E-Commerce

Wie die Otto Group den Internethandel neu erfinden will

Die Otto Group startet mit guten Zahlen ins neue Jahr. Der Umsatz wächst um zehn Prozent auf knapp sieben Milliarden Euro.

Rainer Hillebrand ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Otto Group

Rainer Hillebrand ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Otto Group

Foto: BM

Berlin / Hamburg.  Die Hamburger Otto Group, zweitgrößtes Internet-Handelshaus in Deutschland und unter den fünf größten Onlinehändlern weltweit, hat in Berlin Jahreszahlen vorgelegt. Unternehmenssprecher Thomas Voigt nannte es eine Premiere, dass die Unternehmensgruppe aus der deutschen Handelshauptstadt in die Digitalhauptstadt gekommen war. "Wir haben eine ganze Reihe von spannenden Unternehmen in Berlin", sagte Voigt.

Den aktuellen und vorläufigen Zahlen zufolge ist der Umsatz im laufenden Geschäftsjahr auf knapp sieben Milliarden Euro gestiegen. Das entspricht einem Plus von 615 Millionen Euro oder knapp zehn Prozent. Davon entfallen auf Deutschland 4.9 Milliarden Euro nach 4.5 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.

Dass die Gruppe kein höheres Wachstum erreicht hat, liegt nach Worten des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Rainer Hillebrand am kostenintensiven "Umbau der Technologie-Infrastruktur".

Mit Schuhhandel fing alles an

Der Schuhhändler Werner Otto hatte im Jahr 1949 einen Versandhandel gegründet. Innerhalb von zehn Jahren entstand aus dem Versandhandel mit 28 Schuhen im Angebot ein Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 100 Millionen D-Mark. Das Unternehmen überschritt 1970 die Umsatzmilliarde, um in den 70er-Jahren zu einem Handels- und Dienstleistungskonzern zu wachsen.

In den 80er-Jahren internationalisierte die Gruppe. Seit 1995 war der Otto Versand mit seinem Warenangebot erstmals im Internet vertreten. Inzwischen ist die Otto Group im deutschen Onlinehandel die Nummer Zwei hinter Amazon und vor dem Berliner Internet-Modehändler Zalando.

Hillebrand zeigte sich mit dieser Entwicklung dennoch zufrieden. "In zahlreichen Konzernunternehmen verzeichnen wir ein hohes zweistelliges Wachstum, in anderen Gesellschaft müssen wir weiter daran arbeiten", sagte er. "Die Vielfalt ist die Stärke der Otto-Group", sagte Hillebrand.

Jeder zweite Euro mit Mode verdient

Die Unternehmensgruppe verfolgt dabei vier strategische Ansätze, wie Hillebrand sagte. "Wir sind Weltmeister der digitalen Transformation im Handel." Bei Otto erstreckt sich das Geschäft vor allem in die Bereiche Mode, Möbel und Elektronik. "Auf Fashion entfallen 50 Prozent des Umsatzes, auf Möbel 30 Prozent", sagte Hillebrand.

Weitere strategische Säulen der Gruppe sind, andere Handelsunternehmen an den Geschäften partizipieren zu lassen und "neue Unternehmen auf der grünen Wiese aufzubauen". Als Beispiel dafür nannte der stellvertretende Vorstandschef den Bezahldienstleister "RatePay". Eine vierte Säule macht nach seinen Worten die Kooperation mit dem Wagniskapitalgeber e.ventures aus – "ein Pulsmesser, mit dem wir schnell erkennen, was in der digitalen Welt passiert", so Hillebrand.

Wie der stationäre Handel überleben kann

"Wir glauben an die Dualität des Handels", sagte Hillebrand. Der stationäre Handel werde aber nur dann seine heutige Bedeutung behalten, wenn es ihm gelingt, kundenzentriert zu arbeiten. Als Trends hat Hillebrand hier den Dialog mit dem Kunden und die Personalisierung der digitalen Verkaufsplattformen ausgemacht. Hier gewinnen mobile Angebote eine immer größere Bedeutung, wobei die Kommunikation zwischen dem Handel und seinen Kunden per Kurznachrichten (Messaging) in den Vordergrund rückt – seien es Texte, gesprochene Botschaften oder Video-Chats. "Der Onlinehandel braucht eine individuelle Kundenansprache, die für den Kunden im Moment relevant ist und zu ihm passt", sagte Hillebrand.

Wie myToys Kunden bindet

Einer der Vorreiter bei diesen Trends ist das 1999 in Berlin gegründete und inzwischen auf 750 Mitarbeiter angewachsene Unternehmen myToys, eine Onlineplattform für Spielsachen und andere Produkte für Kinder. Gründer und Geschäftsführer Oliver Lederle macht 44 Prozent seines Umsatzes mit mobilen Geräten, wobei mehr als die Hälfte der Kunden gerne zwischen den verschiedenen Geräten wechseln – unterwegs nutzen sie die Smartphone-App, zu Hause das Tablet oder den PC. Sie werden mit einem ausgetüftelten Kampagnen-Management angesprochen. Das Unternehmen personalisiert die Ansprache der Kunden über den Lebenszyklus des Kindes - etwa mit einem automatischen personalisierten Baby-Newsletter.

Wenn Bots schon Wünsche erkennen

Wohin die Reise im Onlinehandel geht, skizzierte Arnulf Keese, Partner bei e.Ventures. Lernende Computer und die daraus erwachsende künstliche Intelligenz machen es nach seinen Worten möglich, im Onlinehandel Kunden immer spezifischer anzusprechen und die Zahl der Schritte zwischen einem Wunsch und seiner Erfüllung zu senken. Künstliche Intelligenz wird Wünsche von Kunden frühzeitig erkennen können. Bots, also roboterartige Programme, werden Wünsche auslesen können. In Zukunft sei denkbar, dass Bots bereits gedachte Wünsche erkennen können.

Experte sagt Eigenmarken-Boom voraus

Florian Heinemann, Gründer und Geschäftsführer des mit der Otto Group verbundenen Investors Project A Ventures in Berlin, sieht integrierte Eigenmarken als neuen Trend des Onlinehandels. Denn Anbieter von Eigenmarken realisieren höhere Gewinnmargen.

Für Rainer Hillebrand ist die Otto Group gut aufgestellt: "Amazon ist ein Technologiekonzern, der auch Handel betreibt. Otto ist der anfassbare Onlinehändler, vom Sortiment ähnlich wie Amazon, aber breiter aufgestellt als Zalando."

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