Interview

Tui-Chef Friedrich Joussen wirbt für Türkei als Urlaubsland

Tui-Chef Friedrich Joussen über veränderte Reisegewohnheiten in Zeiten des Terrors, aufstrebende Regionen und den Kreuzfahrt-Boom.

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Berlin.  Terrorgefahr in einigen beliebten Urlaubsregionen, ausgebuchte Hotels in anderen – das Geschäft mit dem Fernweh ist derzeit nicht so einfach. Tui-Chef Friedrich Joussen erklärt, wo die Reise des größten Touristikkonzerns der Welt hingeht.

Wo bekommt der Deutsche derzeit das beste Preis-Leistungsverhältnis, den Topurlaub für kleines Geld?

Friedrich Joussen: Da liegt die Türkei weit vorne. Die türkische Mittelmeerküste hat wunderschöne Parklandschaften, die Hotels haben lange Strände, klares Wasser. Gastfreundschaft und Service bei den Hotelmitarbeitern sind sehr ausgeprägt.

Aber wir haben die Sorge vor islamistischem Terror, jetzt eine echte diplomatische Krise – wie stark wirkt sich das auf Ihr Türkei-Geschäft aus?

Joussen: Das haben wir im vergangenen Jahr schon gespürt. Normalerweise reisen zwei Millionen Kunden jährlich mit uns in die Türkei, im vergangenen Jahr waren es eine Million. In diesem Jahr wird es wahrscheinlich ähnlich sein wie 2016. Interessant ist, dass sich die Urlauber, die in der Türkei waren, sehr positiv äußern. Wenn die Hälfte der Urlauber nicht mehr kommt, dann ist jeder Hotelier doppelt bemüht. Und die Preise sind vergleichsweise günstig. Der empfundene Wert des Urlaubs ist für die Gäste hoch.

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Wie spürt TUI die Folgen des Terrors?

Joussen: TUI ist sehr breit und international aufgestellt. Wir sind in mehr als 100 Ländern aktiv, da finden wir für den Kunden immer attraktive Länder.

Aber es wird doch Verschiebungen geben.

Joussen: Natürlich. Die gab es bereits, vor allem vom östlichen in das westliche Mittelmeer. Auf die Anschlägen in Ägypten, Tunesien und der Türkei haben die Urlauber mit Zurückhaltung reagiert. In Ägypten und Tunesien geht es wieder leicht aufwärts. Statistisch gesehen ist weiter die Anfahrt mit dem Auto zum Flughafen der gefährlichste Teil der Reise, die Wahrscheinlichkeit eines Verkehrsunfalles ist deutlich höher als ein terroristischer Anschlag am Urlaubsort.

Wer sind die Gewinner des Reisens in Zeiten des Terrors?

Joussen: Spanien. Mit Abstand. Teilweise konnten Sie zwar einen Flug buchen, aber kein Hotel mehr bekommen. Also sind die Flugzeuge nur zu ungefähr 70 Prozent voll gewesen, weil die Gäste ohne Hotel doch nicht nach Spanien fliegen wollten. Bei TUI sind wir mit eigenen Hotels und unseren sechs Fluglinien im Konzern anders aufgestellt, wir planen Flugzeuge und Hotels zusammen. Das garantiert eine hohe Auslastung sowohl für die Flugzeuge als auch für die Hotels. Und natürlich sind die Preise in Spanien spürbar angestiegen. Drei Sterne mit Frühstück in Spanien sind preismäßig fünf Sterne in der Türkei. Deshalb habe ich eine klare Botschaft. Wer gut verdient, muss in die Qualität investieren. Wir haben das bei unsern Hotelgesellschaften wie RIU getan, aber längst nicht alle Hoteliers investieren jetzt höhere Gewinne in die Qualität ihrer Hotels.

Wohin reisen TUI-Urlauber am liebsten?

