rückkehr zu kräftigen Wachstumsraten. Allein die Erlöse aus medizinischer Ernährung und Hautpflege sollen sich auf rund neun Milliarden Euro mehr als verdoppeln.

Konzern bleibt Nummer eins vor Coca Cola

Nötig sind solche Wachstumsfantasien. Die Umsatzentwicklung ließ in den vergangenen Jahren zu wünschen übrig. Weltweit erwirtschaftete Nestlé 2016 mit fast 330.000 Beschäftigten rund 84 Milliarden Euro. Knapp acht Milliarden Euro blieben als Gewinn übrig. Ursprünglich peilte der Vorstand ein Wachstum zwischen fünf und sechs Prozent im Jahr an.

Im vergangenen Jahr kam mit 3,2 Prozent zwar auf dem Papier noch ein Plus heraus. Doch Währungseffekte fraßen die Hälfte des Zuwachses wieder auf. Und bis die Zielmarke erreicht wird, dauert es noch Jahre, wie der neue Vorstandschef weiß. Dennoch bleiben die Schweizer auch so vor Coca Cola die Nummer eins unter den Lebensmittelkonzernen der Welt.