Berlin/Hamburg

Mieten ist das neue Kaufen

Immer mehr Konsumenten entsagen dem Besitz und wählen die Ökonomie des Teilens.

Berlin/Hamburg. Am Anfang war das Carsharing. Heute wird das Taxi per App geordert und mit Mitfahrern geteilt. Airbnb macht der Hotelbranche mit Privatwohnungen Druck: Die Shareconomy – also die Ökonomie des Teilens – greift dort, wo sich physische Güter komplett durch digitale ersetzen lassen. Filmanbieter wie Netflix oder Maxdome ersetzen alte DVD-Sammlungen. Und gestreamte Musiktitel machen mittlerweile rund ein Viertel des Jahresumsatzes im deutschen Markt aus.

„Die Nutzung von Gütern ist für viele Konsumenten interessanter als deren Besitz“, sagt Trendforscher Peter Wippermann. Viele wollten sich mit physischen Dingen einfach nicht mehr belasten. Ursprünglich als sozialromantische Idee des Teilens gestartet, habe sich die Shareconomy heute zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. „Diese Entwicklung steht noch immer am Anfang“, glaubt Wippermann. Dafür spricht, dass nun auch eher traditionelle Handelskonzerne das Thema für sich entdecken.

So bietet die Elektronikkette Media Markt in ihrem Onlineshop fast 500 Produkte zum Mieten an – von der Virtual-Reality-Brille über einen Bodenwischroboter bis zur Apple Watch. „Die Einkaufsgewohnheiten verändern sich“, sagt Lennart Wehrmeier, Manager bei Media-Saturn. „Die Konsumenten wollen mehr Flexibilität, mehr Entscheidungsmöglichkeiten.“ Die Zielgruppe: technikaffine Kunden, die stets die neuesten Smartphones haben wollen – oder mal eine Drohne für kurze Zeit ausprobieren möchten.

Mindestlaufzeit für die Miete ist ein Monat, danach können die Geräte jederzeit zurückgegeben werden. Kunden sollen aber auch auf Wunsch Optionen für einen Kauf angeboten werden. Media Markt kooperiert bei dem neuen Service mit dem Berliner Start-up Grover, das bereits seit zwei Jahren auf dem Gebiet von Mietkaufangeboten für Technikgeräte tätig ist. Mittelfristig ist eine Ausweitung des Mietservices auf die stationären Märkte denkbar.

Ende 2016 ist auch der Versandhändler Otto ins Mietgeschäft eingestiegen. Über Ottonow.de bietet der Konzern Fotokameras und sogar so sperrige Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder Kühlschränke an. Der monatliche Mietpreis deckt einen Rundumservice ab – inklusive Lieferung, Aufbau und Anschluss. „Die bisherigen Zahlen liegen über unseren Erwartungen“, sagt Otto-Sprecher Frank Surholt. Tausende Mitarbeiter kümmern sich allein um die Retouren. Sie überprüfen beispielsweise zurückgesandte Smartphones und löschen persönliche Daten, die darauf gespeichert wurden – eine Pflicht vor dem erneuten Verleih.

„Mieten statt kaufen ist so verführerisch, weil sich dadurch unsere Möglichkeiten erst einmal unendlich erweitern“, sagt Trendforscher Wippermann. Doch das Leihen von Konsumgütern schaffe auch Abhängigkeiten. „Wenn das Abonnement bei einem Anbieter endet, dann haben die Kunden nichts.“