Joussen: Mit großem Abstand führt Spanien. Dann kommen die griechischen Inseln: Rhodos, Kos, Kreta. Griechenland erlebt in diesem Jahr eine echte Renaissance und ist ein tolles Land. Auf den nächsten Plätzen weiterhin die Türkei. Und dann kommt ganz viel Fernstrecke dazu, vor allem die Karibik. Das ist der neue Trend.

Wohin?

Joussen: Mexiko, Dominikanische Republik, Jamaika.

Wo liegen die stärksten Wachstumsmärkte?

Joussen: Am stärksten wachsen wir auf Jamaika. Durch die modernen Flugzeuge wie den Dreamliner von Boeing können Sie relativ günstig in die Karibik reisen. Die Karibik ist heute von den Preisen mit den Kanaren vergleichbar. Auch Mexiko wächst stark, mit unserer Hotelgesellschaft RIU bauen wir bis 2020 vor Ort sechs neue Hotels. Das zeigt das Potenzial.

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Was kostet ein Fünf-Sterne-Hotel?

Joussen: Kommt darauf an, in welchem Land. Grob liegen die Kosten pro Zimmerschlüssel bei 150.000 bis 200.000 Euro. Das macht etwa 100 Millionen Euro bei 500 Zimmern für ein modernes Fünf-Sterne-Hotel in der Karibik.

Sie wachsen auch kräftig bei Kreuzfahrten. Wie lange hält der Boom an?

Joussen: Wir erhalten momentan jedes Jahr ein neues Kreuzfahrtschiff. Bei Hapag Lloyd Cruises kommen zwei neue Expeditionsschiffe im Jahr 2019, bei TUI Cruises kommt dieses Jahr Mein Schiff 6 und zwei weitere in 2018 und 2019. Bei unserer britischen Tochter Thomson Cruises haben wir seit 2016 begonnen die Flotte zu erneuern und werden sie weiter ausbauen. Ich sehe hier in Europa einen Wachstumsmarkt für die nächsten zehn Jahre. Kreuzfahrt heute ist das Hotel auf dem Wasser, es sind häufig moderne Städtetrips. Sie sehen in zehn Tagen fünf oder sechs Länder und haben den Komfort des Schiffes. Auf den neuen Schiffen haben 80 Prozent der Kabinen einen Balkon, da können die Urlauber morgens draußen stehen und in Ruhe ihren Espresso trinken. Auch gute Sport- und Fitness-Angebote sind für unsere Kunden extrem wichtig. Sie gehen dann auf eine Tour, zum Beispiel in die norwegischen Fjorde, machen Ausflüge und müssen nicht umziehen – denn das Schiff als Hotel reist mit. Das finden die Urlauber zunehmend gut – vor allem auch neue Zielgruppen wie Familien. Die Kreuzfahrt wird jünger. Und das wird weiter gefragt sein. Im internationalen Vergleich sind die Amerikaner noch wesentlich stärker. Wir erwarten, dass Deutschland den Abstand aufholen wird.

Was ist für sie als Unternehmer das attraktivere Produkt, Schiff oder Hotel?

Joussen: Kreuzfahrt ist ein tolles Produkt.

Aber teuer.

Joussen: Unsere heutigen Kreuzfahrtschiffe mit 2000 bis 2500 Betten kosten rund 500 Millionen Euro. Wir lassen im finnischen Turku bauen – die Werft gehört inzwischen zur Meyer Werft Papenburg. Sie brauchen 100 Millionen Euro Eigenkapital. Den Rest finanziert eine Bank in Finnland. Weil an den Werften viele Arbeitsplätze hängen, bekommen Sie gute Finanzierungskonditionen, das heißt Sie haben zwei oder 2,5 Prozent Zinsen. Und Sie müssen den Gesamtpreis erst bezahlen, wenn das Schiff ausgeliefert wird. Dann haben sie schon 70 Millionen Euro Anzahlung für Buchungen eingenommen. Sie setzen also einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag bei einem solchen Schiff ein. Der Gewinn nach Steuern liegt bei etwa 50 Millionen Euro. Sie brauchen allerdings 100 Prozent Auslastung. Das heißt ihr Produkt, ihr Service, die Ausflüge, das Wellness- und Gastronomieangebote müssen top sein, dann erreichen sie diese Auslastung.

