Berlin

Bittere Pille für Online-Apotheken

Deutsche Anbieter trifft das geplante Versandverbot rezeptpflichtiger Arznei, obwohl sie umstrittene Rabatte gar nicht gewähren

Berlin.  Es summt, klackt, piepst und rattert. Aspirin, Schmerzsalben, Schlafmittel, Pflaster, Vitamine: Tausende bunte Schachteln werden in einer Lagerhaller der Onlineapotheke Aponeo im Osten Berlins jeden Tag geliefert, gescannt, geprüft und verschickt. Was nicht automatisch abläuft, erledigen Mitarbeiter von Hand. Mittendrin steht Gründer Konstantin Primbas und freut sich, dass das Geschäft floriert – noch möchte man hinzufügen.

Primbas ist einer von rund 150 Versandapotheker in Deutschland und damit Teil eines Streits, dessen Ausgang schwere Folgen für sein Geschäft haben könnte. Seit einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs im vergangenen Herbst ist der deutsche Apothekenmarkt in Aufruhr. Das Gericht urteilte, dass ausländische Versandapotheken, wie Doc Morris oder Europa Apotheek aus den Niederlanden, Rabatte auf rezeptpflichtige Medikamente gewähren dürfen.

Ein Problem für die inländischen Apotheker, denn sie dürfen weiterhin den Medikamentenpreis nicht drücken, müssen sich weiterhin an die gesetzliche Preisbindung halten. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) fürchtet nun die Billigkonkurrenz aus dem EU-Ausland und fordert ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtiger Arznei. Einen Verbündeten hat sie in Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) gefunden. Der Minister will noch vor der anstehenden Bundestagswahl den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten per Gesetz verbieten.

Auch Konstantin Primbas wäre vom geplanten Verbot betroffen – obwohl er die Rabatte, um die es geht, als deutscher Apotheker gar nicht anbieten darf. "Ungerecht" findet der Gründer von Aponeo das. "Ein ernsthafter Mensch kann so etwas gar nicht fordern", schimpft Primbas. Der Pharmazeut hat die Onlineapotheke 2006 gegründet, zwei Jahre nachdem der Versandhandel mit Medikamenten in Deutschland erlaubt wurde.

Frei verkäufliche Produkte wichtiger als Arznei auf Rezept

Heute hat Aponeo 85 Mitarbeiter und 1,6 Millionen Kunden, die mehr als 140.000 Produkte online bestellen und sich nach Hause liefern lassen können. Mehr als 4000 Pakete verlassen jeden Tag die Halle der Berliner Zentrale. Aponeo, mit rund 50 Millionen Umsatz im vergangenen Jahr, verortet sich unter den größten zehn deutschen Versandapotheken.

Der Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten machen nur zwei Prozent der Bestellungen bei Aponeo aus. Das klingt wenig. Für den Unternehmer ist das aber durchaus eine relevante Größe. "Das Verbot würde mich hart treffen", fürchtet der Aponeo-Chef. Denn es geht nicht allein um den ausbleibenden Umsatz, sondern um Informationen über die Kundschaft, die ihm dann fehlen. Wenn er nicht mehr wisse, welche Medikamente seine Kunden nehmen, kenne er sie schlechter, sagt Primbas. Vermutlich kann er das Geschäft dann schlechter steuern.

Den Großteil seines Umsatzes macht Primbas mit OTC-Medikamenten – apothekenpflichtigen, aber rezeptfreien Arzneimitteln, die "over the counter", also über den Ladentisch verkauft werden dürfen. Der Rest des Umsatzes entfällt auf den Verkauf von Kosmetikprodukte, Nahrungsergänzungsmittel und homöopathische Präparate.

Wie Primbas geht es vermutlich den übrigen 3000 Apothekern in Deutschland, die eine Genehmigung für den Medikamentenversand haben. Etwa 150 davon betreiben laut Bundesverband deutscher Versandapotheken (BVDVA) einen "ernst zu nehmenden" Versandhandel. 1,56 Milliarden Euro setzten Versandapotheker mit OTC-Präparaten 2016 um. Von den rund 36 Milliarden im Jahr, die gesetzliche Krankenkassen für Medikamente bezahlen, entfallen ein bis zwei Prozent auf die Versandapotheken.

Mit 13 bis 15 Prozent ist ihr Marktanteil aber auch bei den frei verkäuflichen Produkten "überschaubar", wie Udo Sonnenberg, Geschäftsführer des BVDVA, erklärt. Angesichts dieser Marktlage stellt sich die Frage, ob Versandapotheken überhaupt eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Apotheke um die Ecke sind – anders formuliert: Braucht es das Verbot überhaupt? "Dass Versandapotheken Präsenzapotheken ernsthaft gefährden", sagt Sonnenberg, "ist wirklich an den Haaren herbeigezogen". Für ABDA allerdings sind die geringen Anteile der Onlineapotheken kein Grund für Entwarnung: "Bisher ist der Anteil des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Präparaten nicht groß", sagt ABDA-Sprecher Reiner Kern, "aber wenn man nicht gegensteuert, kippt der Markt irgendwann.

Wenn die Preisbindung für ausländische Apotheken nicht gilt, müssen wir davon ausgehen, dass ein Rutschbahneffekt einsetzt." Nach Steuern erwirtschaften Apotheken laut ABDA durchschnittlich 136.000 Euro im Jahr. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der rund 20.000 Apotheken in Deutschland sei wirtschaftlich nicht stark genug, einen eventuellen Preiskampf zu überstehen, sagt Kern. "Aber diese Apotheken, oft in Randlagen oder Kleinstädten, mit wenig Personal, tragen sehr viel Versorgungslast." Wenn Apotheken, die der Konkurrenz durch den Onlinehandel nicht standhalten können, wegfallen, werde das Netz ausgedünnt und die Versorgung schlechter, heißt es vom Verband. Das Verbot des Versandhandels der Arznei auf Rezept sei daher "alternativlos", sagt Kern.

Gesundheitsökonom Gerd Glaeske hält diese Sorgen für übertrieben: "Es gibt keine Belege für eine schlechtere Versorgung wegen der Onlineapotheken. Es erstaunt mich immer wieder, mit wie wenig Evidenz hier Sachen verbreitet werden." Ein Verbot des Versands von rezeptpflichtigen Mitteln hält er nicht für sinnvoll.

"Der Onlineversand hat dazu bei­getragen, den Zunftgedanken der Apotheker aufzubrechen", sagt Glaeske. "Und er kommt den Präferenzen der Kunden entgegen – sei es, weil man auch nach Feierabend bestellen kann oder weil eine stationäre Apotheke doch nicht so anonym ist, wie man sich das bei sensiblen Präparaten vielleicht wünscht. Diese Möglichkeiten sollten offengehalten werden." Konstantin Primbas wünscht mittlerweile vor allem eine Sache: Ein schnelles Ende der nun schon sein Monaten andauernden Unsicherheit.

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