Dieselaffäre

Nach Abgas-Update gibt es wieder Probleme mit VW-Autos

Dutzende Autofahrer berichten über technische Mängel an ihrem Volkswagen nach der Rückrufaktion. Dem Konzern drohen erneut Klagen.

Volkswagen hat erneut mit dem Unmut von Kunden zu kämpfen.

Volkswagen hat erneut mit dem Unmut von Kunden zu kämpfen.

Foto: KACPER PEMPEL / REUTERS

Wolfsburg.  Eine positive Nachricht sollte verkündet werden nach der Sitzung des Volkswagen-Aufsichtsrates am Freitag. Die Schere beim Gehalt zwischen denen von Managern und den einfachen Werktätigen sollte etwas kleiner werden. Der Chef des VW-Vorstands soll höchstens zehn Millionen Euro Gehalt pro Jahr bekommen. Für die anderen Vorstandsmitglieder soll ein geringeres Limit gelten.

Doch kurz vor der freudigen Durchsage verhagelte eine Hiobsbotschaft den Aufsehern und der Konzernspitze das Wochenende: Der Abgasbetrug lässt sich technisch offenbar nicht so einfach zurückdrehen wie gedacht. Es gibt Probleme bei der Nachrüstung. Einige Autos springen danach nicht mehr an. Deshalb gibt es bereits neue Klagen. Es geht um beschädigte Abgasrückführungssysteme, um die wichtige Frage, ob die Nachrüstung das Problem wirklich behebt – und damit für Volkswagen wieder einmal um alles. Denn vom Rückruf betroffen sind rund 2,5 Millionen Fahrzeuge der Konzernmarken VW, Audi, Seat und Skoda.

Probleme mit der Abgasrückführung

Kunden berichten über Folgeschäden, die durch die Veränderungen an der Motorsteuerung entstanden sein sollen. Die Düsseldorfer Anwaltskanzlei Rogert & Ulbrich, die nach eigenen Angaben rund 1500 VW-Kunden vertritt, berät aktuell auch rund 50 Mandanten, die nach einer Umrüstung Probleme mit der Abgasrückführung (AGR) bekamen.

Weil weist Vorwürfe von Piech zurück

"Ich bedauere zunächst sehr, dass ein Mann mit unbestreitbaren Verdiensten wie Herr Ferdinand Piech inzwischen zu Mitteln greift, die man neudeutsch eigentlich nur als Fakenews bezeichnen kann. Ich kenne seine Behauptungen, mit denen er Vorwürfe gegen die diverse Mitglieder des VW-Präsidiums und gegen mich erhoben hat, seit einigen Monaten. Sie sind nicht bewiesen und sie sind nicht beweisbar. Das ist nicht nur meine Bewertung, sondern das ist auch das Ergebnis einer unabhängigen Untersuchung, die bekanntlich im Zusammenhang mit Dieselgate von der amerikanischen Anwaltsfirma Jones Day intensiv durchgeführt worden ist. Das Ergebnis dieser Bewertungen lautete, die Behauptung von Herrn Piech sei unglaubwürdig und auch unwahr. Für meine Person kann ich das ausdrücklich bestätigen. Ich habe im Frühjahr 2015 von keiner Seite Hinweise darauf erhalten, es gebe eine unzulässige Einflussnahme von Volkswagen auf Schadstoffwerte. Und es bleibt bei dem, was ich von Anfang an gesagt habe, dass ich nämlich Mitte September 2015 erstmals durch die Aktivitäten des amerikanischen Justizministeriums von diesem Problem erfahren habe. Insofern habe ich gegenüber dem, was ich seitdem immer wieder betont habe, keinerlei Abstriche zu machen, und es bleibt auch jetzt dabei."
Weil weist Vorwürfe von Piech zurück

Das Problem: Dieselmotoren wie der EA 189 von Volkswagen leiten während der Fahrt Teile des Abgases zurück in den Motor, um die Verbrennung des Kraftstoffes zu optimieren. Das Verfahren birgt allerdings einen Zielkonflikt: Entweder entstehen mehr Stickoxide (NOx) oder mehr Rußpartikel. Volkswagens Ingenieure hatten sich bei den manipulierten Dieseln anfangs entschieden, die Software so zu justieren, dass niedrige NOx-Werte nur auf Prüfständen erreicht wurden, im Praxisbetrieb jedoch weniger Ruß entstehen sollte. Das ist nun, nach dem Update, anders und kann dazu führen, dass jetzt mehr Partikel im dafür eingebauten Filter hängenbleiben.

Erste Panne 100 Kilometer nach dem Update

Ein auf die Diesel-Thematik spezialisierter VW-Sprecher bestreitet gegenüber dieser Redaktion nicht, dass sich Partikelfilter nach dem Update schneller zusetzen können als zuvor. Er sieht darin allerdings keinen Mangel, sondern ein für Diesel normales Verhalten, auf das auch in der Bedienungsanleitung hingewiesen werde. Zugleich wehrt er sich gegen Vorwürfe, dass die Rußpartikel auch das AGR-System des Motors beschädigen, was die Mandanten von Rogert & Ulbrich behaupten.