Wo liegt die Auslastung bei Ihnen?

Joussen: Im Schnitt liegt die Auslastung bei TUI Cruises bei mehr als 100 Prozent – wegen der Zustellbetten für Kinder. Die normale Belegung sind 97 Prozent plus drei, vier Prozent durch Zustellbetten.

Was kostet das?

Joussen: Mein Schiff liegt bei circa 170 Euro pro Nacht und Bett. Diese Schiffe sind premium all inclusive. Das heißt, der Urlauber muss auf dem Schiff nichts mehr bezahlen. Er kann Leistungen hinzubuchen, muss aber nicht. Die Europa 2, mit fünf Sternen plus das Luxus-Segment, liegt bei 600 Euro pro Nacht und Bett.

Viele Branchen sehen sich durch Digitalisierung dramatischen Veränderungen ausgesetzt. Gibt es etwas, was ihr Geschäft schwieriger macht?

Joussen: Vieles. Als ich gekommen bin ...

...2013...

Joussen: … waren wir im Schwerpunkt ein Reiseveranstalter, also ein Handelsunternehmen. Wir haben Hotelzimmer ge- und verkauft. Aber ein reines Handelsunternehmen hat praktisch keine Zukunft in der digitalen Welt. Wir haben also umgebaut: Wir sind vertikal integriert. Wir nutzen unser früheres Kerngeschäft des Reiseveranstalters in zunehmendem Maße als Vertrieb und für Marketing und Werbung, um unsere eigenen Hotels gut zu belegen. Und die Schiffe. Geld verdienen wir jetzt stärker mit unseren Hotels und Schiffen, 2016 waren es schon 50 Prozent des Konzernergebnisses. Wir verdienen da Geld, wo die digitalen Plattformen wie Book-ing.com nicht sind. Denn wer über Booking bucht, muss am Ende auch in einem Bett schlafen – zum Beispiel in einem von unseren. Unsere Produkte sind Hotels und Kreuzfahrten. Hier können sie differenzieren zum Wettbewerb, weil sie Qualität, Größe, Design, Service selbst bestimmen. In der Online-Welt muss das Produkt unterscheidbar bleiben, reine Händler werden sich da sehr schwer tun.

Der irische Billigflieger Ryanair will künftig auch Pauschalreisen anbieten – wächst da ein mächtiger Konkurrent?

Joussen: Ich halte das für einen PR-Gag. Ryanair lebt von einfachen Strukturen und sehr schlanker Kostenstruktur. Die Komplexität von Pauschalreisen ist nicht deren Ding.

Ryanair will auch extrem standardisierte Produkte anbieten.

Joussen: Aber das Unternehmen braucht Zwischenvermittler, die alle etwas verdienen wollen. Das kann nicht günstig sein. Ich sehe für uns keine ernsthafte Konkurrenz. Problematischer ist das erhebliche Überangebot an Flugkapazität in Deutschland. Darunter leiden vor allem Air Berlin, Lufthansa, Eurowings.

Den Kunden freuen niedrige Preise.

Joussen: Wenn eine Taxifahrt von Düsseldorf nach Köln teurer ist als ein Flug von Düsseldorf nach Mallorca, dann kann doch etwas nicht stimmen. Das ist kein gesunder Markt. Wir leiden etwas weniger, weil wir überwiegend Flug und Hotel zusammen vermarkten. Und weil wir einige Maschinen unserer deutschen Fluggesellschaft TUIfly an Air Berlin vermietet haben.

Bald nicht mehr. Künftig sollen die Maschinen Ihrer Tochter TUIfly und der Air-Berlin-Tochter Niki in einer gemeinsamen Flotte fliegen. Wann heben die ersten Maschinen des neuen Ferienfliegers ab?

