Prozess

25.000 Frauen verloren ihren Job – Schlecker-Prozess beginnt

Die Drogerie-Familie muss sich fünf Jahre nach der Konzernpleite vor Gericht verantworten. Ein Vorwurf lautet betrügerischer Bankrott.

Die Letzte macht das Licht aus: Eine Mitarbeiterin der Drogeriekette Schlecker reißt das Firmelogo von der Eingangstür einer Filiale in Hannover (Archivbild).

Die Letzte macht das Licht aus: Eine Mitarbeiterin der Drogeriekette Schlecker reißt das Firmelogo von der Eingangstür einer Filiale in Hannover (Archivbild).

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin/Stuttgart.  Wie Anton Schlecker heute aussieht, das wissen wohl nur ganz wenige. Seit Jahrzehnten lebt der Unternehmer zurückgezogen, abgeschottet in seinem Anwesen im schwäbischen Ehingen. Die letzten offiziellen Bilder des Firmenchefs stammen aus den 90er-Jahren. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit könnte am Montag ein Ende haben. Fünf Jahre nach der Pleite der Drogeriekette beginnt vorm Landgericht Stuttgart der Prozess gegen die Schlecker-Familie.

Der Fall ist kompliziert. Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker betrügerischen Bankrott vor. Er soll mithilfe seiner Frau Christa (69) und seiner beiden Kinder Lars (45) und Meike (43) vor der drohenden Insolvenz Vermögen in 36 Fällen beiseitegeschafft haben.

Anton Schlecker droht mehrjährige Haftstrafe

Geld, das den Gläubigern am Ende fehlte. Hinzu kommen Vorwürfe zu falschen Angaben zur Unternehmensbilanz und vor einem Insolvenzgericht. Neben der Familie stehen auch zwei Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, die Bilanzen testiert zu haben, obwohl sie von Manipulationen gewusst haben sollen.

Die Familie soll Anton Schlecker in mehreren Fällen dabei geholfen haben, dem Unternehmen Vermögenswerte zu entziehen, teilt die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit. Hinzu kommt, dass Lars und Meike Schlecker sich vermutlich hohe Gewinne ausschütten ließen, obwohl sie wussten, dass in diesem Geschäftsjahr nur Verluste gemacht wurden. Fragwürdig sind außerdem Zahlungen in Höhe von mehr als 70.000 Euro von Geschäftskonten auf das Privatkonto ihrer Mutter.

Konkurrenz machte Einkauf von Hygieneartikeln zum Erlebnis

Die Insolvenz war ein schleichender Prozess. Über Jahrzehnte liefen die Geschäfte gut, die Spitzenumsätze lagen bei über sieben Milliarden Euro. Schließlich bediente Schlecker die alltäglichen Bedürfnisse der Kundschaft: Shampoo, Babynahrung, Putzmittel, Toilettenpapier – alles relativ preiswert und bundesweit in knapp 2000 Filialen zu haben.

Doch dann kam der Onlinehandel, die Konkurrenz wurde stärker. Dm, Rossmann oder auch die Filialen der Müller Drogerie machten den Einkauf von Hygieneartikeln zum Shopping-Erlebnis. Schlecker zog nicht mit.

Mitarbeiter als lästiges Übel

Experten sprechen von einer „Blase“, in der die Familie lebte. Alle Entscheidungen konzentrierten sich auf die Familie. Die Mitarbeiter waren für die Leitung vermutlich eher ein lästiges Übel, als die Treiber für den Erfolg. „Ein überholtes Geschäftsmodell kombiniert mit einer unheilvollen Unternehmenskultur haben zum Ende der Firma geführt“, sagt Roland Alter, Professor für Unternehmensführung an der Hochschule Heilbronn. Die tragische Geschichte Schleckers sei ein Beispiel, dass eine gute Führungsebene, die Mitarbeiter fördert und motiviert, in Unternehmen zwingend nötig sei.

Viele wollten die drohende Schlecker-Pleite nicht wahrhaben – auch die Politik nicht. „Staatlicherseits hat man Fehlentwicklungen zu lange ignoriert“, sagt Alter. Der Strategieexperte beschäftigte sich über einen langen Zeitraum mit der insolventen Drogerie­kette. „Wir müssen in solchen Fällen künftig frühzeitiger reagieren.“

Viele Entlassene fanden keine festen Stellen mehr

Mit der Schlecker-Pleite verloren mindestens 25.000 Mitarbeiter ihre Jobs. Allein in Berlin wurden etwa 190 Filialen mit 1300 Mitarbeitern geschlossen. Die meisten waren Frauen, viele davon zwischen 40 und Mitte 50 Jahre alt und seit Jahren für Schlecker im Dienst. Viele konnten nach der Pleite nur mit befristeten Jobs oder Aushilfsstellen ihren Unterhalt verdienen.

Ehemalige Schlecker-Mitarbeiterin hofft auf Entschädigung
Ehemalige Schlecker-Mitarbeiterin hofft auf Entschädigung

Unvergessen sind die Proteste der Schlecker-Frauen, die Berichte über die Schicksale der Mitarbeiterinnen. Heute wollen die meisten nicht mehr über das Ende „ihrer“ Schlecker-Filiale sprechen. „Ich habe mit dem Fall abgeschlossen“, hört man ehemalige Mitarbeiterinnen sagen. Auch zum Prozess wollen sich die meisten nicht mehr äußern, geschweige denn im Landgericht Stuttgart auftauchen.

Schlecker war auch immer Treffpunkt der Nachbarn

Wer bei Schlecker arbeitete, litt zwar unter den strengen Unternehmensregeln – aber man gehörte zur Familie. In Kleinstädten, auf dem Land war Schlecker Treffpunkt für die Nachbarn, Klatsch und Tratsch aus der Provinz machten die Runde, jeder kannte die Verkäuferinnen.

Mit dem Aus brach für die Mitarbeiterinnen nicht nur der Job weg, sondern auch ein Stück Lebensinhalt. Viele fühlten sich über den Tisch gezogen, als Verlierer jahrelanger loyaler Arbeit trotz widriger Umstände.

Juristische Aufarbeitung wichtig

„Es ist wichtig, dass das Geschehen juristisch aufgearbeitet wird“, sagt Eva Völpel von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Sie spricht allenfalls von einer symbolischen Genugtuung für die Mitarbeiterinnen, falls Schlecker verurteilt wird.

Auf Entschädigungen oder sonstige Forderungen aus der Insolvenzmasse können die Beschäftigten kaum hoffen. Sie stehen ganz am Ende der Liste der Gläubiger. Hauptgläubiger ist die Bundesagentur für Arbeit. Sie hat Insolvenzgelder in Millionenhöhe ausgezahlt.

Strafe für Anton Schlecker könnte hoch ausfallen

Bis ein Urteil ergeht, werden Monate vergehen, vielleicht Jahre. Hunderte Akten wurden von den Ermittlern ausgewertet und Beweismaterial gesichtet. Experten vermuten, dass die Aufarbeitung der verstrickten Details viel Zeit koste. Bisher sind 26 Verhandlungstage bis Oktober am Landgericht Stuttgart angesetzt.

Die Strafe – vor allem für Anton Schlecker – könnte drastisch ausfallen. Der Unternehmer hatte seine Firma als „eingetragener Kaufmann“ geführt. Damit haftet er mit seinem Privatvermögen voll für die Firma – und war mit der Insolvenz selbst pleite. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft, wird ihm der sogenannte schwere Bankrott nachgewiesen.