Untersuchungsausschuss mit Winterkorn-Aussagen unzufrieden

Der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat am Donnerstag vor einem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur VW-Abgasaffäre für die Diesel-Abgasmanipulationen seines Unternehmens erneut um Entschuldigung gebeten. Auch er hätte das nicht für möglich gehalten, sagte Winterkorn. Er habe als Vorstandschef die politische Verantwortung für diese Vorgänge übernommen und sei deshalb im September 2015 zurückgetreten. Dies sei der schwerste Schritt seines Lebens gewesen. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses zeigte sich mit den Ausführungen des früheren Konzernchefs unzufrieden. Der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens von der Partei Die Linke: "Wenn nicht seine Leute ihn darauf angesprochen haben, dann hätte er zumindest selbst aktiv werden müssen. Und aktiv nachfragen müssen. 'Hey Leute, was ist denn da los? Was hat zu diesem Rückruf geführt?' Und in diesem Licht sind natürlich auch die weiteren Antworten, die uns Herr Professor Winterkorn gegeben hat, zu bewerten. Ich glaube, in weiten Teilen ist er hinter dem zurückgeblieben, was er wirklich weiß". Auch der CSU-Abgeordnete Ulrich Lange kritisierte Winterkorns Stellungnahme. "Es wäre heute eine große Chance gewesen, jenseits der Ermittlungen in Braunschweig der Öffentlichkeit, der Politik, der Gesellschaft, den Kunden und den Mitarbeitern gegenüber einiges klarzustellen. Und für echte Aufklärung zu sorgen." Der Grünen-Abgeordnete Oliver Krischer: "Damit stellt sich dar, dass es eine Mitverantwortung der Bundesregierung für diesen Abgasskandal gibt, dass die Probleme beim Thema Abgas, Stickoxide und CO2, die wir über viele Jahre haben, nicht ein einziges Mal bei dem Vorstandsvorsitzenden aufschlagen. Wenn das so stimmt, wie er es hier uns heute dargestellt hat." Der Ausschuss wurde im April 2016 eingesetzt. Die wesentliche Zielsetzung ist es, die Rolle der Bundesregierung und der Behörden zu klären.
Untersuchungsausschuss mit Winterkorn-Aussagen unzufrieden

Die Kanzlei verweist dabei zum Beispiel auf einen neun Jahre alten VW Eos, der bereits 100 Kilometer nach dem Update liegenblieb – ein Fall, über den am Freitag auch die "Auto Bild" berichtete. Der Austausch des Systems (Kosten üblicherweise 700 bis 1700 Euro) sei von Volkswagen auf Kulanz übernommen worden, um das Thema unauffällig abzuräumen, wie Rechtsanwalt Tobias Ulbrich gegenüber dieser Redaktion erklärte. Es sei ohnehin "das typische Verhalten eines Massenschädigers", nach außen seine Rechtsposition zu verteidigen, bei juristischen Schritten aber dann Präzedenzfälle durch das Schließen eines Vergleichs mit Verschwiegenheitsklausel zu vermeiden.

VW bestreitet den Zusammenhang zwischen Update und Fehler

Der VW-Konzern sieht die Sache völlig anders. Das Schadensbild an der Abgasrückführung sei keineswegs durch das Update entstanden, sondern habe es auch früher schon gegeben, wenngleich er keine konkreten Zahlen zu Laufleistung und Fahrzeugnutzung nennen kann: "Die technischen Lösungen, die im Rahmen des Rückrufs umgesetzt werden, haben keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des AGR-Systems", teilt ein VW-Sprecher mit. "Bei Beanstandungen werden die Ursachen in Abstimmung mit den Service-Ansprechpartnern in den betreuenden Handelsbetrieben in jedem Einzelfall untersucht, analysiert und bewertet.

In diesen Einzelfällen wird jeweils individuell über eine entsprechende kundenorientierte Lösung entschieden." Doch Anwalt Ulbrich zweifelt am gesamten Rückruf-Prozedere und betont, dass ja eigentlich alle betroffenen Diesel keine gültige Betriebserlaubnis hätten. Deshalb habe er nun sogar einen Fall auf dem Tisch, bei dem ein Versicherer versucht, nach einem Haftpflichtschaden seinen Kunden (und damit über einen Umweg auch VW) in Regress zu nehmen.

Zehn-Millionen-Euro-Gehaltslimit pro Jahr für den Vorstandschef?

Nach den Vorwürfen in der Diesel-Affäre haben sich der VW-Konzernchef Matthias Müller und der Audi-Aufsichtsrat hinter Audi-Chef Rupert Stadler gestellt. Der Aufsichtsrat habe die von einem gekündigten Ingenieur erhobenen Anschuldigungen von einer Anwaltskanzlei prüfen lassen. "Diese Prüfung kommt zum Ergebnis, dass die gegen Herrn Stadler erhobenen Vorwürfe nicht zutreffend sind", teilte die VW-Tochter am Freitag in Ingolstadt mit. "Der Aufsichtsrat spricht Rupert Stadler sein Vertrauen aus."

Bis in den Freitagabend hinein tagte der VW-Aufsichtsrat. Der Entwurf für das neue Vergütungssystem sah ein Zehn-Millionen-Euro-Gehaltslimit pro Jahr für den Vorstandschef vor. Für Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, der 2011 auf 17,5 Millionen Euro Jahressalär kam, wäre das ein empfindlicher Einschnitt gewesen. Für den amtierenden VW-Chef Matthias Müller eröffnet es neue Perspektiven. Müller bekam 2015 "nur" etwas mehr als vier Millionen Euro – eine Folge der finanziellen Belastungen durch den Abgas-Skandal.

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