Wolfsburg

Probleme mit VW-Autos nach Abgas-Update

Dutzende Autobesitzer berichten über technische Mängel nach Rückrufaktion. Konzern schreibt Milliardengewinn und kappt Manager-Gehälter

Wolfsburg. Eine positive Nachricht sollte verkündet werden nach der Sitzung des Volkswagen-Aufsichtsrates am Freitag. Die Schere beim Gehalt zwischen denen von Managern und den einfachen Werktätigen werde etwas kleiner. Der VW-Vorstandschef soll höchstens zehn Millionen Euro Gehalt pro Jahr bekommen, die anderen Vorstandsmitglieder maximal 5,5 Millionen.

Doch kurz vor der freudigen Durchsage verhagelte eine Hiobsbotschaft den Aufsehern und der Konzernspitze das Wochenende: Der Abgasbetrug lässt sich technisch offenbar nicht so einfach zurückdrehen wie gedacht. Es gibt Probleme bei der Nachrüstung. Einige Autos springen danach nicht mehr an. Deshalb gibt es bereits neue Klagen. Es geht um beschädigte Abgasrückführungssysteme, um die wichtige Frage, ob die Nachrüstung das Problem wirklich behebt – und damit für Volkswagen wieder einmal um alles. Denn vom Rückruf betroffen sind rund 2,5 Millionen Fahrzeuge der Konzernmarken VW, Audi, Seat und Skoda.

Kunden berichten über Folgeschäden, die durch die Veränderungen an der Motorsteuerung entstanden sein sollen. Die Düsseldorfer Anwaltskanzlei Rogert & Ulbrich, die nach eigenen Angaben rund 1500 VW-Kunden vertritt, berät aktuell auch rund 50 Mandanten, die nach einer Umrüstung Probleme mit der Abgasrückführung (AGR) bekamen.

Das Problem: Dieselmotoren wie der EA 189 von Volkswagen leiten während der Fahrt Teile des Abgases zurück in den Motor, um die Verbrennung des Kraftstoffes zu optimieren. Das Verfahren birgt allerdings einen Zielkonflikt: Entweder entstehen mehr Stickoxide (NOx) oder mehr Rußpartikel. Volkswagens Ingenieure hatten sich bei den manipulierten Dieseln anfangs entschieden, die Software so zu justieren, dass niedrige NOx-Werte nur auf Prüfständen erreicht wurden, im Praxisbetrieb jedoch weniger Ruß entstehen sollte. Das ist nun, nach dem Update, anders und kann dazu führen, dass jetzt mehr Partikel im dafür eingebauten Filter hängenbleiben.

Ein auf die Diesel-Thematik spezialisierter VW-Sprecher bestreitet gegenüber dieser Zeitung nicht, dass sich Partikelfilter nach dem Update schneller zusetzen können als zuvor. Er sieht darin allerdings keinen Mangel, sondern ein für Diesel normales Verhalten, auf das auch in der Bedienungsanleitung hingewiesen werde. Zugleich wehrt er sich gegen Vorwürfe, dass die Rußpartikel auch das AGR-System des Motors beschädigen, was die Mandanten von Rogert & Ulbrich behaupten.

Die Kanzlei verweist dabei zum Beispiel auf einen neun Jahre alten VW Eos, der bereits 100 Kilometer nach dem Update liegenblieb – ein Fall, über den am Freitag auch die „Auto Bild“ berichtete. Der Austausch des Systems (Kosten üblicherweise 700 bis 1700 Euro) sei von Volkswagen auf Kulanz übernommen worden, um das Thema unauffällig abzuräumen, wie Rechtsanwalt Tobias Ulbrich gegenüber dieser Zeitung erklärte. Es sei ohnehin „das typische Verhalten eines Massenschädigers“, nach außen seine Rechtsposition zu verteidigen, bei juristischen Schritten aber dann Präzedenzfälle durch das Schließen eines Vergleichs mit Verschwiegenheitsklausel zu vermeiden.

Der VW-Konzern sieht die Sache völlig anders. Das Schadensbild an der Abgasrückführung sei keineswegs durch das Update entstanden, sondern habe es auch früher schon gegeben, wenngleich er keine konkreten Zahlen zu Laufleistung und Fahrzeugnutzung nennen kann: „Die technischen Lösungen, die im Rahmen des Rückrufs umgesetzt werden, haben keinen negativen Einfluss auf die Funktion und Wirkungsweise des AGR-Systems“, teilt ein VW-Sprecher mit. „Bei Beanstandungen werden die Ursachen in Abstimmung mit den Service-Ansprechpartnern in den betreuenden Handelsbetrieben in jedem Einzelfall untersucht, analysiert und bewertet. In diesen Einzelfällen wird jeweils individuell über eine entsprechende kundenorientierte Lösung entschieden.“ Doch Anwalt Ulbrich zweifelt am gesamten Rückruf-Prozedere und betont, dass ja eigentlich alle betroffenen Diesel keine gültige Betriebserlaubnis hätten. Deshalb habe er nun sogar einen Fall auf dem Tisch, bei dem ein Versicherer versucht, nach einem Haftpflichtschaden seinen Kunden (und damit über einen Umweg auch VW) in Regress zu nehmen.

Freitagabend verkündete der Aufsichtsrat den Beschluss: Maximal zehn Millionen Euro Jahresgehalt für den Vorstandschef, höchstens 5,5 Millionen für Vorstandsmitglieder – gemessen an den von 2011 bis 2015 gezahlten Salären sind das 40 Prozent weniger für den Vorstandschef, 28 Prozent für die Vorstände. Für Bonuszahlungen gelten künftig strengere Kriterien. Im Gegenzug steigen die Fixgehälter.

In der Bilanz stehen unterm Strich wieder schwarze Zahlen. Gewinn nach Steuern 2016: 5,1 Milliarden Euro, nach einem Rekordverlust von 1,6 Milliarden im Jahr zuvor. Mit einem Plus von 7,1 Milliarden Euro vor Zinsen und Steuern lag das operative Ergebnis 2016 jedoch deutlich unter dem von vor zwei Jahren, bevor die Abgas-Manipulationen bekannt wurden. Damals hatte VW noch rund 12,6 Milliarden Euro verdient.

Grundlage für den guten Lauf im Tagesgeschäft ist der weiter brummende Absatz in China und das weitgehend erfolgreiche Abschneiden profitabler Tochtermarken. Je Vorzugsaktie bekommen VW-Anteilseigner eine Dividende von 2,06 Euro – ein Tostpflaster nach zuletzt mageren 17 Cent.