Berlin

Zug fahren und Strom sparen

Mit einem bundesweiten Wettbewerb sucht die Deutsche Bahn den Lokführer, der am wenigsten Energie verbraucht

Berlin. Einfach rollen lassen. Das ist die beste Methode. Ronald Misch sitzt im Führerstand seiner Lieblingslok, Baureihe 182, Drehstrom, 8700 PS. Auf seiner Stammstrecke von Magdeburg nach Frankfurt/Oder bringt er seinen roten Regionalexpress hinter Fürstenwalde auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometer. Und dann spart er Strom. Eisen auf Eisen – ein 380 Tonnen schwerer Zug rollt bei diesem Tempo im flachen Ostbrandenburg von ganz allein die 15 Kilometer bis nah an die polnische Grenze.

Wäre da nicht die Dauerbaustelle bei Köpenick gewesen – es hätte eine richtig gute Fahrt für den Wettbewerb werden können, über den derzeit die meisten Lokführer in Deutschland sprechen. Die Rangliste kennen nur sie. Wie eine interne Bundesliga-Tabelle, hängt sie in vielen Dienststellen des Regionalverkehrs aus. Welcher Lokführer und welches Team haben in der laufenden Saison am meisten Strom gespart? Wer wo steht im Ranking, das zeigt die Statistik. Die Baustelle bei Köpenick versperrte Ronald Misch den Weg zu einer besseren Platzierung. Am Ende stand ein Stromverbrauch um die 2000 Kilowattstunden – eher Durchschnitt.

Fragt man Johannes Krumm, Projektleiter für energiesparendes Fahren im norddeutschen Regionalverkehr, motiviert ein spielerischer Wettbewerb mehr als eine Vorschrift. Bei der Bahn hat das Ranking vor allem einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. 30 Millionen Euro Stromkosten könnte das Unternehmen allein im Regionalverkehr pro Jahr sparen, wenn alle Lokführer auf energiesparendes Fahren achteten. Bisher seien es erst sechs Millionen Euro im Jahr, sagt Krumm.

Im Sommer 2014 begann in Berlin und Brandenburg das Pilotprojekt, das Lokführer fürs Stromsparen begeistern sollte. Seit Jahresbeginn sind alle Bundesländer beteiligt. Misch, Teamleiter für 56 Lokführer, war von Anfang an dabei. „Ich habe das mal in Geld umgerechnet“, sagt er. „Zu Hause regt sich doch auch jeder auf, wenn die Kinder das Licht brennen lassen.“ Strom kostet eben. Die Bahn, einer der größten nationalen Stromverbraucher, benötigt Unmengen. 20.000 elektrische Züge rollen pro Tag durch Deutschland. Zusammen mit anderen Eisenbahnunternehmen summierte sich das 2016 auf 10.000 Gigawattstunden – fast so viel Strom, wie Berlin im Jahr verbraucht.

Zu Mischs Stromspar-Techniken gehören neben lässigem Rollenlassen auch geschicktes Anfahren und das Bremsen mit der Lok. Das funktioniert ähnlich wie die Motorbremse beim Auto – und die Energie fließt zurück. Gut fürs Ranking. Der Bordcomputer gibt bei jeder Fahrt Stromspar-Tipps. Eine Erfahrungsliste der besten Sparfüchse unter den Lokführern liegt für jeden Streckenabschnitt zusätzlich im Führerstand.

Trotzdem gilt: Auch Sparen hat seine Grenzen. Zuerst kommt bei der Bahn die Sicherheit, dann die Pünktlichkeit. Wirtschaftlichkeit liegt auf Platz drei. Hat ein Zug Verspätung, geht die Energie erst einmal ins Aufholen.

Misch, 51, stammt aus einer Eisenbahnerfamilie in Brandenburg an der Havel. Schon als Dreijähriger kletterte er in den Führerstand von Opas Dampflok. Durch geschicktes Fahren konnte der Großvater damals schon Kohlen sparen. Misch machte den Kleine-Jungen-Traum zum Beruf, seit 1983 ist er Lokführer. Seit Jahren schon steuert er den Regionalexpress zwischen Magdeburg und Frankfurt/Oder. Der Mann mag Zahlen. Einen Verbrauch von 1700 Kilowattstunden Strom von Magdeburg bis Frankfurt/Oder nennt er Spitze. 2400 Kilowattstunden, rund so viel wie ein deutscher Singlehaushalt im Jahr verbraucht, wären ein Grund, mit Kollegen über Trainings zu reden. Jeden Monat bekommen Misch und seine Kollegen ihre persönliche Spar-Bilanz. Die Aushänge im Büro sind anonymisiert, schon aus Datenschutzgründen.

Durchschnittlich könnten Lokführer durch energiebewusstes Fahren rund zehn Prozent Strom einsparen, sagt Projektleiter Krumm. Im Regionalverkehr lägen die Chancen sogar höher als beim ICE, ergänzt er. Es gibt mehr Haltepunkte. Schon das allein erhöht die Sparchancen durch das Bremsen mit der Lok. Beim Pilotprojekt floss ein Teil der gesparten Summe an die Kollegen zurück. Bundesweit soll der Anreiz über den spielerischen Wettbewerb laufen.