Joussen: Beide Vorstände und Aufsichtsräte haben eine Vereinbarung geschlossen. Jetzt wird der Vertrag im Detail verhandelt. Ich bin pragmatisch: Tinte ist trocken, wenn sie trocken ist.

Das Geschäft ist noch nicht sicher?

Joussen: Bei Vertragsverhandlungen gilt Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Und das ist nun einmal ein sehr komplexer Vertrag.

Sie wollten doch im Sommer starten.

Joussen: Das Auslagern einer Fluggesellschaft in ein Gemeinschaftsunternehmen ist mit das Komplexeste, was Sie machen können. Ethiad, TUI, Air Berlin, Niki - hier sind vier Unternehmen betroffen und parallel soll das Geschäft erfolgreich weiterlaufen. Der Regulierer muss prüfen und zustimmen. Der Plan macht ganz viel Sinn. Ich habe aber auch Dinge erlebt, die ganz viel Sinn gemacht haben, und wo man sich dann in Einzelfragen verhakte. Unsere Airline-Sparte im Konzern, TUIfly und TUI Deutschland arbeiten intensiv daran, dass dieser Fall nicht eintritt. Ich verstehe, dass manche Fragen ihre Zeit brauchen. Nichts ist schlimmer als ein zu schnell verhandelter schlechter Vertrag.

TUI hält noch 12,3 Prozent an der Container-Linie Hapag-Lloyd. Wollen Sie ihre Anteile abstoßen? Wenn ja, wann?

Joussen: Wir verkaufen die, wenn sich ein geeigneter Käufer findet. Die Aktie hat sich schön entwickelt. Sie steht mit 16 Euro in den Büchern, beim Börsengang hatten wir 20 Euro, jetzt sind wir um die 30 Euro. Weil die Papiere ein niedriges Handelsvolumen haben, können wir unseren Anteil nicht einfach über die Börse verkaufen, das geht besser mit strategischen Investoren. Wir bewerten alle Optionen. Auch hier gilt: Schnell ist nicht gleich clever.

Zu welchem Preis?

Joussen: Uns wurde bereits geraten bei 20 Euro zu verkaufen. Das haben wir abgelehnt. Die Synergien heute aus der Fusion mit CSAV und UASC erscheinen größer als der gesamte Unternehmenswert von Hapag-Lloyd. Wir warten das ab.

Wird die Reederei angesichts der Marktkonsolidierung noch weitere Partner benötigen?

Joussen: Die Nummer eins der Welt, Maersk, hat auch Hamburg-Süd zugekauft. Größe zählt. TUI hat nur eine Finanzbeteiligung, aber ich glaube, Hapag-Lloyd ist sehr gut unterwegs.

Wo können Sie wirklich entspannen?

Joussen: Auf Juist zum Beispiel oder auf Kreta und Zypern im April oder Oktober. Und natürlich beim Sprung in den Barbara-see meines Heimatvereins, des ASC Duisburg.

• Der Manager

Friedrich Joussen, 53, leitet TUI seit 2013. Der Manager steuerte zuvor sieben Jahre lang Vodafone Deutschland, die größte Landesgesellschaft des Telekommunikationskonzerns. Bei TUI löste er die Doppelstruktur aus deutschem und britischen Unternehmensteil auf und baut den Konzern vom Handelshaus zum Betreiber von Hotels, Flugzeugen und Schiffen um.

• Der Konzern

TUI mit Sitz in Hannover und Berlin ist der größte Touristikkonzern der Welt. Im Geschäftsjahr 2015/16 (30. September) setzte er im Kerngeschäft rund 17 Milliarden Euro um, der Gewinn betrug hier 465 Millionen Euro. TUI beschäftigt rund 67.000 Mitarbeiter. Der Konzern betreibt mehr als 300 Hotels weltweit. Derzeit sind 14 Kreuzfahrtschiffe für den Konzern unterwegs. Zudem gehört TUI eine Flotte von mehr als 140 Flugzeugen.